Reformationstag (31. Oktober) 2012

"Reformation 1517 – Reformation 2012"

Predigt von Superintendent Hans Hentschel

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
 

Liebe Gemeinde,

Angst!

Das scheint mir ein wichtiges reformatorisches Stichwort zu sein obwohl an Tagen wie diesem der Mut protestantisch gefeiert wird. Der Mut zum Leben und zum Sterben. Der Mut zum Sein.

Angst ist ein Thema unserer Zeit, und nicht nur - aber auch - vor dem Hintergrund des Reformationstages gesehen, ist sie zum Überwinden da. Das Menschenbild der Reformation ist das der couragiert für den Glauben und für die Welt eintretenden Frauen und Männer. Reformation steht für ein mutiges Weltbild.

Dabei ist weder Glaubens- noch Zivilcourage eine Frage der Konfession. Aber die Zeiten, zu denen das Reformationsfest ‚die feste Burg‘ des konfessionell unterscheidenden Glaubens besang, sind ohnehin Vergangenheit – hoffe ich jedenfalls!

Ich komme aus dem Osnabrücker Land und im wenige Kilometer entfernten katholischen Münster tat seinerzeit mit großem Mut ein Kardinal von Galen das Seine, um den Nationalsozialisten entgegenzutreten, während im evangelischen Bielefeld Friedrich von Bodelschwinghs couragiertes Eintreten für die Bewohner der Anstalt Bethel den sicheren Euthanasietod verhinderte.

Christ Sein mit der Erkenntnis der Reformation im Rücken, dass falsches Bangemachen nicht mehr gilt, weil mit dem Glauben im Herzen, von Gott durch und durch geliebt zu sein, dem Leben nicht allein Standfestigkeit sondern auch Widerstandsfestigkeit gegeben wird, ist heutzutage kein landeskirchlich protestantisches Alleinstellungsmerkmal mehr.
Reformatorisches Christ Sein ist Christ Sein auf dem Weg zu mehr Mut zur Weltgestaltung.
Diesen Predigtsatz hoffe ich mit den meisten christlichen Gemeinschaften teilen zu können, weil er wenig mit konfessioneller Spaltung zu tun hat, aber ganz viel mit der Erinnerung daran, dass Jesus im Johannesevangelium sagt: ‚In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.‘

1. Zu den wichtigsten drei Worten nämlich, die Gott durch seine Boten und durch Jesus selbst zu sagen hat, gehören diese drei: ‚Fürchtet euch nicht!‘
Wir feiern unter der Botschaft dieser drei Worte unser Weihnachten.
‚Der Engel sprach: Fürchtet euch nicht …‘
Wie feiern unter der Botschaft dieser drei Worte unser Osten.
‚Der Jüngling sprach: Fürchtet euch nicht …‘
Wir feiern unter der Botschaft dieser drei Worte das Leben mit Gott.
‚So spricht der Herr, dein Erbarmer: Fürchte dich nicht, …‘.

Selbst wenn ich also mit den unökumenischen Nebentönen des alten Reformationsklassikers heute wenig anzufangen weiß, haben wir Protestanten über Generationen hinweg das Reformationsfest auch unter dem Eindruck dieser drei göttlichen Worte gefeiert: ‚Und wenn die Welt voll Teufel wär, so fürchten wir uns nicht so sehr …‘.
a) Als Kindern wurde uns da diese Geschichte erzählt wie Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms dasteht und furchtlos seine berühmten drei Worte sagt: ‚Hier stehe ich.‘ Gefolgt von jenen nicht minder berühmten Worten: ‚Ich kann nicht anders! Gott helfe mir. Amen.‘
Ob diese Geschichte historisch wahr ist oder nicht, spielt da kaum noch eine Rolle, weil sie zuerst in unseren Kinderherzen und dann in unseren Köpfen wahr wurde.
Angst ist das Thema der Reformation, weil sie mutig machen sollte.
Und darum nehmen wir bis heute in Anspruch, dass reformatorisches Christentum evangelisches Christentum – d.h. dem Evangelium gemäßes Christentum - ist, weil das Evangelium im Grundsatz entängstigende gute Nachricht ist.
Die Reformation – egal ob im Jahre 1517 oder im Jahre 2012 - eröffnet eine in der Person Jesu erzählte und in den paulinischen Schriften theologisch fundierte Geschichte gegen die Angst der Welt.
Wo keine Angst mehr ist, verliert sich die Macht der Machthaber, die auf Ängstlichkeit ihr Haus bauen.
Im wahrsten Sinne des Wortes ‚ihr Haus bauen‘, denn die Ablasspfennige sollten auch für die enormen Baukosten des Petersdoms in Rom genutzt werden.
Als Kindern wurde uns von Johann Tetzel erzählt, der die Höllenqualen der geliebten Toten so plastisch beschreiben konnte, dass auch der letzte Pfennig noch gut angelegt war, um den Austritt aus der Hölle und den Eintritt in den Himmel zu zahlen. ‚Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!‘
Mit der Angst lassen sich gute Geschäfte machen. - Ist heute auch noch so!
Martin Luther war von dieser Angst auch durch und durch besessen: Dass der Tod ihn kriegen könnte, um ihn dem Teufel zu übergeben, der sich in alle Ewigkeit über seine Höllenqualen kaputtlacht.
Originalzitat – auswendig gelernt im lutherischen Konfirmandenunterricht-: ‚Die Angst mich zu Verzweifeln trieb, dass nichts als Sterben bei mir blieb‚ zur Hölle musst ich sinken.‘ (EG 341,3)
Reformatorische Erkenntnis ist Medizin gegen die Angst.
Sie nimmt die angstmachenden Verhältnisse keineswegs aus der Welt, aber sie nimmt ihnen die Macht, in meinem Kopf zum Herrn meiner Tage und Stunden zu werden. Reformatorischer Glaube ist Glaube, der sich auf eine Denk-Geschichte gegen die Macht der Angst in der Welt einlässt.
Dem ‚Die Angst mich zu Verzweifeln trieb …‘ stellt sich das ‚Nun freut euch lieben Christen g’mein…‘ in den Weg.
Und dieses ‚nun freut euch …‘ gründet in jener Denk-Geschichte, die wir bis heute die ‚Lehre von der Rechtfertigung‘ nennen, die uns in früheren Zeiten konfessionell noch von der römischen Kirche trennte und die heute kein Trennungsgrund mehr ist.

Viele haben das im Konfirmandenunterricht gehört, zu wenig begriffen und es dann im richtigen Leben immer wieder vergessen:
‚Wir brauchen keine Angst zu haben, den Kürzeren zu ziehen. - Wir brauchen keine Angst zu haben, nicht geliebt zu werden. - Wir brauchen keine Angst zu haben, irgendwelche Lebens-Prüfungen nicht zu bestehen, weil die letzte Prüfung bereits bestanden ist: die Passkontrolle zum Himmel. - Und wir brauchen keine Angst zu haben, an der Karriere zu scheitern, weil wir nichts Größeres werden können als wir es in den Augen Gottes bereits sind.

Da sagte doch einer: ‚Die ganze Reformationsgeschichte ist nichts anderes als eine Seelsorgebewegung!‘ Das heißt dann: Gott spricht sein ‚Fürchte dich nicht!‘ in die mittelalterliche Seelennot der Menschen hinein und sagt: ‚Für deine Seele ist gesorgt. Zersorge dein Seelenheil nicht.‘
Im Zusammenhang unseres Ausgangstextes aus dem Römerbrief und mit einem gewaltigen Zeitsprung verbunden heißt das für postmoderne Menschen wie uns natürlich auch: ‚Für deine Seele ist gesorgt!‘
Denn: die Gerechtigkeit vor Gott kommt durch den Glauben und selbst wenn du so viel verdientest, dass du dir Apple und Facebook zusammen aus der Portokasse kaufen könntest: Gerecht vor Gott, von Gott geliebt … das kriegst du ohne jeden Verdienst. Brauchst keine Angst zu haben, dass Gott dir nicht gnädig ist.

2. Der Haken bei dieser Denk-Geschichte von der Rechtfertigung ist allerdings der, dass - anders als im Mittelalter - viele Menschen nun gerade diese Angst nicht mehr haben, dass Gott ihnen nicht gnädig sein könnte.
Die angstvolle Frage, die Martin Luther und sicher auch andere 1517 und Umzu umtrieb: ‚Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Wie entgehe ich der Hölle der Verdammnis?‘ stellen sich viele Menschen nicht mehr, weil sich ihnen die Gottesfrage nicht mehr stellt.
Doch trotzdem bleibt merkwürdiger Weise die Angst … weil das Fragen bleibt.
Die Frage allerdings heute lautet: ‚Wie finde ich gnädige Menschen und wie entgehe ich der totalen Bedeutungslosigkeit oder der Belanglosigkeit wenn ich – um es mal mit den Worten des Textes aus dem Römerbrief zu sagen – ‚des Ruhmes ermangele‘?

Ein schreckliches Beispiel für den Hunger nach Anerkennung und nach Ruhm sind die Casting-Shows, die auf allen Kanälen im Fernsehen laufen. Schrecklich, weil sie auf der einen Seite ein Bild menschlich allzumenschlicher Gier danach zeigen, etwas Besonderes sein zu wollen, und schrecklich, weil sie auf der anderen Seite zeigen, wie unbarmherzig und gemein mit dieser Gier umgegangen wird.
Das Phänomen Bohlen, wie ich es nenne, ist dabei das Gegenteil vom Phänomen Rechtfertigung und in diesem Sinne bin ich ganz dankbar, dass es diesen berüchtigten ‚Runterputzer‘ gibt, der für alles das steht, was ich in einer Gesellschaft nicht haben möchte und vor dem die Menschen bis heute Angst haben. Die dunkle Folie lässt manchmal die helle noch heller glänzen und da bin ich froh, dass diese evangelische Nachricht des Angenommenseins ohne Zutun der Gesetze des Marktes sehr hell glänzen kann.
‚Wie bekomme ich gnädige Menschen?‘
Das ist eine ebenso spannende wie bedrängende gesellschaftliche Frage.
‚Wie kriege ich meine LehrerInnen dazu, gnädig mit mir umzugehen?’
‚Wie kriege ich meinen Arbeitgeber dazu, gnädig mit mir umzugehen?’
‚Wie kriege ich meine Nachbarn dazu, gnädig mit mir umzugehen?‘
‚Wie kriege ich Hinz und Kunz und Anna und Erika dazu, gnädig mit mir umzugehen?’
‚Was muss ich tun, damit andere mich gut finden ... und mein Leben am Ende nicht in der Bedeutungs- oder Belanglosigkeit bleibt?‘
Das sind scheinbar ganz andere Fragen als sie die Reformationszeit stellte und doch sind es irgendwie dieselben Fragen.
Das jedenfalls ist meine Predigtbehauptung: Reformation 1517 stellt dieselbe Frage wie Reformation 2012. Es ist die Frage ‚Wer oder Was macht mein Leben wertvoll?‘

3. Und auf diese Frage gibt reformatorische Theologie eine sehr präzise - für diejenigen allerdings, die sich für ‚Etwas‘ halten, eine unbefriedigende, und für diejenigen, die den Mangel und die Mangelhaftigkeit ihres Lebens erkennen, eine sehr beruhigende - Antwort.
Und diese Antwort lautet: ‚Die Frage ist rein philosophischer Natur denn die Hypothese, die sie setzt, dass das Leben durch irgendwas oder irgendwen wertvoll gemacht werden muss, steht mit der göttlichen Wahrheit total im Widerspruch, dass das Leben immer schon wertvoll ist, weil Gott ihm Wert beimisst.‘
Nicht Erfolg oder Misserfolg, Top-Sein oder Flop-Sein entscheidet, ‚WER‘ ich bin oder OB ICH ETWAS BIN, denn diese Entscheidung ist im Herzen Gottes längst so gefallen, dass ich in jedem Fall ein Einzelstück seiner Liebe bin.
Der zweiundneunzigjährigen dementen alten Dame, auf deren Tod alle warten, gilt diese Liebe ebenso, wie dem neun Wochen alten Kind im Mutterleib, bei dem ein Gendefekt festgestellt werden kann.

4. Nun kann sich in unserer Gesellschaft kaum noch jemand gegen das Abschätzen, das Einschätzen, das Eingeteiltwerden in Gewinner und Verlierer, in Sieger und Besiegte, in Coole und Ausgebrannte, in Lässige und Umsichtige wehren. 2012 ist auch eine Jahreszahl in der es nicht um gerechtfertigtes Menschsein, sondern um berechtigtes Menschsein geht.
Wer hat auf was in dieser Gesellschaft ein Recht?
Ich gebe auf diese Frage am Reformationsfest 2012 nur eine Antwort.
Die Kirche - und ich sage nicht die lutherische Kirche - …die Kirche, welcher konfessionellen Provenienz auch immer sie sein mag muss sich das Recht nehmen und erhalten, das sich 1517 von Martin Luther und vielen anderen vor ihm und neben ihm erstritten worden ist.
Die Bibel muss in die Gesellschaft hineinerzählt und hineingepredigt werden.
Das Evangelium, das sich nicht daran bindet, was gerade gesellschaftlich à la mode ist.
Und gegen alle Tendenzen, die uns von ARD und ZDF, von zeitgeistigen PolitikerInnen und manchmal auch schlampigen EvangeliumsauslegerInnen hier oder in aller Welt aufgezeigt werden wollen, ist es Aufgabe des reformatorischen Christentums, den Menschen zu sagen: ‚Der Glaube an Jesus Christus befreit von der Angst vor der Belanglosigkeit und der Bedeutungslosigkeit hier und nach dem Sterben.‘

In diesem Sinne befreit auch dieser Glaube von dem Glauben an die Bedeutung der kirchenspaltenden Reformation, denn die eigentliche Reformationsgeschichte setzt mit Gottes Offenbarung in Christus ein, der gesagt hat ‚In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.‘

Zum Schluss: ‚Ecclesia semper reformanda‘ hat die altlutherische Orthodoxie gesagt – übrigens nicht Luther. ‚Die Kirche muss immer reformiert werden‘.
Als Christenmensch, der von der entängstigenden Botschaft der Reformation überzeugt ist, bin ich zuweilen entsetzt darüber, dass dieser reformatorische Satz auch auf die Strukturreformen angewendet wird. Gebäudemanagement, Personalplanung, regionale Zuschnitte, Kürzungen in den technischen Diensten … werden in die Programmatik der ‚immer zu reformierenden Kirche‘ eingebaut.
Und das ist falsch, denn der reformatorische Prozess ging schon 1517 nicht in die Richtung einer umstrukturierten Kirche, sondern einer Kirche, die von der Menschenfreundlichkeit Gottes durchdrungen sein sollte. Den Satz, dass die Kirche auch für uns immer weiter zu reformieren beibt, können wir nur ernsthaft weiter in Anspruch nehmen, wenn sie sich den Ängsten jeder Zeit stellt und dagegen couragiert und mutig und berechtigt anpredigt und anlebt.

Das verbindet 1517 mit 2012: Es gibt noch immer Angst, die zum Verzweifeln treibt, und gegen diese Angst lädt der Glaube in die feste Burg ein, die unser Gott ist als einen Ort, an dem die getrennte Christenheit vereint werden kann und an dem dann auch gemeinsam die Liebe Christi geschmeckt und gesehen werden kann, die Liebe, die sagt:
Ich habe die Angst überwunden … Für dich!

Amen

Superintendent Hans Hentschel, Ev.-Luth. Kirchenkreis Bramsche