
Liebe Walzer-Gemeinde,
Menschen brauchen Nähe.
Der Wiener Walzer ist der älteste und traditionsreichste Paartanz. Er lässt sich schnell erlernen und wirkt graziös und majestätisch. Bei Bällen genauso wie bei Brautpaaren, die glückstrahlend ihre Hochzeitsfestlichkeit einläuten. Hinter dem einfach aussehenden Walzer verbirgt sich eine wechselhafte Geschichte. Bis zur Französischen Revolution trennte der Tanz die Gesellschaft in zwei Klassen. Die Kluft war unüberbrückbar. Der Adel tanzte das höfisch reglementierte Menuett. Es ließ mit komplizierten Figuren und eisern festgelegten Schrittfolgen keinerlei individuelle Entfaltung zu. Mittel- und Unterschicht tanzten Volkstänze ohne Zeremoniell und feste Regeln. Die Anfänge des Walzers gehen auf die wilden deutschen Bauerntänze des Mittelalters zurück. Die Paare umfassten sich mit beiden Armen in Schulterhöhe und drehten sich hüpfend. Der Name "Walzer" leitet sich vom alten Wort "walzen" ab, was "drehen" bedeutet. Seine heutige choreographische und musikalische Ausprägung fand der Walzer aber erst in den sozialen Umbrüchen der bürgerlichen Revolutionen. Tanz ist eine Art, sich der Gruppenidentität zu versichern. Insbesondere in Umbruch- und Krisenzeiten. Entsprechend löste der Walzer als Bewältigungsversuch der gesellschaftlichen Unsicherheit einen kollektiven Tanzrausch aus. An der Wende zum 19. Jahrhundert sprengte er die Ketten der erstarrten Gesellschaftshierarchie. Noch heute tanzt man in Paris am 14. Juli als Erinnerung an die Französische Revolution Walzer auf den Straßen.
Am Walzer schieden sich freilich zunächst die Geister. Vielen galt bereits die Erotik eines engen Paartanzes als sittlich allzu gewagt. Einer, bei dem man sich bis zum Kontrollverlust im Kreise dreht, erst recht! In der Gebrauchsliteratur dieser Zeit konnte man mahnende Erzählungen von Mädchen lesen, die sich beim Walzer tot getanzt hätten. Der Walzer wurde nicht nur in den Kirchen verdächtigt, Sitte und Moral zu zersetzen. In manchen Gegenden verbot ihn gar die Obrigkeit. Doch alle erhobenen Zeigefinger und Strafen konnten die rasante Ausbreitung des Walzers nicht verhindern. Mit dem Wiener Kongress begann der unaufhaltsame Triumphzug des Walzers auf internationalem Parkett.

Der Walzer ist tänzerisch die erste Manifestation des Individualismus. Was bei Martin Luther begann, der mit der Berufung auf die Freiheit des Gewissens dem Individuum den absoluten Vorrang gab, und was sich politisch in der Französischen Revolution mit den Forderungen nach Freiheit und Gleichheit fortsetzte, das realisierte der Walzer auf der Tanzfläche: Er war soziale Umwertung und Neuordnung im Medium des Tanzes. Er löste eine friedliche gesellschaftliche Revolution aus. Standesschranken riss er ein, indem Adelige, Bürger und Arbeiter beim Drehen im Dreivierteltakt soziale Herkunft und Vorurteile vergaßen. Der Walzer brachte als erster Gesellschaftstanz Massen von frei tanzenden Individuen hervor, die sich in ununterbrochenen Drehungen der Tanzekstase hingaben. Klassenunterschiede wurde durch den gemeinsamen Genuß der rauschartigen Kreisbewegungen gleichsam mit zentrifugaler Kraft hinweggeschleudert.
Walzer trifft hier Bibel. Sie sagt: Für Gott gibt es nicht Menschen erster und zweiter Klasse. Seine Liebe kennt keine sozialen Schranken. Auch keine nationalen, kulturellen oder religiösen Grenzen. Ich sage das bewußt auf dem Hintergrund, dass neuerdings wieder eine große Partei in unserem Land die Religionsfreiheit einschränken möchte. Alle Menschen sind gleich geschaffen. Alle sind gottähnlich. Als tänzerisches Gleichnis hierfür steht der Walzer.
Allerdings hakt das Gleichnis an einer zentralen Stelle. Bei der heiklen Frage, wer beim Tanz führt. Gott hat Mann und Frau gleichberechtigt erschaffen. Indes, der Walzer ist wie die anderen Paartänze patriarchal. Der Mann führt, die Frau folgt! Freilich, es gibt auch eine Tanz-Szene, bei der die traditionelle Geschlechterrolle beliebig gewechselt wird: beim Queer-Tango. Wir werden nachher hierzu einen Tangowalzer sehen. Getanzt von zwei Frauen. Achten Sie auf das kunstvolle Zusammenspiel, wenn die beiden Tänzerinnen die Führungsrolle abwechseln.
Warum Tanz? - Der Mensch ist ein mystisches Tier! So hieß es vor kurzem beim Kulturgespräch der Stadt Heidelberg. Ein mystisches Tier. Ein Tier ist in seinen Impulsen und Instinkten unkontrollierbar. Ein mystisches Tier ist etwas, das sich sehnt aus dem Alltag auszubrechen und eine transzendente Welt zu berühren. Taumel und Verzückung sind Brücken in die Überwelt. Doch genau dies Animalische und Unkontrollierbare hat den Kirchen immer Angst gemacht. Und dafür steht im Besonderen dieses Gotteshaus, in dem wir heute Walzer und morgen Tango tanzen. In der Mitte des 16. Jahrhunderts ließ ein streng calvinistisch-reformierter Kurfürst nicht nur alle Bilder in der Heilggeistkirche entfernen, sondern auch die Orgel. Musik aller Art und selbst das Singen war fortan verboten, allein der einstimmige Psalmengesang erlaubt. Musik war hochverdächtig, Tanz undenkbar, Ekstase und Entrückung ein Sakrileg. Das Wort in Rein-Form und ohne jeden Zusatz sollte die einzige Brücke ins Jenseits sein. Der Mensch wurde völlig reduziert auf ein denkendes Wesen. Das ist er - aber er ist auch mehr! Die Angst vor dem Animalischen und die Verkürzung des Menschen auf den Verstand war ein verhängnisvoller Fehler!
Vergessen war der lebenshungrige Jesus, vergessen das sinnenfreudige Alte Testament. "Tanzen hat seine Zeit", heißt es dort pointiert. Tanz ist im alten Israel wesentlicher Bestandteil von Feste und Hochzeitsfeiern, Ausdruck der Freude und der puren Lust am Leben. Es sei nur König David genannt, der halbnackt und verzückt vor der Bundeslade tanzte.
Zur Zeit, als der Walzer seinen Siegeszug in Europa hielt, studierte Ludwig Feuerbach in Heidelberg Theologie. Er war abgestoßen von der vernünftigen Theologie, die hier gelehrt wurde. Das Fundament seiner späteren Philosophie ist konträr: Der Mensch ist ein sinnliches Wesen. Und ich ergänze als Pfarrer: Der Mensch ist von Gott sinnlich erschaffen worden. Er braucht die körperliche Berührung und das Anfassen. Alle Menschen sind darauf angewiesen. Auch Menschen mit Behinderungen. Alle Menschen sind sinnliche Wesen und der Tanz ist entsprechend für alle da! Menschen sind sinnliche und mystische Geschöpfe. Die Sinnlichkeit ist eine Brücke in die mystische Welt. Die Musik erreicht verborgene Schichten in uns, die für den Verstand unzugänglich sind. Der Tanz kann uns durch pulsierenden Rhythmus, Wirbel und Rausch auf Engelsfüßen in das verlorene Paradies tragen. Musik und Tanz sind ein Stück vom Himmel. Nietzsche hat einmal gesagt: "Damit es Kunst gibt, damit es irgendein ästhetisches Tun und Schauen gibt, dazu ist eine physiologische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch." In der Kirche nennen wir Rausch und Ekstase "Heiliger Geist". Und diese Kirche ist dem Heiligen Geist gewidmet!

Nochmals, warum also Tanz? Hier, ausgerechnet in dem Gotteshaus mit reformiert-calvinistischer Tradition? Weil die Leibfeindlichkeit ein Irrweg war und dem Heiligen Geist Hausverbot erteilt hat! Der Mensch ist von Gott vernunftbegabt, sinnlich und mystisch geschaffen worden. Der Heilige Geist erfasst Tiefenschichten in diesem mystischen Tier und entrückt es in Musik, Tanz und Taumel in himmlische Sphären...
Alles Walzer! Wenn dieses militärgleiche Kommando heute in einem Ballsaal erklingt, dann verwandelt der Dreivierteltakt im nächsten Augenblick die Menschen auf dem Parkett in eine wirbelnde Menge. Die Konturen der Frauen in Abendkleidern und der Männer in Anzügen verschwimmen zu einem kreisenden Tumult der berauschten Masse. Es ist, als versinke die Welt in einem Walzerhimmel. Für alle Tänze, aber ganz besonders für den Walzer gilt:
Tanz ist der gesündeste Rausch, den Gott geschaffen hat!
