Sonntag Judika 2013 (17. März)

„Warum musste Christus leiden? - Zur 37. Frage des Heidelberger Katechismus“

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zum 450-jährigen Katechismus-Jubiläum

Was verstehst du unter dem Wort »gelitten«?

Jesus Christus hat an Leib und Seele die ganze Zeit seines Lebens auf Erden, besonders aber an dessen Ende, den Zorn Gottes über die Sünde des ganzen Menschen-geschlechts getragen. Mit seinem Leiden als dem einmaligen Sühnopfer hat er unseren Leib und unsere Seele von der ewigen Verdammnis erlöst und uns Gottes Gnade, Gerechtigkeit und ewiges Leben erworben.

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

im Jubiläumsjahr des Heidelberger Katechismus haben Sie Menschen eingeladen, sich in Predigten mit dem Heidelberger Katechismus zu befassen. Für den heutigen Sonntag war der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland als Prediger vorgesehen. Da er aber ausgerechnet heute in Berlin die EKD beim Jubiläum „40 Jahre Kirchengemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa“ vertreten muss, bin ich für ihn eingesprungen.

Gerade rechtzeitig zur Vorbereitung auf meine Predigt erhielt ich vor wenigen Tagen das kleine Büchlein „Heidelberger Glauben - 450 Jahre nach Erscheinen des Heidelberger Katechismus“. Es ist ein lesenswertes Buch - entstanden aufgrund einer Fragebogenaktion, bei der gefragt wurde: „Was glauben eigentlich die Heidelberger?“

Bezogen auf das Glaubenszeugnis des Heidelberger Katechismus zeitigt dieses Büchlein für mich zwei interessante Ergebnisse:

Einerseits lässt es erkennen, dass die vom Heidelberger Katechismus gegebenen Antworten auf Glaubensfragen eigenartig fremd daherkommen, zumal sie in einer Sprache verfasst sind, die heute nicht gerade leicht verständlich ist - Sie haben dies alle selbst eben bei der Lesung der Antwort auf die 37. Frage gemerkt.

Andrerseits zeigt das Buch, dass die Glaubensfragen des Heidelberger Katechismus höchst aktuell sind.

So haben sich viele Heidelberger mit der Frage beschäftigt, was Schuld in ihrem Leben bedeutet. Und sie haben beschrieben, dass Schuld etwas zu tun hat mit der Zerstörung menschlicher Beziehungen, mit Selbstbezogenheit und Selbstverfehlung. Mit diesen Antworten sind sie nahe dran am Sündenverständnis der Bibel, das in der Reformation, so auch im Heidelberger Katechismus, wieder entdeckt wurde.

Wenn wir heute Morgen in einen Dialog mit der 37. Frage des Heidelberger Katechismus eintreten, dann werden wir auch diese zwiespältige Erfahrung machen, die in jenem Heidelberg-Büchlein dokumentiert ist. Auf die Frage „Was geschieht von Gott her, damit Leben Heil wird?“ haben in diesem Buch etliche das Heilshandeln Gottes als liebevolle Zuwendung und Annahme, als Erneuerung der Beziehung zu Gott durch seine Vergebung beschrieben, als Schutz vor Unheil, Hilfe und Trost in der Not.

Was aber dem Heidelberger Katechismus so zentral wichtig ist, dass nämlich alles Heil für uns geschehen ist durch das Leiden Christi - das wird nur von ganz wenigen Heidelbergern so gesehen.

Und damit treten wir direkt ein ins Gespräch mit dem Heidelberger Katechismus und nähern uns seiner Antwort auf die Frage nach dem Heil bringenden Wert des Leidens Christi.
Seine Antwort auf die Frage „Was verstehst du unter dem Wörtlein gelitten?“ mutet schon recht fremdartig an, und zwar nicht nur wegen ihrer sprachlichen Form. Ich will sogleich ehrlich gestehen, dass mir diese Antwort auch inhaltlich größte Probleme bereitet:
Muss ich wirklich glauben, dass der leidende Christus „den Zorn Gottes wider die Sünde des ganzen menschlichen Geschlechts getragen hat“?
Muss ich Jesu Tod am Kreuz von Golgatha wirklich als das „Sühnopfer“ verstehen, mit dem „er unsern Leib und unsere Seele von der ewigen Verdammnis erlöste“?

Um die Antwort des Heidelberger Katechismus verstehen zu können, müssen wir kurz zurückschauen in die Bibel und in die Geschichte der Kirche.
Im alten Israel gab es ein bedeutsames Ritual, das Ritual des Sündenbocks. Am großen Versöhnungstag wurde ein Bock herbeigebracht. Ein Priester stemmte seine beiden Hände auf den Kopf des Bockes und bekannte über ihm alle Sünden des Volkes. Anstelle des schuldig gewordenen Volkes wurde dann der Bock - beladen mit der Sünde des Volkes - in die Wüste geschickt. Damit war die Sünde des Volkes weggeschafft.
Später wurde dieses Ritual im Tempel von Jerusalem vollzogen. Der Hohepriester brachte dort Gott Tieropfer, Sündenböcke, dar und erlangte so für das Volk Erlösung von aller Schuld.
An diese Tradition des großen Versöhnungstages knüpft das Neue Testament an, wenn es den Tod Jesu deutet.
Später wurde in der Alten Kirche diese Deutung zur Sühnopferlehre weiter entwickelt, nach der Gottes Zorn über die Sünden der Menschen durch das Opfer Christi am Kreuz gestillt werden müsse.

Jene große jüdische und christliche Kult- und Lehrtradition ist es, die hinter der Antwort des Heidelberger Katechismus steht. Diese in juristischen Kategorien der Satisfaktion denkende Heilslehre, diese Sühnopferlehre aber ist mir seit jeher höchst suspekt:
Braucht Gott wirklich ein Menschenopfer, um versöhnt zu werden?
Welche andere Möglichkeiten habe ich, das Leiden Christi in seiner Heilsbedeutung zu verstehen, ohne den Riss klein zu reden, der zwischen Gott und uns durch unsere Sünde entstanden ist?

Mit diesen Fragen stelle ich zugleich Fragen an die Antwort des Heidelberger Katechismus. Und mit diesen Fragen teile ich gewiss meine Skepsis mit vielen von Ihnen, auch mit vielen, die sich auf das Projekt „Was glauben die Heidelberger?“ eingelassen haben.
Das Wort vom Kreuz ist in der Tat eine Gotteskraft allen, die an Jesus Christus glauben. Aber wie kann ich dies Wort anders verstehen, als es mir der Heidelberger Katechismus anbietet zu verstehen?

Ich versuche eine Antwort, indem ich sage: Im Leiden Jesu wird nicht einem grimmigen Gott ein blutiges Opfer dargebracht, um ihm Genugtuung zu verschaffen.
Jesus gibt sich freiwillig, aufopfernd dem Leiden hin.
Er trägt alle Schuld, alles Leid der Welt hinauf aufs Kreuz. Und indem er dies stellvertretend für uns Menschen tut, tut er es uns zugute. Indem er sich verwunden lässt, öffnet er uns die Augen für unsere Wunden und hilft sie zu heilen.
Nicht wir entledigen uns am Kreuz von Golgatha unserer Schuld, indem wir Jesus als Sündenbock gebrauchen. Sondern indem er auch unsere Schuld mit ans Kreuz trägt, werden wir befreit, unsere Schuld anzunehmen.
Wir erkennen, dass wir in unserer Sünde jeder seinen, jede ihren eignen Weg geht: in unseren Familien, in unseren Ehen, in unseren Gemeinde, in unserer Kirche, in unserem Staat, im Miteinander der Weltfamilie. Wohin wir schauen: In unserer Selbstbezogenheit geht jeder seinen, geht jede ihren eigenen Weg. Dies ist unsere Sünde. Und diese Sünde erkennen wir im Blick auf den leidenden Christus, der gerade nicht seinen eigenen Weg geht, sondern einen Leidensweg, der anderen zugute kommt.

So hat Jesus Christus mit seinem Leiden und mit seinem Tod am Kreuz einen neuen Bund zwischen Gott und Mensch gestiftet. Er hat Heilvolles für uns getan. Er hat uns den Zugang zum heiligen Gott geöffnet. Am Kreuz hat er seine Arme so ausgestreckt, als wolle er eine Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und uns Menschen schlagen. Endgültige Erlösung ist angesagt. So kann ich mit den Worten des Heidelberger Katechismus glauben, dass ich durch das Leiden Christi erlöst bin von ewiger Verdammnis und ewiges Leben erworben habe.

Ja, das Leiden Christi wirkt Erlösung von unserer Sünde.
Schütteln wir nicht zu früh den Kopf über diesen Gedanken. Wir kennen doch unser ständiges Bemühen, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Wir kennen doch unsere Versuche, uns selbst und unser Leben selbst zu inszenieren. Wir kennen doch unsere Gottvergessenheit und Selbstbezogenheit. Wir wissen doch, wie wir ständig um uns selbst kreisen. Wir wissen doch um unsere Sünde der kurzatmigen Selbstverwirklichung auf Kosten anderer. Wir wissen doch, wie sehr wir durch Schuld und Sünde getrennt werden können von anderen.
Wie oft machen wir andere Menschen zu Opfern unseres Durchsetzungswillens oder zu Sündenböcken für unsere Verfehlungen. Wie oft opfern wir andere auf dem Altar unseres Ehrgeizes oder opfern gar unser eigenes Ich für angeblich höhere Zwecke. Auch produzieren wir durch menschliches Fehlverhalten ständig Opfer, sei es im Straßenverkehr, sei es durch den von uns verursachten Klimawandel oder durch unverantwortliches Konsumverhalten.

Sage niemand, dass wir die Sünde überwunden hätten. Und wenn wir genau in uns hinein horchen, dann wissen wir genau, wie sehr uns diese Sünde immer wieder neu von Gott trennt. Wir kennen das Gefühl, mit uns selbst eben nicht im Reinen zu sein. Uns unrein und schmutzig zu fühlen. Und manchmal ekeln wir uns dann vor uns selbst, weil wir spüren, dass wir nicht so leben, wie es uns und den anderen Menschen gut tun würde. Und wie schmerzhaft es dann ist, wieder zu uns selbst zu finden, zu eigener Schuld zu stehen und mit dieser Schuld vor Gott zu treten.

Wie kommen wir heraus aus der Knochenmühle der Sünde? Wie können wir mit Gott ins Reine kommen? Wie können wir mit unserer Unfertigkeit, mit unserer Schuld zurechtkommen angesichts der Heiligkeit Gottes? Opfertiere, Sündenböcke haben wir nicht mehr - wie im alten Israel - auf die wir unsere Unreinheit und Schuld übertragen könnten!

Wie gut tut es dann zu wissen: Im Leiden Christi leidet Gott selbst mit uns. Gott selbst hat alle Schuld und Sünde, alle Unheiligkeit und Unreinheit ans Kreuz von Golgatha getragen. In dem Gekreuzigten hat sich Gott selbst zum Opfer gemacht. Und so wurde das Kreuz zum Ort der Gegenwart des himmlischen Gottes auf der Erde. Zur Brücke zwischen Himmel und Erde. Zum Ort, an dem alles aus der Welt geschafft ist, was uns sündige Menschen vom heiligen Gott trennt.
Der Weg zu Gott ist offen - ein für allemal. Gott wird nie mehr Nein sagen zu uns, seit er Ja gesagt hat zu Jesus, dem Leidenden und Gekreuzigten. Alles Entscheidende ist getan. „Es ist vollbracht!“

Natürlich werden wir weiterhin erleben, dass wir zurückfallen in alte Denk- und Verhaltensmuster. Aber wir sind befreit aus dem Teufelskreis kaputt machender Selbstinszenierung. Wir brauchen uns nur gefallen zu lassen, was Gott für uns am Kreuz von Golgatha getan hat. Gott hat am Kreuz von Golgatha auch unsere Sünden weggenommen. Befreit von der Macht der Sünde können wir leben.

Nun ist der Riss zwischen Gott und uns Menschen geheilt. Gott selbst geht in Jesus Christus den Weg hinunter zu uns. Der leidende Gott, das ist der Gott, der mit uns leidet, unsere Schuld mitträgt, die uns zu schwer ist.
So versöhnt Gott sich mit uns, versöhnt er die sündige Welt mit ihm.
Und nun wissen wir:
Für uns ist das geschehen, was Christus erlitten hat. Für uns! Zu unserm Heil! Zu unserer Erlösung!

Im tiefsten Dunkel des Leidens begegnet uns Gott. Nun können wir jubelnd mit Paulus rufen:
Nichts mehr kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.

Amen.