
Predigttext: Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
Warum sollt ich mich denn grämen?
Hab ich doch Christus noch,/ wer will mir den nehmen?
Wer will mir den Himmel rauben,
den mir schon Gottes Sohn/ beigelegt im Glauben?
Liebe Schwestern und Brüder,
Deutschland, fünf Jahre nach Ende des 30jährigen Krieges. Ein Dichter, der das Grauen miterlebt hat, veröffentlicht ein Vertrauenslied. Es ist Paul Gerhardt, einer der bedeutendsten Dichter von Kirchenliedern. Als Theologie-Student in Wittenberg hatte er 1631 den Einzug der schwedischen Truppen nach Deutschland erlebt. Dann folgten grausame Schreckensjahre. Soldaten verwüsteten das Land. Dörfer wurden gebrandschatzt. Eine nie geahnte Hungersnot kam über das Land, weil die Felder nicht mehr bestellt werden konnten. Der schwarze Tod, die Pest, grassierte. Um Ostern 1637 waren die Schweden vor seiner Heimatstadt erschienen. Sie forderten die ungeheuere Summe von 3000 Gulden als Lösegeld. Andernfalls sollte die Stadt niedergebrannt werden. Die verzweifelten Bürger gingen auf die Forderung ein und brachten unter gewaltigen Opfern die Summe auf. Aber die Schweden dachten nicht daran, ihre Zusage zu halten. Kaum hatten sie das Lösegeld, brannten sie die Stadt vollkommen nieder. Auch die Kirche wurde bis auf die Grundmauern zerstört. Paul Gerhardt verlor dabei seinen gesamten ererbten Besitz: das Elternhaus, die Landwirtschaft und das Gasthaus. Im November starb dann sein Bruder an Pest. Diese Erfahrungen wirkten prägend auf den Lieddichter.
Unter den Eindrücken der Kriegsereignisse und ihrer Folgen verfasste er später das Lied „Warum sollt ich mich denn grämen?“ Er arbeitete seine Kriegserfahrungen noch einmal durch. Denn, lieber Chor: Musik kann Wunden heilen. Auch solche die tief in uns vergraben sind.
Gerhardt stellte sich die Fragen: Was kann dazu helfen, um in den Nöten des Lebens nicht zu verzagen? Was kann mich trösten, wenn mir nichts bleibt außer dem nackten Leben? Was kann uns Christinnen und Christen Mut verleihen angesichts von Widrigkeiten und Widerständen?
Seine Antwort lautet im Lied:
Schickt er mir ein Kreuz zu tragen,
dringt herein Angst und Pein, / sollt ich drum verzagen?
Der es schickt, der wird es wenden;
er weiß wohl, wie er soll / all mein Unglück enden.
Und später fährt es fort:
Was sind dieses Lebens Güter?
Eine Hand voller Sand, / Kummer der Gemüter.
Dort, dort sind die edlen Gaben,
da mein Hirt Christus wird / mich ohn Ende laben.
Paul Gerhardt schaut auf den Gekreuzigten. Seine Antwort lautet zunächst: Ihn habe ich noch, ihn kann mir niemand nehmen. Auch angesichts des eigenen Kreuzes, das er Dichter tragen muss, vertraut er: Der gute Hirte ist mit mir. Selbst in der Todesstunde wird er mich noch führen!
Gerhardt greift hier auf das biblische Hirten-Bild zurück. In Psalm 23 wird beschrieben: Gott ist wie ein guter Hirte, der seine Herde führt und beschützt. Im Johannesevangelium wird Jesus als der gute Hirte bezeichnet. Er gibt sein Leben für die Schafe. Aber mit dem Tod des Hirten am Kreuz endet die Geschichte nicht. Am Ostermorgen kommt von Gott her neues Leben. Erst durch die Auferstehung wird Jesus zum guten Hirten. Er kann die Seinen durch den Tod hindurch zu neuem, unzerstörbarem Leben führen. Der Tod wird zum Nadelöhr ins Licht.
Hierauf nimmt das Gerhardt-Lied Bezug. Es will allen, die es singen, neuen Mut und Hoffnung geben: Wenn um uns herum das Leben turbulent wird, können wir eine Mitte finden. Unser Anker ist die Freundschaft zum guten Hirten. Wir können uns vorstellen, wie er uns mit dem Hirtenstab leitet und spricht: „Fürchte dich nicht. Ich bin mit dir.“ Wir können uns in der Gewissheit üben: „Der gute Hirte ist mit mir. Darum brauche ich mich nicht zu fürchten. Egal, was kommt.“
Worin zeigt sich die Freundschaft des Hirten? Paul Gerhardt erkennt in der Art, wie Jesus lebte, die unendliche Liebe. Im Leben des guten Hirten, der sein Leben lässt für die Schafe, erkennt er seine grenzenlose Freundschaft.
Und so dichtet er in den letzten beiden Strophen:
Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden,
du bist mein, ich bin dein, / niemand kann uns scheiden.
Ich bin dein, weil du dein Leben
und dein Blut mir zugut / in den Tod gegeben;
du bist mein, weil ich dich fasse
und dich nicht, o mein Licht, / aus dem Herzen lasse.
Hab ich doch Christus noch, warum sollte ich mich grämen, so beginnt das Lied. Eine Frage aber bleibt offen: Wer ist Christus für mich? Paul Gerhardt gibt am Ende des Liedes seine Antwort. Er wechselt dabei von der ersten Person in die Anrede. Ins Du. Er spricht eine Liebeserklärung aus.
„Du bist min. Ich bin din.“ So beginnt das älteste deutsche Liebeslied. In diesen wenigen, kurzen, einfachen Worten kommt etwas ganz Großes zum Ausdruck: die Liebe. „Mein Freund ist mein und ich bin sein.“ So heißt es im alttestamentlichen Hohen Lied. Dies schwingt mit, wenn Paul Gerhardt die schlichte Liebeserklärung dichtet: „Du bist mein. Ich bin dein.“
Chor: Strophe 7 und 8 von „Warum sollt ich mich denn grämen?“
Kann uns doch kein Tod nicht töten. Nächsten Monat begehen wir den 70. Todestag von Dietrich Bonhoeffer mit einem Gedenkgottesdienst. Bonhoeffer war einer der bedeutendsten deutschen Theologen. Er ging gegen das Unrecht der Nazi-Herrschaft in den Widerstand und gehört zum Verschwörerkreis des Attentats vom Juli 1944 gegen Hitler. Kurz vor dem Attentat wurde er verhaftet. Für Mitgefangene schrieb er ein „Gebet in besonderer Not“, das Bezug nimmt auf unser Gerhardt-Lied. Im Gebet heißt es:
Herr Gott,
großes Elend ist über mich gekommen.
Meine Sorgen wollen mich erdrücken.
Ich weiß nicht ein noch aus.
Gott sei mir gnädig und hilf.
Gib mir Kraft zu tragen, was du schickst.
Laß die Furcht nicht über mich herrschen.
…
Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei Dir
Und Du bist bei mir, mein Gott.
Herr, ich warte auf Dein Heil
Und auf Dein Reich
Und dann fügt Bonhoeffer im Gebet die Strophen 7 und 8 des Gerhardt-Liedes an:
Unverzagt und ohne Grauen
soll ein Christ, wo er ist, / stets sich lassen schauen.
Wollt ihn auch der Tod aufreiben,
soll der Mut dennoch gut / und fein stille bleiben.
Kann uns doch kein Tod nicht töten,
sondern reißt unsern Geist / aus viel tausend Nöten,
schließt das Tor der bittern Leiden
und macht Bahn, da man kann / gehn zu Himmelsfreuden.
Eindrückliche Verse, die mich tief berühren, Aus seinen Gefängnisbriefen wissen wir: In seiner schweren Haft hat Bonhoeffer immer wieder zu Liedern von Paul Gerhardt gegriffen, sie gelesen und auswendig gelernt. Nicht nur die Einsamkeit, die ihm zur Anfechtung wurde, konnte er damit durchstehen. Auch seine Sorgen und Nöte konnte er Gott überlassen. Er vertraute, dass kein Tod ihn wirklich töten könnte. Bonhoeffer wurde am Galgen hingerichtet. Der Lagerarzt berichtet, dass er gefasst und gottergeben gestorben ist. Seine letzten überlieferten Worte sind:
„Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens“.
Liebe Gemeinde, wir feiern heute Abendmahl. Nicht zuletzt im Abendmahl können wir schmecken und fühlen: Der gute Hirte ist mitten unter uns. Er führt uns mitten im Leben über die Todesstarre hinaus.
Und wir? Was antworten wir auf dieses göttliche Liebesangebot?
Der Heidelberger Katechismus unserer Heiliggeistkirche antwortet: Jesus Christus ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben.
Bonhoeffer antwortet in der Haft: Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei Dir. Und Du bist bei mir, mein Gott.
Paul Gerhardt antwortet mit den schlichten Worten: Du bist mein. Ich bin dein.
Und: Was ist Ihre Antwort?
Lied „Warum sollt ich mich denn grämen?“ EG 370, V 10-12
