
mit anschließender Eröffnung des Ausstellung zum
Westfenster in der Heiliggeistkirche:
Das Offenbarungsfenster von H.G. von Stockhausen
Liebe Gemeinde,
Lebt als Kinder des Lichts! -
Mit Lichtliedern haben wir bisher diesen Raum gefüllt.
Jetzt kommt die Farbe dazu! -
Die Kirchenfenster erzählen eine ganz eigene Geschichte mit ihren Farben und Formen. Wenn Sie hier schon öfters waren, haben Sie vielleicht hier in der Kirche ein Lieblingsfenster. Eins, das Sie besonders gut verstehen – und vielleicht auch eins, mit dem Sie so gar nichts anfangen können. Möglicherweise ist eins von den vielen Fenstern Ihnen bis heute noch nicht aufgefallen.
Ich habe sehr lange gebraucht, um das Fenster im Westen zu entdecken. Hab mir meine eigene Geschichte und Wahrnehmung dazu gereimt. Wer hat dieses Fenster gemacht? - Und was wollte er damit erzählen?
Was geschieht, wenn Menschen für einen Heiligen Raum etwas dazugeben wollen? Wie verbinden sie sich mit den Menschen vorher und nachher – durch die Zeit? Wie verbinden sie sich mit der Ewigkeit, mit dem, was immer bleibt?
Von dem sie eine Facette erzählen wollen? Mit Ihrer Kunst.
Den Menschen, die gutes Wissen zum Westfenster unserer Kirche zusammengetragen haben, ist ein Gedicht von Andreas Knapp in die Hände gefallen. Sie haben es in dem Katalog zur Ausstellung abgedruckt. Es liegt jetzt auch in Ihren Händen. Ich habe es als Predigttext ausgewählt, weil es mich sehr berührt hat.
Bildbetrachtung
versenk dich in den Glanz
der des Unsichtbaren
Abglanz ist
nicht im Spiegel
in seinem Bild
siehst du dich wirklich
geh Ihm nie mehr aus den Augen
sieh dich endlos satt
in Ihm bist du im Bilde
Sein Blick fällt dir ins Auge
verbrennt das falsche Selbstbildnis
Er will sich dir einbilden
nimm dich selbst zurück
bis du durchsichtig geworden bist
und Durchblick gibst auf Ihn
denn wer für Licht
ganz durchlässig geworden ist
wird selbst zu Licht
Andreas Knapp
Durchsichtig für Gott werden – wie ein Kirchenfenster. Ein Fenster zu Gottes neuer Welt. Annehmen, dass Gott – der Unsichtbare mich mit seinem Glänzen berührt. Mich einlassen auf das Wagnis Gottes Glanz wahrzunehmen. [Die Welt ist voller Kriege, Angst und schlechten Nachrichten – wo soll ich hier noch Gottes Glanz wahrnehmen?] Gottes Glanz in dieser Welt. Eher weltfremd? Oder?
Andreas Knapp behauptet:
nicht im Spiegel
in seinem Bild
siehst du dich wirklich
In seinem Bild mich – Gott, hast Du wirklich mich gemeint? – wahrzunehmen.
Gottesebenbild. Geh Gott nie mehr aus den Augen, sieh dich endlos satt
In Kirchenräumen – hier bei Gott in diesem Raum immer sein dürfen. Endlos den Glanz wahrnehmen und die vielfältigen Farben. Mich in Gott versenken und dann ein Teil von Gottes Farben und Formen werden. Ein Teil von Gottes Bild. Eine ungeheuerliche Behauptung. Da könnte ja jeder kommen und sagen: Vor dir steht ein Teil Gottes! Das denkst du dir doch nur aus? Oder?
Was würden Sie selbst antworten, wenn Gott „unsichtbar wie ein Gedanke und neugierig wie ein Kind“ [Rafik Schami: „Wie sehe ich aus“, fragte Gott, Frankfurt am Main 2011, S. 6.] auf die Erde käme – mit der Frage: Wie sieht Gott aus? -
Haben Sie eine Antwort für sich gefunden?
Andreas Knapp behauptet:
Gottes Bild fällt Dir ins Auge –
verbrennt das falsche Selbstbildnis.
Mich nicht sehen, wie ich mich sehe. Mit meinen Macken, Zweifeln, meiner Ungeduld, meinem Unvermögen. Mich sehen, wie Gott mich sieht, mit einem liebevollen Blick – Ein Blick, der sehen kann, was noch möglich ist, wie ich meine Begabungen noch entfalten kann.
Gott will sich in uns einbilden. Immer mehr ein Bild – ein Gottesbild – in uns werden. Das heißt: sich auf Gott einlassen, mich zurücknehmen.
Will ich das? Will ich Gottes Ebenbild werden? Mit all meinen Bruchstellen und Begrenzungen? Meinem Eigensinn? Bin ich dafür wirklich gut genug? Oder werde ich – wie bei unseren Kirchenfenstern - ein Teil von einem Fenster,
durchsichtig für das große Ganze. Durchsichtig für Dich, Gott? Traust du das Menschen zu? Uns, deiner Gemeinde? Als Evangelische Kirche in Heidelberg für die Stadt durchsichtig werden für Gott. Als Kirche zu einem Fenster werden zu Gottes neuer Welt.
Ein lebendiges Kirchenfenster für die Stadt –
Von außen sind unsere Kirchenfenster oft nicht so ansehnlich. Eher matt – mit vielen dunklen Stellen.
Aber von innen entdeckt man ihr Strahlen und Leuchten. Von innen wird etwas von Gottes Licht sichtbar in dieser Welt. Wenn wir durchlässig werden für Gottes Licht. Für Gottes Leuchten in uns.
denn wer für Licht
ganz durchlässig geworden ist
wird selbst zu Licht
Gott, das traust du uns zu? Mit unseren Farben und Ecken und Kanten. Gott steht für uns ein. Gibt uns Ehre, einen Platz und vielfältige Farben. Traut uns zu, dass wir als Kinder des Lichts Diese Welt hell machen. Dass wir erkennbar werden mit den Früchten des Lichts: lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit!
Verankert in uns ein Leuchten, wenn wir bereit sind – dem göttlichen Licht einen Raum zu geben: Heraustreten aus den Schattenseiten.
Wird das wahr? Was leben wir davon? Wieviel Freude und Leuchten trauen wir uns als Gemeinde und Kirche? Darf es nur eine Farbe sein? Gibt es ein Muster, dem sich alle fügen müssen?
Ich glaube ja:
Das Muster steckt darin, dass wir nicht allein sind! Wir sind viele – sehr unterschiedlich. Wir sind alle aber durchlässig für Gott. Das macht unsere Neugier in der Begegnung mit anderen Menschen aus: Welche Facette, welches Gesicht von Gott und seiner Kirche kommt da zum Leuchten?
Na, sind Sie jetzt neugierig geworden auf die ganz unterschiedlichen Kirchenfenster Gottes?
Hier in unserer Kirche?
Oder in dem Gesang durch die Zeiten hindurch, wie Paul Gerhard es riskiert:
Gott steht für jeden einzelnen ein.
Christus verleiht jedem Glanz und Licht und wird für uns zur Sonne, die uns gemeinsam von einer anderen Welt - vom Himmel singen lässt.
Amen.
