
13b Haltet Frieden untereinander!
14 Wir ermahnen euch, Geschwister: Weist die zurecht, die ein unordentliches Leben führen, ermutigt die Ängstlichen, nehmt euch der Schwachen an, seid geduldig mit allen!
15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergilt, sondern bemüht euch immer, einander und allen Gutes zu tun.
16 Freut euch zu jeder Zeit!
17 Betet ohne Unterlass!
18 Dankt für alles; denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört.
19 Löscht den Geist nicht aus!
20 Verachtet prophetisches Reden nicht!
21 Prüft alles, und behaltet das Gute!
22 Meidet das Böse in jeder Gestalt!
23 Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid, wenn Jesus Christus, unser Herr, kommt.
24 Gott, der euch beruft, ist treu; er wird es tun. Amen.
Löscht den Geist nicht aus!
Was für ein Satz – an einem Ort, an dem seit 800 Jahren eine dem Heiligen Geist gewidmete Kirche steht!
Löscht den Geist nicht aus!
Ich habe mich gefragt, was könnte die Heiliggeistkirche zu diesem Satz des Apostel Paulus erzählen? Welches Licht wirft dieser Kirchenraum auf den heutigen Predigttext?
Lassen Sie uns mit dem Predigttext auf Entdeckungsreise in dieser Kirche gehen….
Löscht den Geist nicht aus! Betet ohne Unterlass!
Eindrückliches könnte diese Kirche zum Beten erzählen. Vielleicht betete Martin Luther selbst hier, als er sich 1518 in der Stadt aufhielt und wenige Schritte von hier seine Heidelberger Disputation hielt? Sicher ist, der erste lutherische Gottesdienst wurde hier 1546 gefeiert. Beten ist für das Luthertum das A und O der Christinnen und Christen. Luther drückte es einmal so aus: „Wie ein Schuster einen Schuh macht und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist Beten“.
Na ja, und dann gibt es da noch die Vielbeschäftigten in Beruf, Studium und Familie. Für die hat Martin Luther noch eine ganz besondere Tageslosung, sie lautet: „Ich habe heute viel zu tun, deshalb muss ich heute viel beten.“
Die Heiliggeistkirche ist, um im lutherischen Bild zu bleiben, ein wahrer Meisterbetrieb des Gebets. Wieviel Gebete werden hier Tag um Tag auf den Lippen gebildet! Wie viel Seufzer Gott zu Gehör gebracht! Wieviel Dank für Bewahrung steigt hier aus den Herzen zum Himmel auf! Wieviel Bitten werden auf bunten Zetteln geschrieben, in ungezählten Schriften und Sprachen! Wieviel ungeweinte Tränen werden vor Gott gebracht beim Entzünden einer Kerze! Ganz zu schweigen von den Gottesdiensten und den täglichen Andachten. Und von den Liedern und der Kirchenmusik, die hier erklingen. Um ein weiteres Mal Luther zu zitieren: „Wer singt, betet doppelt!“
Freilich, wieso soll man unermüdlich beten? Diese Kirche ist eng verknüpft mit dem Heidelberger Katechismus. Der Katechismus antwortet auf diese Frage (Fr. 116): Weil Gott seine Zuwendung, seine Kraft und „seinen Heiligen Geist nur denen geben will, die ihn herzlich und unaufhörlich darum bitten und ihm dafür danken“.
Demnach will der Geist erbeten sein. Nach Paulus können wir unterschiedlich mit dem Geist umgehen: Wir können den Geist dämpfen und niederhalten. Oder wir können das göttliche Feuer anfachen und dem Geist Raum geben. Dann löst er unsere Knoten, heilt unsere Wunden und belebt uns. Er nimmt uns hinein in die Kraft Gottes, die auch heute lebendig mitten unter uns wirkt. Und mitten in der Welt.
Daher ermuntert uns der Apostel gemeinsam mit Luther und dem Heidelberger Katechismus: Löscht den Geist nicht aus! Bittet um die göttliche Kraft, dankt für den himmlischen Segen!
Löscht den Geist nicht aus! Haltet Frieden untereinander!
Diese Kirche kann hierzu etwas Bizarres erzählen. Konfessionelle Wechsel und Streitigkeiten prägten ihre Geschichte. Seit der Gegenreformation (Anno 1706) war diese Kirche geteilt. Gespalten, als sei sie ein Abbild der Gesamtkirche. Getrennt in zwei Gottesdiensträumen, einen katholischen und einen evangelischen. Zerschnitten durch eine Mauer, die zwischen Chorraum und Langhaus verlief. Eine durch eine Mauer geteilte Kirche, wie soll da der Geist durchwehen? Wird da der göttliche Luftzug nicht gehemmt und unterbrochen?
Und dann gibt es da diesen Mann. Als Kind hat er mit seinem Vater die Heiliggeistkirche besucht und die Mauer schon damals als schmerzhaft empfunden. Er dachte, Wände und Mauern sollten Menschen nicht trennen. Als er dann später Pfarrer an Heiliggeist wurde, brauchte es noch lange, bis die Zeit reif für den Mauerfall war. Er rang, bis er die Herzen der Menschen überzeugt hatte, den alten Streit zu beenden. 1936 endlich wurde die Mauer in der Kirche des Heiligen Geistes eingerissen. Ihre Citykirchenarbeit hat diesem Mann das diesjährige Jahresthema gewidmet. Dort hängt eine Gedenktafel für ihn: Hermann Maas.
Der alte Streit ist längst beendet: Heute ist die Ökumene in Heidelberg sehr gut. Nicht nur zwischen katholischer und evangelischer Kirche, sondern überhaupt in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen. Aber sie steht auch vor neuen Herausforderungen. Die Errichtung einer katholischen Stadtkirche im Januar stellt die Frage neu und anders als bisher: Wie kann Ökumene konkret vor Ort gelebt werden? Wie kann Gewachsenes gefördert werden? Wie kann Neues werden? Wichtige Fragen, denn gemeinsam gibt der Geist uns den Auftrag: Verkündigt der Stadt die Botschaft von der göttlichen Liebe zu allen Menschen!
Hermann Maas. Mauern zwischen Menschen sah er auch, als die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger bedrängt und verfolgt wurden. Als die Synagogen brannten, entlarvte er auf der Kanzel dieser Kirche die Bosheit der nationalsozialistischen Ideologie. Gemäß dem Pauluswort (V 22): „Meidet das Böse in jeder Gestalt!". Er überlebte ein französisches Zwangsarbeitslager, und nach dem Krieg prägte die Versöhnungsarbeit mit Israel sein Leben.
In seinem Geiste heute weitergehen, heißt, den jüdisch-christlichen Dialog zu fördern. Heißt, überhaupt den interreligiösen Dialog in Heidelberg voranzutreiben. Insbesondere das Miteinander von christlichen und muslimischen Gemeinden ist Gestaltungsaufgabe. Die Bibel und der Koran sind Bücher der Liebe und ermuntern uns gemeinsam: Haltet Frieden untereinander!
Löscht den Geist nicht aus! Der Gott des Friedens bewahre euren Geist!
Dieser Kirchenraum lässt diese Sätze in einem kunstreichen Licht schillern. Im Eingang gibt es ein umstrittenes Kirchenfenster von Johannes Schreiter. Es ist in Rot gehalten, der Farbe des Heiligen Geistes. Es enthält zwei Aussagen über den menschlichen Geist. Zum einen: Gott hat den Menschen mit einem lebendigen Geist begabt. Gerade in dieser Kirche wurde jahrhundertelang das gesammelte, schriftliche Wissen der damaligen Welt aufbewahrt: „die Bibliotheka Palatina“. Für die Verbindung von Geist und Wissenschaft finden Sie etwas Ungewöhnliches: eine physikalische Formel in einem Kirchenfenster. Sie stammt von Albert Einstein und lautet E=mc2. Die Formel ist die Grundformel seiner Relativitätstheorie. Diese Formel im Kirchenfenster drückt die Größe des menschlichen Geistes aus. Er ist fähig, alles zu prüfen und zu erforschen, um das Gute zu behalten (V 21). Und sie lädt im Geist der Palatina zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie ein.
Zum andern: Albert Einstein markiert auch die Nichtigkeit des menschlichen Geistes. Seine Theorien ermöglichten den Bau der Atombombe. Hieran erinnert ein Datum im Kirchenfenster: 6.8.1945. Der Tag des Atombombenabwurfes in Hiroshima. Seit diesem Tag steht der Menschheit vor Augen, dass sie den menschlichen Geist vollständig auslöschen kann.
Gerade in diesen Wochen, in denen wir des Beginns des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren und des 2. vor 75 Jahren gedenken, stehen uns die Abgründe des menschlichen Geistes vor Augen. Auch diese Kirche kennt das Grauen und den Wahnsinn vieler Kriege. Im 30jährigen Krieg wurde ihr die berühmte Palatina (1622/23) geraubt, im pfälzischen Erbfolgekrieg (1693) wurde sie niedergebrannt.
Heute ist Weltfriedenstag. Wenn Sie nachher beim Hinausgehen hinauf schauen, sehen Sie: Das Schreiterfenster will uns nicht im apokalyptischen Schrecken lassen, sondern Mut machen. Es stellt uns einen Satz des Prophetenbuchs vor Augen (Jes 54,10): „Mein Bund des Friedens soll nicht hinfallen“. Wir werden nach Hause gesandt mit der Verheißung: Gott ist ein Gott des Friedens. Er will kommen, um Frieden zu bringen, nicht Verderben.
Diese Woche jährt sich noch ein anderer Jahrestag (25.9.1989). Vor 25 Jahren begannen die Montagsdemonstrationen, ein wesentlicher Bestandteil der Friedlichen Revolution in der DDR. Nach dem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche liefen zum ersten Mal rund 8000 Menschen mit Liedern und Kerzen Richtung Hauptbahnhof. Zwei Wochen später waren es bereits 70.000. Sie riefen „Keine Gewalt“ - von diesem Ruf hing alles ab.
Der damalige Pfarrer der Nikolaikirche Christian Führer schreibt darüber: „Für mich ... resultiert die Friedliche Revolution aus dem Geist Jesu der Gewaltlosigkeit, die in den Kirchen jahrelang besonders durch die Bergpredigt Jesu vermittelt wurde. Die Gewaltlosigkeit als Handlungsmaxime drang heraus aus den Kirchen, ergriff die Massen und wurde konsequent auf der Straße praktiziert. Mit dem gewaltigen Ruf ,Keine Gewalt!’ wurde ein letztlich ungeliebtes und bedrückendes System hinweggefegt.“ Für ihn ist das „ein Wunder biblischen Ausmaßes“.
In der Folge fiel die Berliner Mauer. Sieben Jahre später besuchte Papst Johannes Paul II. Berlin. Sein Appell am Brandenburger Tor lautete: "Löscht den Geist nicht aus! Haltet dieses Tor geöffnet für euch und alle Menschen!“
Löscht den Geist nicht aus!
Was kann uns diese Kirche des Heiligen Geistes nicht alles erzählen, wie der Geist Wunder wirkt und Gewalten, Systeme und Mauern überwindet!
Zur feierlichen Entfernung der Trennmauer schrieb Hermann Maas eine Festschrift. Angesichts der unheimlichen Gewalt der nationalsozialistischen Diktatur ruft er den Heiligen Geist an. Seine Worte sind wie ein Programm dieser Kirche:
„In ihr wollen wir uns immer mehr zu einer Gemeinde zusammenschließen, in der eines des andern Last trägt. In ihr wollen wir warten auf den, der kommen will, alle Geschichte von den unheimlichen Gewalten zu erlösen und allem Streit ein Ende zu machen. Hier in der Heiliggeistkirche will sich der heilige Geist auf uns senken, wenn wir nur immer wieder aufrichtig und herzinnig beten:
,Nun bitten wir den heiligen Geist
um den rechten Glauben allermeist!’“
