Epiphaniastag 2016 (6. Januar, Heiliggeistkirche)

Predigt zu Hermann Stöhr / Röm 12,9.14.17-21

Pfarrer Dr. Vincenzo Petracca

 
Gedenktafel, Hermann Stöhr, Hermann-Stöhr-Platz, Berlin-Friedrichshain

 

Predigttext:
Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!
Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«
Lasse dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!

Stettin, Februar 1939. Ein Marinezahlmeister aus dem 1. Weltkrieg hat die Einberufung zur Reserveübung erhalten. Es sind zwar noch Friedenszeiten, aber die Vorbereitungen auf den 2. Weltkrieg haben begonnen. Der Reserveoffizier sitzt an seinem Schreibtisch und schreibt einen Brief an das Wehrbezirkskommando. Er verweigert darin den Dienst mit der Waffe. Auch den zugehörigen Eid lehnt er ab. Aus Gewissensgründen. Er beruft sich dabei auf die Bergpredigt Jesu, auf das Gebot der Feindesliebe (Mt 5,21-26, 38-48). Er will sich aber nicht seinen staatsbürgerlichen Pflichten entziehen und erklärt: Zu einem Arbeitsdienst sei er bereit. Gesetze über einen Ersatzdienst gibt es nicht. Der Soldat wird von der Militärbehörde als Sonderling eingestuft und zunächst nicht zum Dienst herangezogen. Am 31. August aber, dem letzten Friedenstag, wird er verhaftet. Er wird zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Kurz darauf wird erneut ein Prozeß gegen ihn eröffnet, nach dem inzwischen verschärftem Kriegssonderstrafrecht. Er wird zum Tode verurteilt. Am 21. Juni 1940 wird er in Berlin hingerichtet. Während der Beerdigung verhindert die Gestapo, dass eine Predigt gehalten wird. Der Gefängnispfarrer kann lediglich das Vater Unser sprechen.

Wer ist dieser Mann? Es ist Hermann Stöhr. Er ist der erste evangelische Kriegsdienstverweigerer im 2. Weltkrieg. Es folgt nur noch ein weiterer: Martin Gauger, der im KZ ermordet wird. Hermann Stöhr wurde am 4. Januar 1898 in Stettin geboren. Er hätte vorgestern Geburtstag gehabt. Ein Grund, einmal genauer auf sein Leben zu schauen. Gerade an einem Ort, der sich Hermann Maas verpflichtet weiß, einem Pazifisten und Nazi-Gegner.

Wie aber kam Stöhr, ein Reserveoffizier, zur Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern?

Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges meldete Stöhr sich freiwillig zum Militär. Er war gerade einmal 16 Jahre alt. "Fröhlich und vaterlandsfroh“ war er, so erzählte ein Freund. Aber die grausamen Materialschlachten des Weltkrieges änderten seine Haltung. Er kehrte aus dem Krieg als Pazifist zurück. Zunächst studierte er und promovierte in Volkswirtschaft. Danach arbeitete er als Sekretär des Deutschen Versöhnungsbundes, einer christlichen Friedensorganisation. Die Anweisung des Paulus "Haltet Frieden!“ gilt für ihn für Einzelne wie für ganze Völker. Tief prägte ihn der Grundsatz des Versöhnungsbundes, der bei seiner Gründung so formuliert wurde: "Die Liebe, wie sie sich im Leben und im Tode Christi offenbart, ist die einzige Macht, die das Böse bezwingen kann und die einzige dauernde Grundlage für die menschliche Gesellschaft. Um eine Weltordnung aufzurichten, die auf die Liebe sich gründet, müssen jene, die an dieses Grundgesetz glauben, es selbst völlig annehmen. Sie müssen die Folgen auf sich nehmen, die sich in einer Welt ergeben, welche diese Ordnungen noch nicht anerkennt.“

Wie verhält sich dieser radikale Grundsatz zum heutigen Predigttext? Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! So schreibt der Apostel Paulus im 12. Kapitel des Römerbriefes. Vorher hat er elf Kapitel lang ausgeführt, dass Gott uns Menschen liebt: Wir sind umschlossen von der Liebe Gottes, wie ein Embryo im Schoß der Mutter geborgen ist. Auf diese unendliche Liebe sollen wir Menschen mit Liebe antworten. Die Zehn Gebote sind nach Paulus in dem Satz zusammengefaßt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Denn die Liebe ist die Erfüllung aller Gebote (Röm 13,9f.).

Nun weiß Paulus aber auch, dass "Liebe“ ein Allerweltswort ist. Daher spitzt Paulus in unserem Predigttext das Gebot der Liebe auf die Feindesliebe zu. Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! Auch und gerade mit eurem Feind. Natürlich hat Paulus hier die Worte Jesu aus der Bergpredigt im Hinterkopf. Er fragt im Predigttext: Wie soll ich auf Böses reagieren? Soll ich Böses mit Bösem vergelten? Mit Rache?

Rache ist zwar als Gefühl verständlich, doch dieses Gefühl darf nicht das Handeln bestimmen. Rache darf keinesfalls ausgeübt werden! Das Gericht steht allein Gott zu, meint Paulus. Auf Böses soll man auch nicht mit Gewalt reagieren. Denn: Gewalt erzeugt Haß. Haß wiederum Gewalt. Das schaukelt sich gegenseitig hoch. Diese Spirale des Hasses und der Gewalt kann man gerade detailliert im Syrienkrieg beobachten. Martin Luther King sagte einmal: “Die ultimative Schwäche der Gewalt ist, dass sie eine abwärtsgerichtete Spirale ist, die genau das erzeugt, was sie zu zerstören sucht. Statt das Übel zu vermindern, vermehrt sie es... Durch Gewalt tötest du den Hasser, aber du tötest nicht den Haß. Im Gegenteil: Gewalt erzeugt nur noch mehr an Haß.” Wir haben heute das Epiphaniasfest. Noch einmal ein Ausspruch von Martin Luther King: „Die Botschaft von Weihnachten (und Epiphanias) ist: Es gibt keine größere Kraft als die Liebe. Sie überwindet den Hass, wie das Licht die Finsternis.“

Um ein Missverständnis abzuwehren: Jesus, Paulus und Martin Luther King fordern keine passive Unterwerfung unter das Böse. Man soll sich nicht vom Bösen besiegen lassen, heißt es im Predigttext. Dem Bösen soll man widerstehen - jedoch nicht mit Gewalt! Sie schlagen eine aktive Haltung der Gewaltlosigkeit vor. Statt sich zu fügen, soll man versuchen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Man soll verblüffende Wege wagen. Anders reagieren als erwartet wird. Ausbrechen aus dem Kreislauf der Vergeltung. Kreative, ungewöhnliche Lösungen suchen. Paulus erlässt auch keine neuen Supergesetze. Er nennt vielmehr Beispiele, wie man mit Situationen, in denen man Gewalt erfährt, umgehen kann: Wenn dein Feind Hunger hat, freue dich nicht darüber, sondern gib ihm einfach zu essen. Wenn deine Feindin Durst hat, gib ihr zu trinken. Verflucht eure Verfolger nicht, sondern segnet sie.

Das mutet paradox an. Wozu das? Paulus nennt selbst den Grund. Luther übersetzt: „um glühende Kohlen auf dem Haupt des Feindes zu sammeln“. Glühende Kohle ist ein Symbol für Reue. Es geht darum, dass der Feind zum Freund wird. Sinngemäß übersetzt daher die Gute Nachricht: „Dann wird es deinem Feind bald leid tun, dein Feind zu sein!“ Das Ziel ist demnach Entfeindung.

Gegen Rache und Gewalt setzen Jesus und Paulus die Entfeindung und die Feindesliebe. Konsequent lehnen sie Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung ab. Sie ersetzen sie durch die Macht der Liebe. Liebe ist die einzige Macht, die das Böse bezwingen kann. Papst Franziskus sagte zum Neuen Jahr: Das Gute gewinne immer, „auch wenn es in einigen Momenten schwächer und versteckt erscheinen kann“. In dieser Tradition stehen auch Hermann Stöhr und der Versöhnungsbund: Sie wählen die Liebe als Grundlage der Gesellschaft.

Unsere Landeskirche sagt in ihrer Stellungnahme gegen den Militäreinsatz in Syrien: „Das Pauluswort "Lasst Euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem" (Röm 12,21) ist nicht Ausdruck naiver Weltferne - auf die aktuelle politische Situation [in Syrien] übertragen bedeutet es die Aufforderung alle Anstrengungen auf Alternativen zu einem militärischen Vorgehen zu richten, um die Gewaltspirale zu durchbrechen!“

Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!
Das hieß für Hermann Stöhr, als Christ den Kriegsdienst zu verweigern. Die Folgen dafür war er bereit zu tragen. Drei Tage nach seinem Todesurteil schrieb er an seine Mutter (Brief vom 19. März 1940): "Es hat nicht an mehr oder minder wohlmeinenden Versuchen gefehlt, die mich zu einer anderen Meinung zu bringen wünschten. Es war jedoch so, daß mich dies nur bestärkt hat in der Erkenntnis, daß Gott auch den Völkern geboten hat, einander zu helfen und zu lieben. In Dingen einer von Gott geschenkten Erkenntnis aber zu lügen, nur um mir das kleine Leben zu erhalten, das ging nicht. Es hätte bedeutet, Gott verachten und mein Leben auf eine Lüge gründen.“

Stöhr war ein Aufrechter. Er war einer, der seinen Glauben und sein Gewissen nicht verleugnete. Ein Zeuge einer besseren Welt. Dank seines Mutes und des Mutes anderer aus den Friedenskirchen und von den Zeugen Jehovas heißt es heute in unserem Grundgesetz: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“.

Ich finde es beschämend, dass die evangelische Kirche sich damals von Stöhr distanzierte. Die Kirchenleitung war nicht bereit, den Kriegsdienstverweigerer zu schützen. Auch nach dem Krieg tat man sich in Deutschland schwer mit ihm. Sein Todesurteil wurde erst 1997 annulliert.

Hermann Stöhr, der Aufrechte, ist nicht zum Märtyrer geboren. Im Gefängnis liest er viel in der Bibel und im Gesangbuch. Er wird von Zweifeln geplagt, von Anfechtung, von Furcht. Wir wissen es aus seinen Gefängnisbriefen. Aber er findet in seiner Zelle auch Trost, Halt, Geborgenheit. Durch den Glauben an die Auferstehung kann er schließlich sein Leiden annehmen. In der Nacht vor seiner Hinrichtung schreibt er an seine Schwester (Brief vom 20. Juni 1940): "Für mich wie auch für andere gilt, daß Christus uns von der Furcht des Todes erlöst hat und daß die völlige Liebe die Furcht austreibt. Die völlige Liebe, das ist ER. Und Er möge uns alle hineinziehen in diese Liebe. Und wenn wir darin stehen, muß uns alles Leid schwinden, dann wird uns große Freude zuteil... Und so wollen wir dem Tag entgegengehen, der uns alle in der Ewigkeit vereint.“

 

Amen.