
Doch wie sieht es eigentlich mit der Bibel aus? Stutzig hat mich ein Gespräch mit einem argentinischen Befreiungstheologen vor einigen Tagen gemacht. Er erzählte mir, dass in Argentinien der Romanbestseller „Sakrileg“ für viel Verwirrung sorgt. Auch in Argentinien?, dachte ich erstaunt.
Im Roman „Sakrileg“ von Dan Brown und entsprechend in der Verfilmung „Da Vinci Code“ wird behauptet: Es hätte eine große Vertuschungsaktion gegeben. Kaiser Konstantin hätte in einem Konzil manche Bücher aus der Bibel verbannt. Der Grund sei gewesen, weil sie ketzerische Meinungen vertreten hätten.
Verschwörungsbücher und –filme haben gerade Hochkonjunktur. Bei uns und anscheinend auch in Argentinien. Da gibt es die wildesten Theorien über neu entdeckte Qumranschriften oder versteckte Evangelien in den Geheimarchiven des Vatikans. Sie verursachen Verunsicherung. Die Bücher verkaufen sich gut. Aber, ist da auch etwas Wahres dran?
Grund genug, um im Rahmen des Themenjahres „Bild und Bibel“ auch mal genauer auf die Bibel zu schauen.
Im Anfang war das göttliche Wort. - Aber welches Wort?
Zunächst zum Neuen Testament: Es gab niemals ein Konzil, das festlegte, welche Bücher zur Bibel gehören. Weder zur Zeit des Kaiser Konstantins, noch davor, noch danach. Es ist keine Frage der Kirchenleitung, die Bibel festzulegen. Und es hat auch kein römischer Kaiser, kein Konzil und kein Papst jemals darüber entschieden, was zum Neuen Testament gehört und was nicht.
Auch nicht Martin Luther. Luther hatte große Schwierigkeiten mit der Offenbarung des Johannes. Den Jakobusbrief nannte er eine „stroherne Epistel“, weil er seiner Rechtfertigungslehre scheinbar widersprach. Dennoch warf er die Offenbarung des Johannes und den Jakobusbrief nicht aus der Bibel hinaus.
Auch die alten Konzilien stellten sich die Bibel nicht nach eigenem Geschmack zusammen. Es gab in der Alten Kirche die Bestrebung, die vier Evangelien zu harmonisieren. Es gibt Widersprüche zwischen den Evangelien. Beispielsweise fand nach Johannes die Tempelaustreibung zu Beginn der öffentlichen Wirksamkeit Jesu statt, nach den anderen Evangelien direkt vor seinem Tod. Solche Widersprüche wollte man auflösen. Die vier Evangelien wurden dazu zu einem neuen Evangelium vereinheitlicht und harmonisiert. Dies hat sich aber nicht durchsetzen können. Die vier Evangelien wurden nicht durch diese Evangelienharmonie ersetzt. Die Alte Kirche nahm sie Widersprüche zwischen den Evangelien bewußt in Kauf. Die Wirklichkeit Gottes war ihr größer als die Logik. Die Wahrheit Gottes größer als dass sie sich ohne Widersprüche in Büchern fassen läßt.
Das Buch „Sakrileg“ behauptet: Kaiser Konstantin hätte Evangelien aus der Bibel entfernen lassen. Dies mag eine spannende Verschwörungstheorie für einen Roman sein. Historisch aber ist es barer Unsinn! Eine solche Zensur fand niemals statt. Es gab auch keine Vertuschungsaktion. Bücher, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden, werden weder versteckt noch geheim gehalten. Es ist zwar wahr, dass im Mittelalter manche Schriften nur schwer zu bekommen waren. Heute ist es aber ganz anders: Es ist alles veröffentlicht. Nichts ist in den Geheimarchiven des Vatikans verschwunden. In jeder Buchhandlung können sie die sogenannten Apokryphen kaufen. Von Geheimhaltung kann gar keine Rede sein. Freilich, es steht allerlei Hanebüchenes in den Apokryphen. Es hat seinen guten Grund, dass sie nicht zur Bibel gehören.
Wenn kein Kaiser, Papst oder Konzil entschieden hat, welches Buch zur Bibel gehört, wer dann? Die Antwort lautet: Die biblischen Schriften haben sich selbst durchgesetzt. Die Gemeinden gab es vor den neutestamtentlichen Schriften. Manche Schriften haben ihnen imponiert. Sie faßten sie für sich als heilig auf. Beilsiesweise die Gemeinde in Philippi: Sie bewahrte den Brief des Apostels Paulus an sie auf. Im Gottesdienst in Philippi wurde daraus vorgelesen. Der Brief war für sie nicht nur irgendein Brief, sondern ein heiliger Text. Andere Gemeinde machten es so mit anderen Schriften. Die Gemeinden tauschten aber auch ihre jeweils heiligen Texte aus. In einem basisdemokratischen Prozeß bildete sich daraus das Neue Testament. Manches Buch, das eine Gemeinde als heilig empfand, fand nicht die Anerkennung der anderen Gemeinden. Es verschwand wieder in der Versenkung. Z.B. die Petrusapokalypse. Wichtig war nicht, ob eine Schrift bei den Gläubigen besonders beliebt war. Entscheidend war vielmehr, ob eine Schrift sich im Leben der Gemeinden als „Wort des Lebens“ bewährte oder nicht (Phil 2,16). Erst nach vier Jahrhunderten hatten sich die Schriften durchgesetzt, die heute im Neuen Testament stehen. Es war eine Art Kristalisationsprozeß. Gesteuert wurde er, so glaube ich, vom Heiligen Geist. Es waren nicht Päpste oder Konzilien, die die biblischen Bücher festlegten, sondern die Gesamtheit der Gemeinden und ihr Wechselspiel untereinander. In diesem komplizierten Kommunikationsverfahren wirkte der Heilige Geist. Er war der Motor. Er machte diesen gemeindlichen Veredlungsprozeß zu seinem Werkzeug. Der Prozeß war durch und durch basisdemokratisch. Nicht senkrecht von oben wirkte der göttliche Geist, sondern von unten, durch die Basis. Mit Hilfe eines basisdemokratischen Vorganges verlieh er Büchern göttliche Autorität. Er machte sie zur sogenannten Heiligen Schrift.
Im Anfang war das göttliche Wort. - Aber welches Wort?
Beim Alten Testament ist die Lage schwieriger. Bis zur Zeit Jesu gab es ebenfalls keine Versammlung oder Synode, die die altestamentlichen Bücher festlegte. Auch hier setzten sich die Schriften selbst durch. Die Christen übernahmen die heiligen Schriften der Juden als ihre eigenen heiligen Schriften und nannten sie das „Alte Testament“.
Um das Jahr 100 n. Chr hielten aber die Juden eine Synode in Jabne ab. Sie schlossen manche Bücher, die bis dato zum Alten Testament gezählt wurden, aus der Bibel aus. Es handelt sich um das Buch Tobit, Judith, die beiden Makkabäerbücher, das Buch der Weisheit, Jesus Sirach, Baruch und griechische Teile des Buches Esters und Daniels. Die christlichen Gemeinden blieben indes unbeeindruckt von der jüdischen Synode und dem Ausschluß. Sie zählten diese Bücher weiterhin zum Alten Testament.
Bis zur Zeit Luthers. Luther wollte, dass die alttestamentlichen Schriften genau den heiligen Schriften der Juden entsprechen. Aus diesem Grund nahm er diese Schriften wieder aus dem Bibel heraus. In der Lutherbibel sind sie abgedruckt unter der Überschrift „Apokryphen“. Die katholische Kirche dagegen zählt diese weiterhin zu den alttestamentlichen Schriften. In der Einheitsübersetzung stehen sie neben den anderen alttestamentlichen Büchern. Anders gesagt: Seit Luther hat die Christenheit keine einheitliche Bibel mehr. Die katholische Kirche zählt mehr Bücher zum Alten Testament als die evangelische. Die evangelische Kirche orientiert sich am Judentum. Die katholische Kirche daran, welche Schriften sich in den christlichen Gemeinden selbst durchgesetzt haben.
Im Anfang war das göttliche Wort. - Aber welches Wort?
Nach dem Eintauchen in die Geschichte ein Blick auf die Gegenwart. Ist die Bibel abgeschlossen? Oder kann man die Bibel fortschreiben? Können heute neue Schriften in die Bibel aufgenommen werden? Etwa der „Kleine Prinz“. Oder der Sonnengesang des Franz von Assisi. Manchen sind diese Texte wie heilig. Könnte man sie in die Bibel einfügen?
Die Antwort des großen evangelischen Theologen Karl Barth mag überraschen: Die Bibel ist unabgeschlossen. Neue Texte können aufgenommen werden. Denn: Gott redet auch heute zu den Menschen.
Kann also eine Synode dem Buch „Der kleine Prinz“ biblische Autorität verleihen? Nein! Ich sagte es bereits: Nicht die Kirchenleitung legt die Bibel fest! Es ist der Heilige Geist. Er kann die Bibel ergänzen oder auch ändern. Er macht irdische Worte zu „Worte zum Leben“. Er heiligt sie. Er macht die Worte der Bibel, die von Menschen geschrieben wurden, zu göttlichen Worten.
Gerade in der Kirche des Heiligen Geistes wollen wir uns daran erinnern:
Der Geist weht, wo er will. Und Gott spricht, wann er will – auch heute!
