6. Sonntag nach Trinitatis 2017 (23. Juli, Heiliggeistkirche)

"Was erwarte ich von einer protestantischen Kirche?"

Predigt von Theresia Bauer, MdL und
Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst

Liebe Gemeinde,
 
ich freue mich und danke Ihnen, dass ich heute zu Ihnen sprechen darf. Es ist ja noch nicht allzu lange her, dass ich schon einmal hier am Redepult der Heiliggeistkirche stand, nämlich als wir gemeinsam das Reformationsjahr Ende letzten Jahres eröffnet haben.
Und nun haben Sie mich gebeten, darüber zu sprechen, was ich von einer protestantischen Kirche erwarte. Also Wünsche von der Politik - in diesem Fall von mir - an Sie, die protestantische Kirche, zu formulieren.
 
Diese Bitte ist ein Geschenk für eine Politikerin, wissen Sie das?

Sonst ist es nämlich meistens anders herum. Die Politik ist Empfänger von vielerlei Wünschen, was besser werden soll, was sich ändern soll oder was sich bitte auf keinen Fall ändern soll - vorzugsweise alles gleichzeitig. Der Perspektivwechsel heute - das ist ganz etwas Besonderes für mich. Deshalb habe ich mich nicht lange bitten lassen:
Ja, sicher habe ich Wünsche und Erwartungen an eine protestantische Kirche.
Ja sicher, ich setze Hoffnungen in Sie - und keine kleinen.
 
Im Reformationsjahr gibt es viele gute Gelegenheiten, sich mit den Impulsen der Reformation und ihrer Bedeutung in unserer Zeit zu beschäftigen. Vor wenigen Tagen war ich in Ötigheim, 60 km von hier, bei den traditionellen Volksschauspielen. Sie führen dieses Jahr ein Stück namens „Luther“ auf. Imposant, und absolut empfehlenswert. Was mir besonders ins Auge gesprungen ist: Die Zeit Luthers war eine Zeit voller Ängste: Angst vor der Hölle, Angst, nicht gut genug für Gott und den Himmel zu sein - deshalb der lukrative Ablasshandel; Angst ums materielle Überleben, Angst vor den Türken – daran erinnert auch die Kantate im heutigen Gottesdienst „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“.

All diese Ängste - Gar nicht so anders als heute.

Die Angst vor so etwas wie Islamisierung geht um in Deutschland und Europa. Die Angst vor sozialem Abstieg, die Angst vor Terroranschlägen, die Angst zu versagen im Beruf oder in der Familie, die Angst vor Naturkatastrophen, die Angst, abgehängt zu werden in einer komplizierten Welt, die sich in rasantem Tempo wandelt. Die Angst vor all dem Fremden und Ungewissen, das die Zukunft mit sich bringt. Obwohl es uns materiell so gut geht hierzulande wie noch nie: Man spürt die Gereiztheit unserer Gesellschaft, man spürt das wachsende Unbehagen, ob das alles noch unter Kontrolle zu halten ist. Ob wir den gewaltigen Aufgaben gewachsen sind, vor denen wir stehen?
Und da schwingt der Zweifel an den politisch Verantwortlichen und der Leistungsfähigkeit der Demokratie erkennbar mit: Ob wir das alles schaffen, damit auch noch unsere Kinder eine gute Zukunft vor sich haben?

Egal, ob diese Sorgen und Befürchtungen begründet oder nur diffus sind, sie sind da. Damit müssen wir umgehen, denn sie dürfen unsere Gesellschaft nicht lähmen oder uns in Panik versetzen. Wir wissen aus eigener Erfahrung hier im Land: Wo sich allgemeine Verunsicherung breit macht, lassen sich gut ideologische Süppchen kochen. Wir sehen solche Tendenzen in einigen Ländern Europas und in Amerika. Wer den Eindruck hat, dass die Welt aus den Fugen gerät, ist anfällig für die ganz simplen Parolen und allzu einfachen Lösungsmuster. Wer sich der komplizierten Welt ausgeliefert fühlt, der kann Sehnsüchte entwickeln nach starker Führung oder dem starken Mann, der die Eigenen endlich wieder ganz groß rauskommen lässt. Wer verängstigt ist, der erstarrt und verliert die Offenheit dem Neuen und dem Anderen gegenüber. Das gilt für den einzelnen wie für unsere Gesellschaft als Ganzes.

 
Ist da die Botschaft Martin Luthers nicht unglaublich aktuell? Was er den Menschen im Mittelalter vermittelte - die Botschaft von der „Barmherzigkeit Gottes“, die sie befreit aus der Angst? Wer sich nicht mehr fürchten muss, der gewinnt Vertrauen und der fasst Mut. Ist diese befreiende und Mut machende Botschaft nicht genauso stark im 21. Jahrhundert wie vor 500 Jahren? Worauf die Ängste sich richten, das mag sich geändert haben in 500 Jahren. Aber dass verallgemeinerte Ängste Menschen gefangen nehmen und kleinmütig machen - das ist geblieben. Die protestantische Kirche steht für genau diesen „Auszug aus der Angst“. Diese Botschaft ist auch für die Menschen des 21. Jahrhunderts relevant. Sie wird dringend gebraucht in unserer Zeit!

Was ich von einer protestantischen Kirche erwarte? Dass von ihren Gläubigen sichtbar und spürbar diese Kraft der Freiheit ausgeht, eine Haltung, die Zuversicht und Mut zum Handeln schenkt. Dennoch: Das alleine reicht nicht. Mit der richtigen Haltung alleine sind noch keine Probleme gelöst und der Nebel der undurchsichtigen Zukunft ist noch nicht durchdrungen. Mut alleine reicht nicht aus, um erfolgreich Wege in die Zukunft zu bahnen. Das wäre waghalsig. Wir müssen schon unsere Köpfe benutzen, auf unser Wissen setzen und es vermehren. Kurzum: Wir brauchen die Kraft von Wissenschaft, Bildung und Kreativität. Wir brauchen Wissenschaft, um komplexe Sachverhalte zu durchdringen, um die großen Zusammenhänge herzustellen und um immer tiefer in die Details einzudringen. Wir brauchen Wissenschaft, um das Bestehende immer wieder zu hinterfragen. Wir brauchen ihre unendliche Neugierde. Wir brauchen ihren Antrieb, die Welt immer genauer zu verstehen.

Und wir brauchen unsere Bereitschaft, uns von den Einsichten aus Wissenschaft und Kultur berühren und irritieren zu lassen. Damit wir sie als Ansporn nutzen, die Dinge nochmal anders zu sehen und neue Lösungen zu erproben. Auch das erwarte ich von einer protestantischen Kirche heute wie vor 500 Jahren: Damals markierten Martin Luther und Philipp Melanchthon ein radikales Umdenken: Sie verlangten, Bildung und Wissenschaft zu verbreitern und allen zugänglich zu machen. Sie forderten ein, dass jeder selbst Lesen und Schreiben können müsse, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können: Bis heute ist dieses Freiheitsversprechen durch Bildung nicht vollständig eingelöst. Philipp Melanchthon wird folgende bemerkenswerte Aussage zugeschrieben: „Je besser der Zustand ist, in dem sich ein Staatswesen befindet, desto großzügiger verhält es sich gegenüber denen, die den Künsten und Wissenschaften nacheifern.“ Gesagt vor 500 Jahren! - hat dieser Satz bis heute nichts an Aktualität verloren!

Jetzt mögen Sie sich fragen, ob es sich die Politikerin vor Ihnen nicht ein bisschen einfach macht. Denn die Zuständigkeit dafür, die richtigen Entscheidungen zu treffen um die Zukunft zu gestalten in einer komplizierten Welt, hat doch die Politik selbst. Politiker werden doch genau für diese Aufgabe vom Volk gewählt, Wege in eine ungewisse Zukunft zu bahnen und das dafür Notwendige zu tun. In der Tat: Der rechte Glauben und das nötige Wissen ersetzen politische Verantwortung nicht. Die Fakten der Wissenschaft sind nicht so eindeutig, dass sie der Politik klare Handlungsanweisungen liefern.
Und aus der Kraft des Glaubens ergeben sich nicht wie von allein die richtigen Entscheidungen. Ich jedenfalls glaube das nicht.

Um ein Beispiel zu nennen: Wir wissen, dass unsere Art uns fortzubewegen, unsere Auto-Mobilität von heute, nicht taugt für die Zukunft. Sie ist nicht verallgemeinerbar für die ganze Welt. Genauso wenig wie unsere Art Energie zu erzeugen und zu verbrauchen. Wir wissen, dass unser Klima das nicht verträgt. Oder besser gesagt, dass wir das veränderte Klima bald nicht mehr vertragen werden. Wir wissen um die fatalen Folgen eines Weiter-So für das Leben auf unserem Globus. Die Wissenschaft hat jede Menge Fakten dazu geliefert. Es ist auch klar, dass wir mutig und schnell handeln müssen.

Aber damit ist noch lange nichts über das Wie gesagt, und Was wir konkret tun. Den Verbrennungsmotor optimieren oder radikal Umsteigen auf Elektromobilität? Alle auf erneuerbare Energien verpflichten oder für Energieeffizienz und Sparsamkeit werben? Alles teuer machen, was mit Öl zu tun hat oder finanzielle Unterstützungsangebote für saubere Energie und Mobilität aufsetzen? Sollen wir vorangehen als Vorreiter des Neuen oder sollen wir uns besser vorsichtig vorwärts tasten und aus den Erfahrungen anderer lernen? Was ist wichtiger: Die Wertschöpfung und Arbeitsplätze im Land oder die globale Verantwortung? Diese politischen Entscheidungen müssen in der Demokratie ausgehandelt werden. Es konkurrieren verschiedene Lösungen, alte Patentrezepte gegen neue Ideen, Riskantes gegen Bewährtes, es wird gerungen um das Machbare, das Finanzierbare, um gangbare Kompromisse und vertretbare Veränderungen. Die Schritte, die dabei herauskommen, sind meistens kleiner als gewünscht, die Richtung ist nicht immer eindeutig erkennbar. Ich vermute: Sie kennen das. Demokratie ist manchmal selbst so kompliziert wie die Zukunft undurchsichtig ist. Wie schwierig auch immer: Die politisch Verantwortlichen haben die Pflicht, alles dafür zu tun, dass die Demokratie sich als handlungsfähig und klug erweist.

Aber ich bin fest überzeugt davon: Demokratische Entscheidungen sind nie mutiger als ihre Bürgerinnen und Bürger. Und sie sind auch nie klüger. Demokratische Entscheidungen müssen immer getragen und verstanden sein von der Allgemeinheit. Gute Entscheidungen benötigen die öffentliche Suche nach der besten Lösung, das Ringen um die stärksten Argumente, das kontroverse Abwägen und konstruktive Streiten um der Sache willen. Eine kraftvolle Demokratie braucht den Mut und die Klugheit ihrer Bürgerinnen und Bürger, die den Kopf nicht in den Sand stecken vor den Zumutungen des Wandels. Sie braucht deren Freude und Zuversicht, dass die Zukunft eine gute sein kann, wenn wir uns darum kümmern. Die Demokratie ist angewiesen auf die kritischen Köpfe ihrer Bürger, wenn es gilt, etwas zu korrigieren und auf deren konkretes Engagement beim Bewältigen der Herausforderungen.

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst Wolfgang Böckenförde hat das so formuliert: „Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Will sagen: Er lebt davon, dass Menschen sich einmischen und sich – im Sinne von Hannah Arendt – „sprechend und handelnd in die Welt einschalten“.

Was ich mir also wünsche von einer protestantischen Kirche?
  • Dass Sie aktive Bürgerinnen und Bürger unseres Landes sind.
  • Ich erwarte von Ihnen Kraft und Mut, den Ängsten und Unsicherheiten unserer Zeit zu begegnen.
  • Ich erwarte von Ihnen Zutrauen, dass wir aus den Chancen und Herausforderungen der Zukunft gemeinsam etwas Gutes machen können.
  • Ich erwarte von Ihnen Offenheit und die Bereitschaft, die Dinge neu zu denken und Bestehendes in Frage zu stellen.
  • Und ich wünsche mir: Ihren mutigen Einsatz und Ihren Beitrag für eine lebendige, vielfältige und kraftvolle demokratische Gesellschaft.

Denn, um mit Worten Martin Luthers zu schließen:
„Furcht tut nichts Gutes.
Darum muss man frei und mutig in allen Dingen sein und feststehen.“