Hochgeehrter Herr Hofkompositeur,
geschätzter Herr Kantor und Director musices,
lieber Johann Sebastian,
zu Deinem heutigen 327. Geburtstag gratulieren wir Dir auf das Herzlichste und wünschen Dir alles erdenklich Gute und Gottes reichen Segen.
Es ist uns eine große Ehre Dir anlässlich Deines Wiegenfestes die Aufwartung machen zu dürfen – und damit wohl unter den ersten zu sein in Anbetracht der frühen Stunde.
Viele haben sich aufgemacht, um Deiner in einem Gottesdienst zu gedenken – aber eben nicht eigentlich Deiner, sondern Gottes, der uns geschaffen, erlöst und bis hierher geleitet hat.
Ich bin sicher: Das ist ganz in Deinem Sinne!
Vielleicht staunst Du, dass so viele Gratulanten gekommen sind - in Heidelberg noch obendrein, wo Du ja nie gewesen bist…
Weißt Du überhaupt, wie groß die Schar Deiner Verehrer ist – weltweit?
Nicht?
Dann lass Dir erzählen, was Du einem Menschen heute bedeuten kannst – zum exemplo: mir, wenn es gestattet ist.
Neulich lautete eine Frage zum gegenseitigen Kennenlernen in einer größeren Gruppe: „Wen möchten Sie im Himmel treffen?“
Eine interessante, eine spannende Frage!
Während die anderen antworteten und die Reihe immer mehr auf mich zulief, dachte ich nach.
Eine nannte: Gott – 1:0! Welche Antwort könnte besser sein?
Ein anderer: nahe, bereits verstorbene Verwandte! Auch gut!
Alle die und andere auch…
Aber als die Reihe an mich kam, war meine Antwort klar: Dich will ich treffen – Johann Sebastian Bach!
Ich will so vieles erfahren, so vieles wissen. Z. B. wie Du sprichst, wie Du auftrittst, Deine Art…
Ich habe da so eine ganz bestimmte Vorstellung – deutlicher Thüringer Akzent, durchaus selbstbewusst, ein Ineinander von Jovialität und einer gewissen Empfindlichkeit – das übrigens gar nicht so selten ist – gerade bei Künstlern!
Aber womöglich bist Du ja auch ganz anders?
Wie gerne möchte ich Dir begegnen!
Und wie gerne Dich einiges fragen:
Wolltest Du etwa den letzten Contrapunctus Deiner „Kunst der Fuge“ wirklich vollenden – oder war mit dem BACH-Motiv dort alles zum Thema geschrieben?
Welche Instrumente hattest Du für dieses Werk im Sinn? Oder handelt es sich wirklich eher um abstrakte, um „Augenmusik“?
Was dachtest Du, als Du in Potsdam die ersten Hammerflügel ausprobiertest? Hättest Du für möglich gehalten, dass ihre Weiterentwicklung einmal alle Cembali und Clavichorde so weit hinter sich lassen würde?
Gab es den weiteren Kantatenjahrgang, von dem es in Deinem Nekrolog heißt, wirklich?
Welcher Rekonstruktionsversuch Deiner ja leider verschollenen Markus-Passion ist am besten gelungen?
Ich würde so gerne einen Gottesdienst feiern, in welchem Deine gesamte h-moll-Messe unter Deiner Leitung erklingt – eine gewaltige liturgische Herausforderung! Meinst Du, wir bekämen das hin miteinander?
Lieber Johann Sebastian,
Du denkst vielleicht jetzt: Was für merkwürdige Fragen!
Ob das wirklich die biographische Relevanz für mich hätte – wie vorhin behauptet?
Doch, ob Du es glaubst oder nicht, Du hast mich ebenso geprägt wie einige wenige Menschen, denen ich leibhaftig begegnen durfte in meinem Leben.
Ich erinnere mich sehr deutlich an das erste Menuett aus dem Notenbüchlein 1725 für Anna Magdalena – welche Entdeckung!
Ich spüre noch heute, wenn ich die Augen schließe, die Atmosphäre des ersten Orgelkonzerts, das ich als Achtjähriger besuchen durfte: Karl Richter mit Deiner F-Dur-Toccata und den Schübler-Chorälen… Unvergesslich!
Wie gebannt war ich, als ich das erste Mal im Radio auf Deine Orchestermusik traf: Dein 2. Brandenburgisches Konzert mit Maurice André an der Solotrompete! Ebendiese Einspielung musste meine erste vom Taschengeld zusammengesparte LP werden! Als ich die 6 Mark beisammen hatte, musste ich durch die Verkäuferin erfahren, dass Du sechs dieser Konzerte geschrieben hast – also zwei LPs, also 12 Mark! Ein Vermögen! Wie stolz war ich – endlich, mit der Tüte unter dem Arm… Ich hüte diesen Schatz noch immer – über vierzig Jahre mittlerweile! Gleichwohl: heute würde man die Konzerte nicht mehr so musizieren – so „historisch uninformiert“…
Orgelunterricht: Die ersten Choralbearbeitungen aus Deinem Orgelbüchlein, dann die größeren Werke…
Mitsingen dürfen – das erste Mal! – in einer Deiner Kantaten; was für ein musikalisches und auch spirituelles Erlebnis: „Himmelskönig, sei willkommen!“
Dann das D-Dur-Magnificat, die erste h-moll-Messe, die Motetten – auf die ich recht spät aufmerksam wurde, die mir aber heute so recht die Krönung aller geistlicher Musik scheinen…
Die erste Matthäus-Passion mit den Thomanern und dem Gewandhausorchester in der Leipziger Thomaskirche, ja, Deiner Kirche, lieber Johann Sebastian… Das damalige DDR-Staatsfernsehen drehte alles mit, ein gewisser Willy Stoph war als Ehrengast dabei – was mir als Vierzehnjährigem schon damals irgendwie egal war – wichtig war nur die Musik…
Dieser herrlichen Passion dann nach Jahren während des Studiums in einem wunderbaren Seminar wieder begegnen zu dürfen – hier in Heidelberg! Was für ein Geschenk!
Dann die Größen der theologischen Bach-Forschung kennenzulernen…
Die Wochen im Lesesaal der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel auf der Suche nach Material für meine Arbeit über Deine Sterbekantaten zum 16. Sonntag nach Trinitatis…
All das – und noch so vieles mehr – ist mir in bester Erinnerung!
All das hat mich geprägt, hat etwas mit mir angestellt, hat etwas verändert – und es hört nicht auf.
Die Begegnung mit Dir und Deinem Werk bedeutet mir eine ungeheure Erweiterung des Horizonts.
Ludwig van Beethoven wird ja dieses Wort über Dich zugeschrieben, nicht Bach sondern Meer solltest Du heißen wegen des Reichtums Deiner Kunst.
Ja, ich weiß, Du wehrst ab – und willst das nicht so stehen lassen.
Du sagst: Ich habe fleißig sein müssen – und wer ebenso fleißig ist, wird es genauso weit bringen…
Du siehst Kunst als Handwerk und kannst mit dem Geniekult späterer Generationen so gar nichts anfangen.
Damit bist Du Kind Deiner Zeit.
Aber ich denke doch: Du ahnst, dass da mehr ist, dass da nicht bloß Leistung ist, sondern Gnade.
Und das war mit stets das Wichtigste und Kostbarste bei der Begegnung mit Deiner Musik: Sie ist groß – so groß, dass sie nicht bei sich selbst stehen bleibt, dass sie sich nicht selbst genug ist, sondern dass sie über sich hinausweist – hinausweist auf den – ja, der uns geschaffen, der uns erlöst und bis hierher geleitet hat.
Deine Musik ist mir die Theologie geworden – jeder Orgelbüchlein-Choral Gottesdienst im eigentlichen und besten Sinne!
Dass Du zu Beginn einer Reinschrift „SDG“ – Soli Deo gloriam – oder „JJ“ – Jesu juva – aufs Papier schriebst, ist keine frömmelnde Marotte und weit mehr als berufsbedingte Konvention, als was es manche Forscher aus ihrer ideologischen Warte gerne sehen wollten.
Das „SDG“ war Dir persönliches Anliegen, entsprach Deiner tiefen Überzeugung, war für Dich Programm…
Andere Menschen in Deinem Umfeld – Leipzig war schließlich eine große und bedeutende Stadt – dachten anders darüber und Du wusstest das!
Musik als Verweis auf Gott, als Gottesdienst – und eben nicht nur als Dienst an Gott, sondern ganz reformatorisch als Dienst Gottes an uns in der Sprache der von ihm stabilierten Weltenharmonie, nämlich der Musik – da hättest Du Dich mit Herrn Leibniz bestens verstanden!
Weißt Du, wo mir das ein für allemal klar und deutlich wurde?
Mein wohl bewegendstes Erlebnis mit Dir, wovon ich bisher nichts erzählte:
Es war von siebzehn Jahren im Keller der Universitätsbibliothek Chicago in gedämpftem Licht – vor mir lagen auf einem mit Samt bezogenen Tisch drei Folianten, in denen ich weiß behandschuht blättern durfte.
Der Bibelkommentar des Herrn Calov aus Deinem Bücherschrank, lieber Johann Sebastian!
Ja, da staunst Du: der ist mit Auswanderern vor anderthalb Jahrhunderten nach Amerika gelangt!
Weißt Du noch, was Du sorgsam an den Rand geschrieben hast zu der Stelle im 2. Chronik-Buch, wo die Einweihung des Jerusalemer Tempels beschrieben wird – wie die Herrlichkeit Gottes unter dem Klang von 120 Posaunen wie eine Wolke im Allerheiligsten Wohnung nimmt?
Du schriebst:
„Nota Bene: Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden=Gegenwart.“
Wie recht Du hast!
Wir spüren es ja auch heute wieder – hier, Gottesdienst feiernd anlässlich Deines Geburtstags.
Lieber Johann Sebastian,
ich zweifle keinen Augenblick, dass im Himmel, wenn wir uns begegnen werden, Deine Musik erklingt – vermutlich das großartige Sanctus in der königlichen Tonart D-Dur aus Deiner hohen Messe – mit Pauken und Trompeten und nicht enden wollenden Triolenketten zum Ruhme des Dreieinen.
Ich kann mir das jedenfalls nicht anders vorstellen – und weiß mich da mit Karl Barth einig.
Aber nicht erst da, nicht bloß dermaleinst, sondern hier und jetzt gehört Deine Musik zur wirkmächtigsten Verkündigung des Evangeliums.
Deshalb gehört sie auch in unsere Gottesdienste hinein – und nicht nur als stromlinienförmige mit jedweder oder auch ganz ohne Theologie kompatible Genie-Musik in die Konzertsäle.
Die Matthäuspassion im Festspielhaus – gut, vielleicht auch einmal, wenn die Botschaft dort Menschen erreicht.
Aber nicht ausschließlich dort – und nicht nur für Menschen, die sich die horrenden Eintrittspreise leisten können…
Und bitte auch nicht nur Kantaten in sprachlich scheinbar „gereinigter“ Gestalt, die weniger kantig, weniger bekennend, weniger verkündend daherkommen – leichter verdaulich, weil nichtssagend…
Deine Musik nur unter ästhetischem Aspekt zu wahrzunehmen heißt für mich: das Wesentliche übersehen und überhören…
Ja, lieber Jubilar,
Du hast uns mit Deinen Werken einen ganz gewaltigen Schatz hinterlassen.
Dafür von ganzem Herzen Dank! Dir – und vor allem dem, der durch Dich zu uns spricht!
Du hast uns allerdings damit auch eine enorme Verantwortung aufgebürdet – nämlich das Erbe zu wahren und in Deinem Sinne eine „regulierte Kirchenmusik“ zu pflegen.
Dass das Geld kostet, weißt Du selbst – Deine Eingaben an den Leipziger Stadtrat und
das Konsistorium sprechen Bände; dass es engagierte Leute braucht, viel Zeit, Geduld und Begeisterungsfähigkeit, dazu ein umfassendes und solides Ausbildungswesen – wem sage ich das? Wer wüsste hier besser Bescheid als Du, der Du Dich tagtäglich gerade damit abgegeben hast…
Aber, nicht wahr, wir sind uns doch einig:
Es lohnt sich doch wie nichts sonst!
Möge es doch geschehen, dass noch vielen, vielen es ergehe wie mir, dass sie durch Deine Werke, selbst ausführend oder hörend, erfahren:
„Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden=Gegenwart.“
Möge auch dieser Dein Geburtstag dazu uns allen dienen!
„Aus Gottes milden Vaterhänden
Fließt seiner Kinder Wohlergehn.
Er kann das Wahre, Gute schenken,
Er gibt uns mehr, als wir gedenken,
Und besser, als wir es verstehn.“
Dazu Dir, lieber Johann Sebastian, ein herzlich schallendes Vivat und Floreat semper! Und dem höchsten Gott zu Ehren unser dankbar-glückliches
Amen
Dr. Martin-Christian Mautner