
Mt 2,13-15: Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.
Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.
Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
Liebe Schwestern und Brüder!
„Natürlich, kommen Sie herein, nur herein!“ - Eine mutige, in jener Situation gefährliche Einladung.
Es war in einem südfranzösischen Bergdorf, im Winter 1940. Der eisige Wind wirbelte den Schnee durch die Straßen. Es klopfte. Magda Trocmé öffnete die Tür des Pfarrhauses. Sie sah eine Gestalt, die mehr einem Schneemann mit großen, schwarzen Augen als einer Frau glich. Das ausgemergelte Gesicht zitterte vor Kälte oder Angst. Die Fremde war eine deutsche Jüdin, die vor den Nazis auf der Flucht war.
„Ich bin in großer Gefahr. Darf ich hereinkommen?“, fragte die Fremde unsicher.
Magda antwortete: „Natürlich, kommen Sie herein, nur herein!“
Die Fremde bekam in der Küche zu essen. Sie war zuerst nach Nordfrankreich geflohen und dann, nach dem deutschen Sieg, in den unbesetzten Teil Südfrankreichs. Irgend jemand hatte gesagt, dass man ihr in Le Chambon helfen könnte. Magda Trocmé, die Pfarrfrau von Le Chambon, legte die durchnässten Schuhe zum Trocknen in den Backofen neben dem Herd und machte sich auf den Weg. Die Jüdin brauchte einen Personalausweis, damit sie bei einer plötzlichen Razzia nicht gefasst würde. Arglos wandte sich Magda wegen der Papiere an den Bürgermeister. Doch dieser drohte, die Jüdin am folgenden Morgen im Pfarrhaus verhaften zu lassen.
Unverrichteter Dinge kehrte Magda zurück. Die Fremde wärmte sich am Küchenherd. Ohne Schuhe. Hastig lief Magda zum Backofen. Zu spät, die Schuhe waren verkohlt! Was nun? Die meisten Dorfbewohner waren so arm, dass sie Holzschuhe trugen. Doch Holzschuhe waren ungeeignet für eine lange Flucht. Magda sandte im ganzen Dorf Schuhsucher aus und kämpfte sich selbst stundenlang durch den Schnee. Das Dorf war klein, viele Bauernhöfe lagen weit außerhalb. Vor Mitternacht schließlich hatte sie ein Paar feste Schuhe aufgespürt. Am nächsten Morgen floh die Fremde weiter.
Seit dem Tag wusste sich das protestantische Dorf in die Pflicht genommen. Von ihrem Glauben her! Fast alle Bewohner beteiligten sich an einer gewaltigen Rettungsaktion von Flüchtlingen.
Wie sie funktionierte? Die Flüchtlinge kamen mit dem Ein-Uhr-Zug, gingen ins Pfarrhaus und wurden dann geeigneten Familien zugeteilt. Vor allem auf den Bauernhöfen wurden sie versteckt. Die Hunde auf diesen Höfen waren es gewohnt, anzuschlagen, wenn sich jemand von weitem dem Hof näherte. Auf diese Weise warnten sie frühzeitig vor einer Razzia. Die Flüchtlinge hatten dann genügend Zeit, sich im nahen Wald zu verstecken. Die meisten hielten sich eine Zeitlang im Dorf versteckt und flohen dann weiter. Einige wurden von den Dorfbewohner über die ostfranzösischen Berge in die Schweiz gebracht. Manche blieben den ganzen Krieg über in Le Chambon versteckt. Wie Hermann Maas half das Dorf Jüdinnen und Juden. In der Mitte der Besatzungszeit waren immer etwa 400 Flüchtlinge im Dorf. Da die Bauern selbst sehr arm waren, konnten sie eine so große Menge nicht mitversorgen. Daher mussten die Dorfbewohner Lebensmittelkarten fälschen. Woher die Blankoformulare für die Lebensmittelkarten und Personalausweise kamen, ist ein Geheimnis. Im Dorf wollte man es auch nicht wissen. Es gab nur eine Person, die über alles Bescheid wusste, was mit der Rettungsaktion zusammenhing: Das war Pastor Trocmé.
Als aber die Deutschen Südfrankreich besetzten, wurden die Razzien strenger. Im Februar 1943 musste Magda zusehen, wie ihr Mann verhaftet wurde. Die Dorfbewohner versammelten sich vor dem Pfarrhaus. Abermals jagte der berüchtigte Bergwind den feinen Schnee durch die Straßen. In der Abendfinsternis bildeten die Dorfbewohner eine Gasse. Pastor Trocmé schritt umgeben von Polizisten hindurch. Da stimmte irgend jemand das alte Lutherlied an: „Ein feste Burg ist unser Gott“. Die Gasse schloss sich hinter den drei Männern. Es folgten ihnen der Gesang und, durch den Schnee gedämpft, das Klappern der Holzschuhe.
Liebe Gemeinde,
warum hat Le Chambon damals aus ihrem Glauben heraus den Flüchtlingen geholfen? An der Krippe der Jesuitenkirche sind Flüchtlinge abgebildet. Das ist kein Zufall. Nach der Weihnachtsgeschichte, wie sie der Evangelist Matthäus erzählt, war das Jesuskind selbst ein Flüchtling. Seine Eltern flohen mit ihm nach Ägypten, um dem Kindermord des Herodes des Großen zu entgehen. Und später als Wanderprediger floh er vor den Nachstellungen dessen Sohnes Herodes Antipas (Lk 13,31ff.).
Der Nahe Osten zur Zeit Jesu. Die Zeiten sind heute andere. Wie hätte sich die Weihnachtsgeschichte wohl heute zugetragen? So habe ich mich gefragt. Vielleicht so:
Jahr 0: In jenen Tagen aber erließ Kaiser Augustus den Befehl, dass sich der ganze Weltkreis registrieren lassen sollte.
Jahr 2015: Der Weg zu Schulbildung oder ein späterer Arbeitsplatz? Ohne Papiere? Heute undenkbar! Stellen Sie sich vor: Im Nahen Osten sind ein Viertel der Geburten unregistriert. Weltweit ist es eines der Hauptrisiken für Menschen, nicht registriert zu sein. Wer keine Papiere besitzt, hat keine Rechte und Chancen.
Jahr 0: Auch Josef ging aus Nazaret in Galiläa hinauf nach Bethlehem in Judäa, in die Stadt Davids, weil er aus dem Haus und Geschlecht Davids war, um sich mit Maria, seiner Verlobten, registrieren zu lassen.
Jahr 2015: Heute trennt eine Mauer Israel von den palästinensischen Autonomiegebieten. Ein solcher Weg, von Nazareth nach Bethlehem, wäre also nicht möglich. Acht Meter hohe Betonquader überragen heute die Geburtsstadt Jesu.
Jahr 0: Sie war schwanger, und als sie dort waren, erfüllte sich die Zeit ihrer Schwangerschaft, so dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe. Denn sie hatten keine Unterkunft.
Jahr 2015: Josef und die hochschwangere Maria unterwegs. Heute wäre denkbar, sie hätten eine Unterkunft gefunden - in einem Flüchtlingslager. Mit etwas Glück. Wie auf Lampedusa zum Beispiel. 400 Betten und 1000 Menschen sind dort gemeinsam in einem Durchgangslager untergebracht. Eine sehr schutzlose und ungewisse Situation... und Privatsphäre? Fehlanzeige!
Jahr 0: Kaum waren die Sterndeuter aus dem Osten aufgebrochen, seht, da erscheint Gottes Engel dem Josef im Traum und sagt: „Steh auf nimm das Kind und seine Mutter flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir etwas anderes sage. Denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten".
Jahr 2015: Angenommen, Josef gäbe im heutigen Asylverfahren als Fluchtgrund an, dass ihm ein Engel erschienen sei und ihm gesagt habe, er solle mit seiner Familie fliehen. Sicherlich würde unser Bundesamt den Bescheid ausstellen: „Asylantrag offensichtlich unbegründet.“
Jahr 0: Da stand Josef auf, nahm noch in der Nacht das Kind und dessen Mutter, und sie flohen nach Ägypten.
Jahr 2015: Ein Fluchtweg von Bethlehem nach Ägypten ist in unseren Tagen so gut wie unmöglich. Ägypten fürchtet den massenhaften Andrang von palästinensischen Flüchtlingen, Israel das Eindringen von Terroristen.
Jahr 0: Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig, und er ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte. Josef, Maria und Jesus aber blieben in Ägypten bis zum Tod des Herodes.
Jahr 2015: Jesus und seine Familie fanden in Ägypten Asyl.
Wie könnte sie heute aussehen, die Aufnahme der jungen Familie in Deutschland? Wie wäre es, wenn die Familie unter Berücksichtigung ihrer Fluchtgründe in einem fairen Asylverfahren als Asylberechtigte nach dem Grundgesetz anerkannt würde? Wie wäre es, wenn Josef eine Anerkennung seines gelernten Zimmermannberufs erhalten würde? Wenn ihnen in einer eigenen Wohnung ermöglicht würde, sich in die neue Umgebung und Gesellschaft einzuleben?
Wie es wäre? Vielleicht so: Maria dürfte einen Deutschkurs besuchen. Jesus bekäme einen Kindergartenplatz und danach eine umfassende Schulbildung. Sie würde es ihm ermöglichen, sich gut auf seinen späteren nicht eben gewöhnlichen Berufswunsch und Lebensweg vorzubereiten...
Le Chambon zur Nazi-Zeit. Die Zeiten sind heute andere. Doch Flüchtling zu sein ist immer noch gefährlich. In der Krippe der Jesuitenkirche können Sie ertrinkende Flüchtlinge vor Lampedusa sehen.
Indes, sich um Flüchtlinge zu kümmern ist heute für uns ungefährlich. Und Flüchtlinge gibt es auch bei uns genug! Statt Ausgrenzung sollten die Flüchtlinge inetgriert werden! Angesichts mancherorts aufflammender Fremdenfeindlichkeit sollten wir vom Evangelium her eine Willkommenskultur entgegensetzen. Es ist wichtig, eine Willkommenskultur vor Ort aufzubauen und zu pflegen. Christinnen und Christen könnten dieser Kultur ein Gesicht geben!
Vorbildhaft: Heidelberg hat im zurückliegenden Jahr große Hilfsbereitschaft gezeigt bei der Unterbringung von Flüchtlingen. Freilich, es wird ein neuer Flüchtlingsansturm erwartet. Als internationale und weltoffene Stadt ist Heidelberg offen für alle. Auch für Flüchtlingsfamilie. So die Stadtverwaltung. Unsere Kommune nimmt freiwillig mehr auf als andere und mehr als sie müsste.
Auf der anderen Seite möchte sie verhindern, dass Containerdörfer am Stadtrand entstehen. Die Flüchtlinge sollen künftig besser bei uns integrieren werden. Aus diesem Grund werden dringend freie Wohnungen für Flüchtlinge gesucht. Wissen Sie welche? Es wird gebeten, diese der Stadtverwaltung zu melden.
Und, was ist denn aus Pastor Trocmé geworden? Er wurde in ein französisches Konzentrationslager gebracht. Da geschah ein Wunder. Auf Druck der Kirchenleitung wurde er wieder freigelassen. Aber im Sommer nahm die Gestapo bei einer Razzia in Le Chambon jüdische Waisenkinder fest, drei ganze Transportwagen voll. Es war das einzige Mal, dass bei einer Razzia mehr als nur einzelne ins Netz gingen. Die jüdischen Kinder kamen im Lager Maidanek um.
Pastor Trocmé musste nun endgültig untertauchen. Doch, trotz der großen Gefahr, standen die Dorfbewohner noch immer den Flüchtlingen bei. Magda übernahm nun die Rolle ihres Mannes bei der Organisation des Rettungswerkes. In Le Chambon wurden weiterhin jüdische Flüchtlinge versteckt, bis zum Ende des Krieges. Sie genossen den heimlichen Schutz des Dorfes und wurden gerettet. Die Zahl ist ergreifend: Insgesamt waren es rund 5000!
Amen.
Lassen Sie uns wie die Dorfbewohner bei der Verhaftung von Pastor Trocmé das Lutherlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ singen…
