
Dass es überhaupt eine Trennmauer in der Heiliggeistkirche gab, hatte mit Machtansprüchen von Kurfürsten und der röm.-kath. Kirche zu tun. Doch das ist eine andere Geschichte.
Zum 500jährigen Jubiläum der Universität im Jahr 1886 wurde mit Zustimmung beider Gemeinden, der evangelischen und der alt-katholischen, die Trennmauer abgetragen. Die ev. Gemeinde begann Verhandlungen mit der röm.-kath. Seite, um die Chorkirche zu kaufen, doch es kam auch nach mehreren Jahren zu keinem konstruktiven Gespräch. Schließlich musste die Mauer auf Verlangen der röm.-kath. Kirche wieder eingezogen werden.
Im Vorfeld des 550jährigen Universitätsjubiläums wurden die Verhandlungen erneut aufgenommen. Treibende Kraft war der Pfarrer der ev. Heiliggeistgemeinde, Hermann Maas, der als Junge die Kirche ohne Trennmauer gesehen hatte. Da die Stadt auf die Forderung der röm.- kath. Seite, den Alt-Katholiken keine andere katholische Kirche zuzuweisen, einging, konnten die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen werden. Der alt-kath. Gemeinde wurden zwei Gottesdiensträume angeboten: die Peterskirche, die zusammen mit der ev. Gemeinde als Simultaneum genützt werden sollte, oder die ehemalige englische Kirche im Gebäude des in der Säkularisierung aufgehobenen Dominikanerinnenklosters, die von der Mädchenschule, dem heutigen Hölderlingymnasium, als Unterrichtsraum für Handarbeiten genutzt wurde. Die alt- kath. Gemeinde entschied sich für die kleinere Variante, die heutige Erlöserkirche in der Plöck, Ecke Schießtorstraße. Noch heute gibt es dort die Kirchenbänke, den Orgelprospekt und die Ewig-Licht-Ampel aus der Heiliggeistchorkirche.


Soweit in Kürze, welche Geschichte die alt-kath. Gemeinde mit der Heiliggeistkirche und der ev. Heiliggeistgemeinde verbindet.
Es ist natürlich viel mehr, was uns miteinander verbindet, als historische Ereignisse oder einige Gegenstände aus der alten Chorkirche.
Was alle Christen miteinander verbindet ist die Taufe.
„Wir bekennen die eine Taufe“ beten wir im Glaubensbekenntnis.
„Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller Menschen, der durch alle wirkt und in allen lebt,“ heißt es im Epheserbrief (4,5.6), in dem Paulus die Gemeinde auffordert sich der Taufberufung würdig zu erweisen. „Keiner soll sich über den anderen erheben“, schreibt er, „geht vielmehr liebevoll miteinander um! Setzt alles daran, die Einheit zu bewahren, die Gottes Geist euch geschenkt hat; sein Frieden ist das Band, das euch zusammenhält.“ (Eph 4,1-3)
Und im Galaterbrief lesen wir dazu im 3. Kapitel:
3,26 Ihr alle seid Söhne und Töchter Gottes, weil ihr an Jesus Christus glaubt und mit ihm verbunden seid. 27 Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt ein neues Gewand angezogen – Christus selbst. 28 Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Denn durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zusammen ein neuer Mensch geworden.“
Die Taufe hat also eine elementar gemeinschaftsstiftende Funktion: Sie ist Befreiung zu einer neuen Menschheit, in der alle trennenden Mauern, sogar des Geschlechts und des sozialen Status überwunden werden.
Bei allen konfessionellen Trennungen, bei allen Spannungen, die sich im Laufe der Kirchengeschichte im Verständnis von Amt, Eucharistie und anderen Sakramenten eingeschlichen haben, gilt: Die Taufe ist über alle Zeiten hinweg als ökumenisches Grundsakrament erhalten geblieben.
Natürlich werde ich durch die Taufe auch Mitglied einer ganz konkret verfassten Kirche, also evangelisch, alt-katholisch, römisch-katholisch, orthodox oder was auch immer. Doch vor allem werde ich durch die Taufe Christ oder Christin.
Die Taufe ist und bleibt ein für alle Kirchen verbindlicher, einmaliger Akt. Deshalb erkennen die allermeisten christlichen Konfessionen auch gegenseitig die Taufe an.
Die grundsätzlich von den Kirchen akzeptierte Einheit der Taufe ist ein ständiger Protest gegen alle Spaltungen. In den Grundbekenntnissen und im Sakrament der Taufe existiert die Kirchengemeinschaft aller Christen schon jetzt. Die Einheit der Taufe stellt an uns die Anfrage, woher Christen das Recht nehmen, zwischenkirchliche Schranken aufzurichten und andere, die auch die Gotteskindschaft der Taufe empfangen haben, vom Tisch des Herrn zurückzuweisen. Die durch die Taufe erworbene Würde der Gotteskindschaft ist unaufhebbar und unteilbar.
Auch aus der Perspektive der Einheit der Taufe muss weiter gefragt werden dürfen, ob überhaupt irgendeine Kirche das Recht hat, Getaufte auszugrenzen, zu exkommunizieren, im Bild gesprochen Trennmauern aufzurichten, Getaufte von der Einheit des eucharistischen Leibes Christi und der anderen Sakramente auszuschließen. Gerade Jesus hat niemanden ausgeschlossen.
In der „Lima-Erklärung des ÖRK (1982)“ heißt es zur Taufe: „Wenn die Einheit der Taufe in der Kirche realisiert wird, kann ein echtes Zeugnis abgelegt werden für die heilende und versöhnende Liebe Gottes. Daher ist unsere eine Taufe in Christus ein Ruf an die Kirchen, ihre Trennungen zu überwinden und ihre Gemeinschaft sichtbar zu manifestieren.“ (Lima, Taufe, II,6).
Die Einheit der Kirche ist in der Taufe schon da, und zwar nicht als Fiktion, sondern als Herausforderung des auferstandenen Christus.
Wir sind getauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
?: Können das andere durch uns Christen erfahren?
Getauft „Im Namen des Vaters“: Gott ist der Urgrund, der „Schöpfer“: Bin ich mir bewusst, das ich vor Gott „nur“ Kind, nicht aber Herr der Schöpfung bin? Ehre, bewahre und schütze ich die Natur als Schöpfung Gottes?
... „und des Sohnes“: Jesus verweist mich auf die Würde des anderen. Bin ich ein Mensch der Versöhnung? Lebe ich das, was ich vom Evangelium verstanden habe?
... „und des Heiligen Geistes“: Bin ich ein begeisterter Christ, eine begeisterte Christin? Bin ich ein geistlicher Mensch, der versucht aus der bedingungslosen Liebe Gottes, die mir zugesagt ist, zu leben?
Die Antworten müssen wir immer neu finden und leben. Die Taufe ist ja nicht ein ein für alle Mal abgeschlossenes Geschehen, sondern ein Prozess, ein wachsen und reifen.

Ich will meine Ansprache beschließen mit einem Zitat aus dem Hirtenbrief zum Sakrament der Taufe des alt-katholischen Bischof emeritus Joachim Vobbe:
„Normalerweise sehen die Menschen das Leben vom Anfang, von der Geburt her. Getauft sein heißt aber, das Leben vom Ziel her zu sehen. Auf dieses Ziel, das Reich Gottes, das ewige Leben in Gott, wachsen wir zu.
Schon jetzt dürfen wir als Erlöste leben: erhobenen Hauptes, königliche Menschen, Sein Fest vor Augen, Seine Festgewänder um unser Leben geschlungen, den Mund und die Ohren gefüllt von Seinem Lob, mit verklärten Wunden aus der Dämmerung unserer Sehnsüchte hineinerwachend in das nicht endende Licht Seines Tages.“
Amen.
