Palmsonntag 2018 (24. März, Heiliggeistkirche)

Predigt von Markus Nierth, Bürgermeister a.D. und Luther-Preisträger, über Markus 8, 34-35


Im Rahmen des Jahresthemas "500 Jahre Heidelberger Disputation" der Citykirche Heiliggeist hielt Markus Nierth, Theologe, Bürgermeister a.D. und Luther-Preisträger "Das unerschrockene Wort" die Predigt zum Thema "Kreuznachfolge".
Luther entfaltete bei der Heidelberger Disputation seine Kreuzestheologie.
Nierth erlangte im Zusammenhang mit den Konflikten um eine Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz überregionale Bekanntheit und wurde 2017 mit dem Luther-Preis ausgezeichnet.

 
 

34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben behalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird's behalten.…

Diese Worte fand ich besonders als junger Mensch immer gruselig und weltfremd, denn na klar will ich leben und nicht sterben, wozu bin ich sonst auf dieser Welt? Denn Jesus läuft mit dem Kreuz auf dem Rücken seinem eigenen brutalen Tod entgegen, und ich soll ihm nachfolgen? Wer leidet schon gern freiwillig? Und dieses „sich selbst verleugnen“, „sein Kreuz auf sich nehmen“, das klingt nicht nur gefährlich, sondern auch so lebensunlustig, so miesepeterig-masochistisch, ich sah dabei immer so einen verhärmten Mönch vor mir, der sich selbst peitscht. Ist Glauben nicht gerade deshalb so vielen Menschen fremd, weil er so komisch Welt- und Lebensfremdes fordert?

Ich sagte mir: lieber wäre ich ein Held in der Welt, denn so ein Held ist stark, packt furchtlos und mit aller Kraft eine große Aufgabe an, beschützt Schwächere, befreit Gefangene, besiegt Tyrannen, opfert notfalls sein Leben dafür, und wird deshalb von der Menge der normalen Menschen bewundert, bekommt meist ein Denkmal (mal unter uns Männern, war das nicht auch Ihr Kleinjungen-Traum?) Um zur Gleichberechtigung zurückzukehren: Wer von uns hatte als Kind nicht den Plan, später etwas Wichtiges, Bleibendes zu vollbringen? Dies zeigt doch eine tief angelegte Sehnsucht nach Identität: So will ich gerne sein. Aber die Realität zeigt, dass hinter den meisten, hochgejubelten, märchenhaften Helden auch oft bald nur Elend und allzu menschliches Scheitern in anderen Bereichen zum Vorschein kommt, wenn die mühsam aufgebaute Fassade oder Maske einbricht, wenn ein Pieks den aufgeblasenen Ballon des Ichs platzen lässt.

Und dann kam die Realität auch in mein Leben. Ich, der ich doch ein Held werden wollte, war gar nicht so stark, wie ich mir wünschte, war viel verletzlicher und verletzte auch andere, anstatt sie zu beschützen. Mein Leben wurde kein Siegeszug, sondern mühselig, und ich scheiterte oft ich an mir selbst.                                  

Fazit: echte Helden sind selten, saubere Helden sind noch seltener, oder gibt es vielleicht nur in unserer Phantasie. Aber wir brauchen sie scheinbar, um uns an Ihnen hochzuziehen.

Wie war das mit Jesus? Mit dem Held von uns Christen, den wir jetzt zu Ostern feiern? Als Jesus am Palmsonntag in Jerusalem einzog, wurde er von der Menge der normalen Menschen auch als Held, als Befreier mit „Hosianna“ bejubelt, war der lang erwartete Messias, vollbeladen mit Hoffnung. Aber man wollte die kleinen Zeichen übersehen: dass er bewusst nur auf einem Esel ritt, keine fürstliche Gefolgschaft hatte und nach irdischen Maßstäben arm und machtlos daher kam.

Während er aufs ehrwürdig-schöne Jerusalem zuritt und die Menge ihm zujubelt, sonnt er sich aber nicht in den Bewunderungsrufen, verfällt nicht mit männlich-selbstbewusster Stimme in ein Siegesgebrüll oder reckt sich stolz und gönnerhaft als Reiter in Pose - wie ein echter Held.  

Nein, Jesus ist anders, in Lk 19,41 steht, dass Jesus beim Einzug weint! Der bejubelte Held weint still vor der großen Menge ihm zujubelnder Menschen. Weil er die Wahrheit sieht: wie weit die jubelnden Menschen und ihre Stadt von Gott und von ihm, Jesus, eigentlich entfernt ihm sind. Er sieht, dass einige der Jubelnden bald „kreuzigt ihn!“ rufen werden, dass sie vierzig Jahre später den falschen Helden, den zelotischen Aufrührern nachlaufen und elend umkommen werden und alles, was jetzt noch so beeindruckend dasteht, die Stadt und der Tempel, komplett zerstört werden wird.

Jesus wusste, wie sein Weg enden wird, weinte aber über das Elend und die Not, die er hinter all den schönen Fassaden und dem Gejubel sah, er sah den Untergang dieser erlösungsbedürftigen Menschen. Er wusste: fast alle, die jetzt noch von ihm begeistert sind, werden sich gegen das Kreuz, gegen seine schwache Art von Liebe, die Angst und Leiden aushält, stellen und ihn am Kreuz entsorgen, dafür aber dem starken Revolutionär, dem Killerhelden Barabas, die Zukunft schenken. All das wusste Jesus! Jesus geht einem brutalem Tod entgegen - und weint aber um die Täter. Was für eine wirklich heldenhaft unbegrenzte Kraft und Liebe!

Die weltfremde Art, wie Jesus das Böse überwand, enttäuschte die Menge der normalen Menschen, denn er endete als scheinbarer Verlierer am Kreuz. Was Jesus als Lösung vorschlägt, um erlöst zu werden von der Tyrannei, dem brutalen, allmächtigen römischen Militärstaat, ist ja auch aus normaler Sicht gerade zu verrückt, lächerlich-grotesk. Wenn wir vor dem waffenklirrenden, brutalen Feind stehen, der jederzeit auch kaltblütig mordet, sagt Jesus zu uns: „Halte Dein Schwachsein, Deine Angst aus, liebe Deinen Feind!“

Wie kommt Jesus dazu? Was bietet er denn uns normalen Menschen, die wir ja hier noch aushalten müssen, denn als Ratschlag an, wenn wir hier auf Erden von unserer Angst vor dem Tod befreit werden wollen? Jesus bietet uns an, dass wir den alten Menschen in uns sterben lassen sollen und verspricht uns ein neues Leben!

34 Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben behalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird's behalten.…

Mein spontanes Antworten ist: „Ja ja, Jesus, ich will dir ja nachfolgen, aber meine Realität ist: ich HABE Angst vor dem Tod, ich HABE Angst vor Schmerzen und Leid! Wie soll ich den Feind lieben, meine Angst als mein Kreuz auf mich nehmen und dir vertrauensvoll nachfolgen? Wie soll das gehen, wie soll meine Kraft und mein Mut dafür ausreichen? Und überhaupt: was ist das für ein Sieg? Wenn man die all die Schmerzen und das Leid dagegen aufwiegt? Jesus, ich kann das mit dem Kopf glauben, dass Du den Tod besiegt hast, aber mein Herz hat Angst und meine Realität ist Schwachheit und Zweifel. Ja mein Leben ist oft von Angst und Verzweiflung durchwoben, wie kann ich davon erlöst werden?“

Dafür müssten wir zunächst darauf schauen, wie Menschen versuchen, sich normalerweise selbst zu erlösen:

Der Versuch des Menschen, sich durch eigene Kraft zu erlösen, führt immer wieder in Machtmissbrauch, Verzweiflung, Tyrannei. Wenn ein Mensch zu viel Macht bekommt, wenn ihm „von oben her“ die Begrenzung fehlt, hebt er schnell ab. Im Großen wie im Kleinen (bitte entschuldigen Sie, ich rede jetzt aus zeitlichen Gründen sehr verkürzt und vereinfacht). Wie die Großen als selbsternannte Götter von Tag zu Tag größenwahnsinniger werden, sehen wir täglich in der Welt: Ganze Völker, Millionen Menschen werden unter dem durchgedrehten, diabolischen Machtwillen eines Menschen ihrer Freiheit und ihres Lebens beraubt.

Im Kleinen sehen wir es an uns selbst: durch unser Rennen nach Erfolg, Hetzen nach Lebenssinn, Heischen nach Anerkennung und Liebe verlieren wir oft immer mehr den Zugang zu unserem Inneren. Die Selbstsucht, der Narzissmus ist in unserer Kultur die Seelenkrankheit Nr. 1. Wenn das durchgedrehte Ich keine Wurzeln, keine Werte mehr hat, keine Nahrung von außerhalb bekommt, dreht es sich immer besinnungsloser um sich selbst und kippt schließlich um oder trudelt jedem verlockendem Angebot nach. Das größenwahnsinnige Ich hat auch keine Begrenzung mehr von einem „Oben“, überhöht sich selbst und macht seine eigenen Regeln. Deshalb verroht unsere Gesellschaft immer mehr und sieht gleichgültig zu, wie die Schwächeren von der Drehscheibe unserer ungehemmten Konsum- und Leistungsgesellschaft fliegen. Denn das Ziel ist die egoistische, eigene Befriedigung, koste es den anderen, was es wolle. Der Lebenssinn ist das, was meiner Befriedigung dient. In der klassischen Sinnsuche, die über Jahrhunderte gelehrt wurde, ordnete man seine Eigeninteressen einem größeren Ganzen außerhalb des eigenen Ichs unter. Offensichtlich hat dies ausgedient, wurde wohl zu oft schon missbraucht. So pustet sich das Ich selbst auf, der Andere wird über die Kante gedrängt und verschwindet aus meinem Blickfeld. Wenn ICH nur dabei durchkomme und durchhalte!

Der Preis dafür aber ist selbstmörderisch. Denn nun sind Schwachheit, Schmerz und Versagen für mich lebensbedrohliche Feinde! Wir haben uns teuer eine Waffenrüstung zugelegt, verstecken unser Inneres und verteidigen unsere Fassade nun bis aufs Messer. Denn wir befinden uns in einem brutalen Konkurrenzkampf - um Anerkennung, um Erfolg, um unser Leben, verletzen dabei andere Menschen, bezahlen mit kaputten Beziehungen, werden dabei immer einsamer, sterben innerlich ab. Ziemlich schnell werden wir zu Gefangenen unserer eigenen Schutzrüstung, merken oft erst spät, wie eingezwängt wir sind und gar nicht mehr richtig leben, oder dass wir zu Sklaven unseres materiell orientieren Lebensstils, Gefangene unseres selbstgebauten goldenen Käfigs geworden sind.

Wenn Menschen versuchen, sich selbst zu erlösen, endet dies im Großen wie im Kleinen in Elend, Gefangenschaft oder gar inneren Absterben, einem Weiterleben als leere, leblose Hülle. Wenn wir sowieso sterben, dann doch lieber Jesus nachfolgen und unser altes Ich sterben lassen in dem Vertrauen, dass wir mit ihm das neue, befreite Leben geschenkt bekommen?

Wie geht das aber mit „dem Kreuz auf sich nehmen“, dem Sterben des alten Menschen?

Ich bin da kein Profi, kann nur von mir erzählen, was mein Kreuz ist und dass ich immer noch auf dem Weg bin. Und dass ich so manches Mal ausbreche und flüchte. Mein Kreuz besteht vor allem darin, nicht immer aus eigener Kraft und Schlauheit nach vorne zu stürzen, sondern meinen Aktionismus vorher bei Jesus abzuladen, mein Ego dann immer ein Stück sterben zu lassen. Das Gute, Nützliche ist, so erlebe ich auch, dass ich so wirklich die quälenden, alten Ängste loswerde, zu kurz zu kommen, - langsam, ganz allmählich. Je öfter ich meine Pläne und Kraft vorher bereit bin, auch sterben zu lassen, weil ich sie erst Gott zur Entscheidung hinlege, desto mehr werde ich von ihm großzügig überrascht, und mein Vertrauen in Gott wächst. Das Kreuz auf sich nehmen besteht also für mich im unbequemen Gott-vorher-Fragen und vertrauensvoll abwarten.

Bei jemand anderen, der es vielleicht schwerer mit Aktivwerden und Tun hat, kann dies genau andersherum sein: Dass er mutig wird, auf Gott zu hören und zu tun, was der ihm schon lange sagt. Ich bin schon viele Male im Leben an meinen eigenen, vorher ach so genialen und fromm aussehenden Plänen brutal gescheitert, weil sie aus einer egoistischen, selbstsüchtigen Motivation heraus kamen und ich die Rechnung ohne Gott gemacht hatte. Es dauerte nicht lange, bis ich in Sackgassen ankam, keine Kraft oder kein Geld oder keine Liebe mehr für all die „doofen Menschen“ um mich hatte und vor allem an mir selbst verzweifelte. Gott hat mich vor viel Schlimmeren bewahrt, weil - er mich scheitern ließ! Dann saß ich da in meiner Verzweiflung… und habe gelernt, einen entscheidenden Schritt zu machen: Mich selbst und meine Pläne loszulassen. Das tut weh, ist schwer und macht Angst, kostet Stolz, aber meine Gebetsschrei war: „Jesus, ich krieg´s nicht hin, ich kapituliere, ich lasse los. Ich will endlich richtig leben!“ Nach der Verzweiflung kam das Loslassen.

„Das Kreuz auf mich nehmen“ und Jesus nachfolgen heißt für mich vor allem, die eigenen Pläne und Sorgen loslassen, heißt Gott vertrauen, dass er mich mit Anerkennung und Liebe versorgt, und ich mir dies nicht selbst nehmen muss. Dass er meine finanzielle Lage im Blick hat und großzügig ist und ich nicht ängstlich ackern und raffen muss. Und was ich vor allem in den letzten drei Jahren lernen musste: Mein Kreuz auf mich nehmen und nachfolgen heißt für mich, dass ich meine Sicherheit, die Sorge um meine Familie und um mich selbst, mein Leben, loslassen muss. Die Morddrohungen, die 2015 mehrfach und auf ekelhafte Weise bei uns eingingen, haben viel mit uns als Familie gemacht und mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Obwohl ich schon immer Christ war, evangelischer Pfarrer bin und als freier Trauerredner viele hunderte Menschen beim Abschied tröstend begleite, spürte ich, wie stark meine Todesangst nun plötzlich ist und wie gering mein Vertrauen, dass es danach beim Herrn nicht nur irgendwie, sondern für mich bestens weiter geht.

Ich musste mich meiner Verzweiflung stellen, mich selbst loslassen. Befreit hat mich dann, dass ich Gott die Erlaubnis gab: „Herr, mein Leben ist ja sowieso in Deiner Hand. Dein Wille geschehe, auch wenn Du sieht, dass ich noch gerne bei meiner Familie bleiben will!“. Nach der Verzweiflung und dem sich selbst Loslassen kam die Erlaubnis an Gott: Dein Wille geschehe, weil Du das Beste im Blick hast!

Noch bis heute viel schmerzvoller und mich in den Grundfesten erschütternder ist eine anderer Preis unseres politischen und geistlichen Kampfes gegen rechten Menschenhass: Der Verlust des vertrauten, Sicherheit gebenden Heimatgefühls. Weil ich den Ärger mit meinen Landsleuten geahnt hatte und anfangs nicht deutlich genug war, hatte mich meine liebe Frau herausgefordert: „Bist Du zu feige?“ Ja, ich war zu feige, hatte riesen Angst, dass unser Positionieren uns die Position in der Gesellschaft kostet. Ich ahnte, dass die Gemeinschaft uns anfeinden würde, nicht aber, dass es noch viel schlimmer kommen sollte. Damals bin ich zu meinen Seelsorger gefahren, habe von meine Verzweiflung und Angst erzählt, habe im Gebet mit ihm alles vor Gott losgelassen, habe Jesus meine Zukunft in die Hände gegeben und gab ihm die Erlaubnis: Dein Wille geschehe! Auch meine Menschenangst wurde von Tag zu Tag kleiner, ich konnte nun einen Landrat oder Innenminister, vor denen ich vorher noch gekuscht hatte, deutlich und stark angehen. Ohne mein Loslassen und Gott-die-Erlaubnis-Geben wären all die Veränderungen in meinem Leben so nicht geschehen, wäre ich heute nicht hier.

Meine Kindheit in dieser Gegend, in der DDR, war als Pfarrerskind von Mobbing und Ausgegrenztwerden geprägt und hatte tiefe Verletzungen und Sehnsucht nach Gemeinschaft hinterlassen. Für mich war es ein gnädiges Geschenk Gottes, dass ich ab 1999 in Tröglitz Heimat fand, weil ich mich um viele abgehängte Menschen kümmerte, mit ihnen Fachwerkhäuser sanierte, an Motorrädern bastelte und in Glaubensgrundkursen einzelne neuen Lebenssinn fanden. Weil ich beliebt und anerkannt war, wurde ich zum Ortsbürgermeister gewählt und konnte weiter Gutes tun. Ich war angekommen in meinem Traum, aufgenommen in einer Gemeinschaft, meine tiefe Wunde hatte sich geschlossen. 20 Jahre lang hatte ich an unserem alten Gasthof mit Tanzsaal, unserer Familienburg für Generationen, gebaut, fast alles war fertig und wunderschön.

Weil wir uns nun für fremde Schwache einsetzten, wurden wir plötzlich ausgestoßen, sozial und wirtschaftlich gemobbt. Menschen, mit denen ich eine persönliche Geschichte hatte, wären mit der NPD auch vor unser Haus gelaufen. Man folgte lieber rechten, kaltherzigen Hetzern, die nie etwas für den Ort oder die Menschen getan hatten und stieß den herzensengagierten Kümmerer samt Familie von sich. Soziale und politische Autoritäten, die mich erst noch mit Bier und Blumen zur nächsten Kandidatur überredet hatten, riefen nie mehr an, ließen sich nicht mehr blicken. Wir bekamen Stinkefinger gezeigt, Leute wechselten die Straßenseite ohne zu grüßen, über Wochen kamen Briefe mit Kot gefüllt – und der Inschrift: „Lügenpack Nierth, verzieht euch aus Tröglitz!“ Es war viel schlimmer gekommen, als befürchtet. 

Das lässt zwar nach, aber tut bis heute noch sehr weh. In meiner Verzweiflung musste ich meine Heimat und mein Lebenswerk, den sanierten Gasthof innerlich loslassen, um mich selbst nicht zu versklaven, um meiner Familie vielleicht woanders eine freie, freundliche Zukunft zu ermöglichen, - als Binnenflüchtling! Ich habe Gott die Erlaubnis gegeben: Dein Wille geschehe! Inzwischen bin ich dabei, von meiner Panik und Angst befreit zu werden, dass ich ins Bodenlose fallen könnte. Ich spüre, wie Gott meine Familie und mich trägt, ich erlebe, wie er sich laufend neue schöne Überraschungen einfallen lässt, damit wir beim ihm Nachfolgen nicht den Mut und die Lebensfreude verlieren.

Das Kreuz auf sich zu nehmen, kann für jeden etwas anderes heißen: die Angst im Alter krank und hilflos zu werden, die Angst jemand zu verlieren und einsam zu sein, die Angst im Job zu versagen, arbeitslos zu werden. Sein Kreuz auf sich nehmen kann heißen, die alten Wunden, die Menschen uns zugefügt haben, die Verbitterungen und das Misstrauen, das sich um unser Herz gelegt hat, bewusst im Gebet mit einem Seelsorger gemeinsam loszuschneiden, sich bewusst von Abhängigkeiten zu Menschen, bösen Erlebnissen und ins Elend führenden Süchten abzutrennen.

Wir Menschen können leider oft erst loslassen, wenn wir diese Schwelle, diesen Abgrund erreicht haben, an dem wir selbst nicht mehr weiterkönnen, wenn wir kapitulieren, weil unser Glaube nicht ausreicht, weil unsere zusammengebastelte Selbstgerechtigkeit sich endgültig entlarvt. Wir kapitulieren oft erst dann, wenn unsere Liebe zu anderen Menschen und zu uns selbst wieder mal zu Ende geht, wenn unsere Kraft und unser Mut, durch diese oft beängstigende und brutale Welt weiterzugehen, nicht mehr ausreicht.

Kurz zusammengefasst: Die Sehnsucht, loszulassen kam bei mir aus Verzweiflung. Der einzige Unterschied zu anderen Menschen ist, dass ich die Kraft von oben bekam, mich selbst zu reflektieren, mein Scheitern auszuhalten, meine Schuld anzugucken! Ich bin als Christ nicht besser als normale Menschen, ich weiß nur um Gottes Gnade und kann deshalb auch gnädig mit mir selber sein. Denn Grund für meine Verzweiflung war ich selbst: ich sah mein eigenes Versagen, meine Ängste und Zweifel, mein Getriebensein, meine Angst vor dem Tod, mein Misstrauen an. Das ist mein Kreuz, meine Schuld, die schon die ganze Zeit auf mir lastete. Gott gab mir nun die Kraft, all dies anzuschauen, auszuhalten und nicht auf andere zu schieben oder zu projizieren.

Mein Loslassen war nun ein mich-ins-Unbekannte-nach-hinten-Fallen-Lassen, mitsamt meinem Kreuz und aller Schuld: „Ich lasse mich und meine Pläne für mein Leben los, ich gebe mich, mein Leben, Schuld und Versagen in Deine Hände, ich vertraue Dir. Tue was richtig ist, reinige mich, befreie mich, mache mich zu dem, wie du mich geplant hast, fülle mich mit Deinem Geist!“. Gott wird uns nie etwas überstülpen gegen unseren Willen. Er wartet geduldig, bis wir den nächsten Schritt wollen, und das kann dauern, manchmal ein ganzes Leben lang. Aber sein Heiliger Geist wirkt an uns, öffnet uns die Augen, lässt Sehnsucht nach ihm wachsen. Gott steht die ganze Zeit neben uns, drängt sich mit seiner Beziehung nicht auf, erst wenn wir ihn weiter kennenlernen, wenn wir was verändern wollen, wenn wir ihm die Erlaubnis geben, wird er aktiv. Dann nimmt Jesus uns ab, was uns in falschen Illusionen gefangen hält, befreit von Ängsten.

Das eigentliche Abgelöstwerden, Befreitwerden mache also nicht ich, sondern Jesus mit mir gemeinsam. Dies ist ein ständiges den-alten-Adam-Ersäufen, wie Luther sagte, begleitet von eineinhalb Schritten vorwärts und einem zurück. Aber Jesus hat unendliche Geduld. Der Fortschritt unseres Befreitwerdens entsteht aus den vielen Dutzend Entscheidungen, die wir in jeder Stunde unseres Alltages treffen. Wie sehr es vorwärts geht, entscheidet sich daran, wohin dabei unser Blick gerichtet ist – auf unser Können und Wollen, oder das Loslassen, sich fallen lassen in Gottes Möglichkeiten. Das Gebet, dass ich seit Jahren innerlich schreie, wenn ich wieder mal verzweifelt über mich selbst bin, lautet: „Reinige mein Herz und gib mir einen neuen beständigen Geist. Herr, erbarme dich, erlöse mich von mir selbst!“

34 Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben behalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird's behalten.…

Eine lebenswichtige Entscheidung steht an. Denn nun stehen wir da, wie wir eigentlich nie sein wollten, wir sind ungeschützt und nackt und haben bitter-, furchtbare Angst. Um unser Leben. Alles schreit nach Wegrennen. Wir spüren die Last des alten bleischwer gewordenen Ichs, riechen den Moder unserer Abhängigkeiten, Süchte, unserer ekeligen Selbstgerechtigkeit, unseres totalen Scheiterns mit uns selbst und trauen uns anfangs trotzdem nicht den einen Schritt nach vorn – ins völlig Unbekannte. Weil wir nicht sicher wissen, wie Gott wirklich ist. Weil wir dem Unsichtbaren nicht genug vertrauen.

Der Drang, lieber im bekannten, alten Muff und Schmutz zu bleiben, der irgendwie immerhin irgendwie noch etwas Sicherheit gab, kann stärker sein, als der Schritt nach vorn – aufs Wasser des völlig Unbekannten, auch wenn sich dort eine Hand nach uns ausstreckt. Erst wenn wir uns lösen wollen, wenn wir kurze Zeit frei fallen, wird Gott uns auffangen, weil er unseren Willen achtet und uns nicht schubst. Erst wenn wir uns selbst loslassen, wenn wir Gott die Erlaubnis geben, unser Leben anzurühren und anzuführen, werden wir unser wahres Ich, unsere echte Identität geschenkt bekommen, die Gott schon in der Schöpfung, bei unserer Geburt, in uns angelegt hat.

Die gute Nachricht ist: Wenn wir mitten in unserer Verzweiflung über unser Leben stecken, wenn wir das Kreuz unseres Versagens und unserer Ängste endlich uns trauen wahrzunehmen, ist Jesus schon längst neben uns, wartet die ganze Zeit, dass wir nur loslassen. Er nimmt uns unser Kreuz, den alten Müll aus selbstgebastelten Rüstungen, die stinkenden Reste unserer Selbstrechtfertigungen und Selbsterlösung ab und hilft uns beim Hineinkommen ins neue Leben. Denn sein Joch ist sanft und seine Last ist leicht. Dies habe ich mehrfach in meinem Leben erfahren dürfen, dass dann, wenn wir loslassen und Gott die Erlaubnis geben, unser Vertrauen übergroß belohnt wird. Vielleicht nicht so, wie wir gedacht haben, aber in jedem Fall großzügiger und genialer, als wir uns das hätten je träumen lassen. Es lohnt sich, den Sieger über den Tod und alle Ängste als besten Freund zu haben. Jesus will Dein bester Freund sein. Die Sache mit Gott ist gewiss kein Verlustgeschäft, nicht nur, weil es das ewige Leben gibt. Wir werden schon hier auf Erden von Jesus befreit und bekommen das, wonach wir uns so lange gesehnt haben: neues, von Ängsten und Zwängen befreites Leben!

Jesus hat mit dem Kreuz, was er trug, auch unser Kreuz mitgetragen. Er hat den Tod besiegt und damit auch unsere Tode und Ängste entmachtet. Der Schlund des Todes, der Abgrund der Höllen dieser Welt kann uns nicht mehr erschrecken, weil das Kreuz von Jesus darüber liegt und für uns zur sicheren Brücke geworden ist. Seit Ostern ist dieser Weg frei, wir müssen nur loslassen und vertrauen!

Es ist Zeit zum Kapitulieren. Es ist Zeit, dass wir uns vom Selbsterlösen erlösen lassen. Weil unser Erlöser lebt und den Tod überwunden hat.

34 Wer mir  nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben behalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird's behalten.…

Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unser Wissen und unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

Predigt als PDF-Download hier