9. Sonntag nach Trinitatis 2012 (5. August)

Anfänge haben es in sich. Oder rückwärts in die Zukunft.

Predigt von Lehrvikarin Bettina Kommoss

Anfang!
Die Rucksäcke sind gepackt, der Proviant griffbereit verstaut, die Fahrkarten in der Tasche. Die Reise geht los. Die Stimmung ist gut. Ob Süden oder Norden, ob ans Meer oder in die Berge, Reisen ist schön. Aufbruch zu neuen Orten. In andere Sprachen. In die Fremde, die lockt.

Anfang?
... das wenige, das noch blieb - am Leib. Nur weg hier. Die Dunkelheit verbirgt ihn vor den Grenzern, die überall lauern können. Dann das Boot, das einen herausbringt, heraus aus der Heimat, die im Bürgerkrieg versinkt. Die Grenze erreicht er noch vor Morgengrauen. Heraus aus dem Elend, das schon Freunde das Leben kostete. Fürs Erste geschafft. Nur raus aus dem Land. Vielleicht, ist hier eine Arbeit zu finden, Zukunft, Hoffnung.

Anfang
Einen Anfang wagen, sagt sie, das schaffe sie nicht. Auf keinen Fall rede ich mit ihm, sagt meine Freundin. Sie und ihr Kollege raufen sich nur mit Mühe zusammen. Wäre es nicht besser, wenn du? Nein! Solltest du nicht vielleicht? Niemals. Ein vermasseltes Projekt im Job. Beide reden nur noch um den heißen Brei.

Anfänge. Gewollt und ungewollt. Anfänge, ersehnt und befürchtet.

Jeremia war jung, als er berufen wurde: „Und des HERRN Wort geschah zu mir.“

Anfänge haben es in sich. Das weiß der Volksmund, der sie für schwer hält. Das preist der Dichter, der in ihnen einen Zauber vermutet.

Die Bibel spricht vom „im Anfang“. Hätte sie „am Anfang“ gesagt, dann hätte sie den Anfang einfach hinter sich gelassen. Doch „im Anfang“ ist ein Anfang, der nicht aufhört anzufangen, wie in unserem heutigen Text. Hören wir einmal hinein in den Predigttext aus dem 1. Kapitel des Jeremiabuches:

4 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
5 Bevor ich dich im Mutterleibe bereitete, kannte ich dich, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
6 Ich aber sprach: Ach, HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und: bauen und pflanzen.

Liebe Gemeinde,

Ein Anfangstext, der es in sich hat. Im hebräischen Wortlaut ist das ein dichterischer Text: Biblische Worte wie Dichtung!“ Urbild von Dichtung, so Grimms Wörterbuch, sei die Werft.
Dicht-wasserdicht. Dichten heißt eigentlich Schiffe abdichten: Planken verfugen, Ritzen versiegeln. So nämlich entsteht Oberflächenspannung. Und auf der kann man die Seefahrten des Lebens wagen, auch wenn der Boden schwankt, wie bei Jeremia.

Jeremia sein, heisst: auf die Zerstörung des Tempels in Jerusalem vor zweieinhalb Tausend Jahren blicken. Schuttberge und bizarre Trümmerruinen, ein ignorantes Volk lassen da festen Boden unter den Füßen verlieren.
Jeremia sein heisst: unbequeme Fragen stellen und unpopuläre Antworten geben. Die Botschaft, die er zu erzählen hat, ist hart. Sie lässt nicht alles beim Alten. Sie rüttelt auf, steht den Rücksichtslosen im Weg und ärgert die Selbstverliebten. In dieser Atmosphäre soll er „ausreißen und einreißen, zerstören und verderben“.
Jeremia sein heisst: Mitten in viel Traurigkeit und wenig Hoffnung. Wie da? bauen und pflanzen, sprich neu beginnen?

Zwischen ihm und seinem Gott könnte sich folgender Dialog entwickelt haben:

Gott: „Jeremia! „Bevor“....

Jeremia: Adonai, ich weiss, was Du sagen willst: bevor ich das Licht der Welt erblickte, da hat schon etwas angefangen. Es gab die Priesterfamilie in Anathoth im Lande Benjamin. Mein Vater, meine Mutter, meine Geschwister. Wie sie halt nun mal sind. Ich wurde da hineingeboren. Die Klangfarbe meines Namens geprägt durch sie alle: Yirmeyahu. Die Erfahrung meiner ersten Lebensjahre: herzliche Atmosphäre und doch etwas hinterwäldlerisch. Und hier in der Stadt nun die Spannung im Herzen und die Furcht im Nacken vor allerlei Chaos. Ja, wir Menschen sind keine unbeschriebenen Blätter, wenn wir anfangen. Ich weiss, wir sind beschriebene Blätter, die eines Tages sich selber umblättern und Schreibende werden.

Gott: Jeremia! lange davor - habe ich dich gekannt, schon bevor ich Dich im Mutterleibe bereitete, habe ich Dich dazu bestimmt....

Jeremia: Wie bitte? Adonai - So weit zurück? Ich bin ein Gedanke von Dir, ehe ich geschaffen wurde? Du hattest einen Plan mit mir, ohne mich zu fragen? Geht das nicht zu weit? Wo bleibt da meine Selbstbestimmung, meine Freiheit, das Bei-mir - Selbst-Sein?

Gott: Üb' einmal eine kleine Askese ein, bitte. Nimm Abstand von Dir, von dem ewigen Kreislauf Deiner Selbstüberlegungen, nimm Abstand von überzogenen Ansprüchen an dein Selbst-Erlebtes und Selbst-Gewusstes. Nimm Abstand vom Zwang, Dich fortwährend selbst zu verwirklichen, Dich selbst zu optimieren und Dich selbst auszubeuten.
Übrigens: nicht alles in Deinem Leben ist dem Verfallsdatum preisgegeben. Du bist nicht auf der falschen Party. Keine Panik. Lass Dich tragen, mach dich los vom Stress des ewigen Selber-Anfangens und Selbst- Beginnens. Du wirst frei sein und bei-Dir-Selbst.

Jeremia: Schön wär‘s! - Aber: Ich bin zu jung, ich bin zu unerfahren, ich bin zu beschäftigt, ich bin zu ausgebrannt.

Gott: zu jung, unerfahren, beschäftigt, ausgebrannt, ich hab dich längst erkannt. Und erkennen, heisst, dass ich Dich liebe. Dich hineinziehen möchte ich - in ein Liebesrisiko mit mir.

Jeremia: ------------------------------------------------------------

Gott: Jeremia ? Fürchte Dich nicht!

Dann streckte Gott seine Hand aus und berührte Jeremias Mund.

So von Gott berührt - bis auf Mundhöhe - könnte es Jeremia gegangen sein. Wie demAngelus Novus, den Engel, den Walter Benjamin beschreibt:

„Es gibt ein Bild von Paul Klee“, schreibt er, „das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund ist offen und seine Flügel sind ausgespannt.
Der Engel der Geschichte muss so aussehen“, sagt Walter Benjamin. „Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns liegt, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und die Zerschlagenen zusammenfügen.
Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Der Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst.“

Der Engel, so sagt Benjamin, hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Er fliegt rückwärts. Sein Blick geht nicht nach vorn in die Zukunft, in die er doch fliegt. Dies Lebensgefühl, rückwärts zu schauen und doch nach vorne zu fahren, teilt der Engel übrigens mit den Ruderern. Diese flimmerten ja vergangene Woche viele Male über die Bildschirme. Die Ruderer sitzen ebenfalls rückwärts zur Fahrtrichtung, die zurückgelegte Strecke vor Augen und das Ziel im Rücken.

Man kann Jeremias Auftrag, seine Berufung und sein Lebensgefühl mit diesem rudernden benjaminschen Engel vergleichen. Der Prophet weiß auch nicht, was in Zukunft kommen wird. Der ist kein Wahrsager. Er hat nur vor Augen, was vergangen ist. Und das teilen wir mit ihm. Auch wir kennen unsere Zukunft nicht. Auch wir sitzen oder fliegen – je nachdem – rückwärts.

Aber – und das ist die Pointe beim Juden Benjamin ebenso wie bei Jeremia - vor unseren rückwärtig schauenden Augen liegen eben nicht nur Trümmer, sondern auch das Paradies, die Schöpfung, die alles neu machen und beatmen könnte.

Wer so mit Jeremia und Engel rückwärts in Paradies und Schöpfung schaut, der kann vielleicht darauf vertrauen, dass er in eine Richtung (hinter seinem Rücken) fährt, die eben dies „Anfängliche“ wieder möglich macht:
Neues Schöpferisches bei allen Fehlschlägen, vertanen Chancen, falsch oder gar nicht gelebtem Leben.

Rückwärts in die Zukunft, das ist die messianische, christliche Chance!

Der Blick auf die anfängliche Schöpfung inspiriert selber wieder Schöpferisches.
„Im Anfang“ eben. Und das heißt: Immer wieder möglich.
Schlechte Erfahrungen von Gestern verpflichten zu Nichts. Sie weichen zurück vor neuen Gelegenheiten.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen