Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, und der da war und der da kommt.
Liebe Gemeinde,
„Am Anfang war das Wort“, sagt Johannes.
Das Wort ward Mensch „und sie legten es in eine Krippe“, sagt Lukas.
Die Seinen nahmen das Wort nicht auf, sagt Johannes.
Das Wort ist wie ein neugeborenes Kind, sagt Lukas.
Es braucht Wärme. Dafür wird es in Windeln „ein-gewickelt“. Dann kann es sich „entwickeln“. Und das Wort wurde 12 Jahre alt und hörte den Worten der Gelehrten zu. Es machte sich die Lehren der Alten zu eigen. Es hörte von heiligen Texten der Hebräer aus der Tora. Die Tora ist das Buch, in dem Geschichten, Gesichte und Gedichte versammelt sind, die vom Leben mit Gott, in Gott und gegen Gott erzählen. So lebte der erwachsene Rabbi sich ein in die Tora, er lebte mit der Tora. Und die, die ihm glaubten, wagten den Satz: Dieser da, der Mann aus Nazareth, der lebt nicht nur in und mit der Tora - er i s t die Tora. Er gibt nicht nur Anweisung, er i s t die Weisung. Denn Tora heißt „Wegweisung“.
Alle diese wundersamen Geschichten kreisen um den größten Schatz Gottes und des Menschen: Das Wort. Die biblischen Worte für heute stehen im Evangelium nach Matthäus im 5. Kapitel in der Bergpredigt:
„Und Jesus tat seinen Mund auf und lehrte sie und sprach“[1]:
33Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.« 34Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; 35noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. 36Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. 37Eure Rede aber sei: Ja - ja; nein - nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“[2]
Liebe Gemeinde, manchmal kommt ein Wort auch nackt daher. Das Wort Ja und sein Widerpart, das Nein – sie klingen klar und kurz. Ein klares Ja und ein offenes Nein können etwas Forderndes, ja Überforderndes haben: Red nicht um den heissen Brei, sag ja! Wirst du mir jemals wieder etwas verheimlichen? Sag nein! Es kann sich aber auch wie eine Umarmung anfühlen: Verrätst Du mich? Nein, ich verrate Dich nicht! Liebst du mich? Ja, ich liebe dich.
Eure Rede sei Ja - ja; nein - nein. So sagt der, den sie Jesus nennen: Jeshua bedeutet Retter. Wen oder was soll er retten? Menschen? Sogar ihre Worte? Zum Retter auch des Wortes soll er werden? Jesus der Wortretter im wahrsten Sinne des Wortes? Der die Worte aus ihrer Verstellung löst, aus ihrer Verlogenheit rettet? Denn mit dem Wort kannst du viel machen. Du kannst es nutzen für die Wahrheit, du kannst es benutzen zur Lüge, du kannst mit dem Wort Leid zufügen und jemanden durch dein Wort retten. Sag mir, wie du mit dem Wort umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist. Menschen werden erkennbar am Umgang mit dem Wort. Ha, „deine Sprache verrät dich“, so musste Petrus sich sagen lassen, Petrus, der zum Mann der Kirche wird.
Und wie geht Kirche mit dem Wort um? Seit Kirche und Staat gemeinsame Sache machen, kam Kirche immer wieder mit dem Staat in Konflikt, auch eine Bekennende Kirche. So begann der Nazistaat zu hetzen: Kauft nicht bei Juden! Andere wurden hellhörig! In ein paar Tagen gedenken wir der Opfer der Reichskristallnacht[3] zum 75. Mal. Hermann Maas, Pfarrer hier an der Heiliggeistkirche, hat entschlossen sein Nein gesagt: Nein gegen die NS-Judenpolitik - ohne Rücksicht auf die damit verbundene, eigene Lebensgefahr. Oh ja, das Nein kann viel kosten.
Kurzes musikalisches Zwischenspiel
(Finale aus Der Vater der Sonate von Felix Mendelsohn-Bartholdy)
Stille
Worte, die aus dem Schweigen kommen, überdauern. Wodurch sonst haben Worte von Propheten und Psalmen-Dichter, Worte von Lehrern und Meistern des Wortes Jahrtausende überlebt? Sie kamen aus dem Schweigen. Große Religionen, die vom Worte leben, sind in der Wüste entstanden, dort wo Schweigen herrscht. Dem Schweigen das Wort geben. Im Schweigen birgt sich des Wortes Abwesenheit. Schweigen zeugt Gedanken in uns. Im jüdischen Kommentarwerk zur Bibel, im Talmud, findet sich der Satz: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte“. Ein Wort sagt’s dem andern. Worte vermehren sich, schwellen an zu ganzen Strömen, können uns und andere überschwemmen. Das Schweigen schützt unsere Worte vor
Geschwätzigkeit.
Der Weisheitsspruch aus dem Talmud geht weiter: Dem Satz: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte“ folgt der Satz: „Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.“ Hermann Maas war kein Heiliger, sondern ein Mensch wie ein Mensch wie Du und ich. Er kann uns Vorbild sein. Vorbild im Umgang mit der Wahrhaftigkeit des Wortes. Mit beschwertem Gewissen leistete auch er, wie fast alle seine Bekenntnisbrüder, den Eid auf den sogenannten „Führer“. Ohne diesen Eid wären ihm die Hände gebunden gewesen. Er gab dem Teufel also nur den Finger, den kleinsten, damit er die übrige Hand frei behielt zur Rettung verfemter und verfolgter Juden. Hinter seiner Eidesleistung stand der Vorbehalt: Mein Schwur ist eine Lüge; aber mit dieser Lüge bleibe ich im Hinter- oder Untergrund und schaffe mir den Freiraum zur Rettung von Menschenleben. Worte gebrochener Wahrhaftigkeit!
Unser Thema heute hat seine Tücken. „Eure Rede sei Ja - ja; nein - nein, alles andere ist vom Übel“, dieses Jesuswort enthält Fußangeln. Hermann Maas sah sich, vor dem ethischen Dilemma: Welches Gut ist höher, das Prinzip der Wahrhaftigkeit oder die Hilfe am Nächsten? Wenn meine Lüge auf dem einen Feld mir die Freiheit verschafft, Menschenleben zu retten, ich auf dem anderen aber im Hinblick auf die Weisung Gottes „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“[4], schuldig werde, wohin schlägt die Waage meines Glaubens aus?
Vielleicht dachte Hermann Maas an Immanuel Kants philosophisches Beispiel: In deinem Haus hält sich dein Freund versteckt, dem seine Feinde nach dem Leben trachten. Sie fragen dich, ob sich der Flüchtende in deinem Haus versteckt hat. Was sagst du als ehrbarer Mensch, der du es nicht mit der Lüge hältst? Lieferst du deinen Freund aus Wahrheitsliebe den Häschern aus, oder rettest du ihn mit einer Lüge? Der Philosoph rät in jedem Fall zur Wahrhaftigkeit.
Der Pfarrer von Heiliggeist hat sich gegen Kant entschieden und sich auf die Seite der Verfolgten geschlagen. Christen sind freie Menschen, die zur Verantwortung für andere Menschen durch ihren Glauben gebunden sind. So kann, wer um Leben zu retten, lügt, „sündlos schuldig“[5] werden, und nur eben dieser Mensch kann wahrhaft Verantwortung tragen. Die Schuld, die hier übrig bleibt, kann allein durch Gottes Güte vergeben werden. Deshalb lehrt uns Matthäus auch in der Bergpredigt mit Jesu Worten zu beten: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“.[6]
Am Anfang war das Wort. Das Wort, das der Menschensohn war, sollte mundtot gemacht, ausgelöscht, durchkreuzt werden. Begrabene Worte können auferstehen. Das beerdigte Wort entsteigt dem Grab und hat weltweite Wirkung als Ja und Nein – über Jahrhunderte hinweg, bis heute.
Aber wie schaffen wir es, das Ja und das Nein an der richtigen Stelle zu sagen? Fehlt mir der Mut? Traue ich mich oft nicht? Trifft auf mich zu, was Karl Valentin humorvoll sagt: „Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut“[7] Wir dürfen! Trauen wir doch unseren Gaben. Denn genau auf die setzt Jesus, wenn er in der Bergpredigt uns zu eben dieser Freiheit beruft: Ihr seid Salz der Erde, Licht der Welt. Vertrauen wir darauf! Unsere Antwort auf solche Beschreibung könnte doch sein: Ja, ich kann!
Vermutlich wird es Konflikte geben, Konflikte zwischen Lüge und Wahrhaftigkeit. Was dann? Gottes Wort trauen, hilft zu entscheiden. Ich möchte, dass man so mit mir rechnen kann. Wenn mein Ja und mein Nein dem Menschen gilt und nicht einem Prinzip, dann bekommt es Gewicht. Mein Wort: Gewogen und nicht zu leicht befunden – Das wär’ was!
Und der Friede Gottes, der höher ist, als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Gemeinde: Amen.
Lehrvikarin Bettina Kommoss
Fußnoten:
1 Mt 5,2. IN: Lutherbibel 1984.
2 Übersetzung aus der Lutherbibel 1984.
3 Der Begriff „Reichskristallnacht“ geht vermutlich zurück auf die kecke Berliner Zunge. Das mörderische Werk der Nazis durchschauend gelang hier ein Wortungetüm, das die Verlogenheit des NS-Staates ironisch verhüllt. Die Quelle bleibt letztlich anonym wie bei jedem kursierenden Witz. Aber die Wortbildung ist so geformt, dass die meisten Menschen bis heute diesen Begriff für eine Nazi-Kreation halten und deshalb ihn durch "Pogromnacht" ersetzen. Ich möchte den antisemitischen Zynismus, der hier deckungsgleich mit enthüllender Erkenntnis auftritt, erhalten wissen. Das nannte übrigens Ernst Bloch „Sklavensprache“ in einem Totalitären System. IN: GERLACH 1989, 99f.
4 Ex 20, 16. IN: Lutherbibel 1984.
5 vgl. DBW 1992, 283.
6 Mt 6, 12. IN: Lutherbibel 1984.
7 vgl. http://www.karl-valentin.de/zitate/zitate.htm, 28.10.2013.
