
Weihnachtsoratorium Nr. 24-28
"Lasset uns nun gehen gen Bethlehem"
Liebe Festgemeinde,
so sprechen die Hirten im Weihnachtsoratorium zueinander, nachdem der Engel ihnen die Geburt des Messias verkündet hatte. Bach zitiert hier das heutige Weihnachtsevangelium nach Lukas. Hirten sollen uns an David erinnern. David war selbst Hirte, bevor er zum König aufstieg. Und der Messias wurde als Nachfahre Davids erwartet. Zugleich spielt die Geschichte in der Heimatstadt Davids. Dies ist nicht als historische, sondern als theologische Aussage zu verstehen. Das Weihnachtsevangelium will einen Fingerzeig geben: Hier wird einer in der Stadt Davids geboren, der von David abstammt und damit die messianischen Voraussetzungen besitzt. Bei der wundervollen Musik von Bach ist man versucht, sich eine idyllische Schäferszene vor seinem inneren Auge vorzustellen. Und viele Weihnachtslegenden schildern es auch so. Freilich, auch wenn David erst Hirte dann König war, so waren die Hirten im Weihnachtsevangelium keine königlichen Menschen. Vielmehr müssen wir sie uns als Menschen am Rand vorstellen. Am Rand von Bethlehem. Stinkende Gesellen. Raubeinig und so mutig, dass sie die Herde vor reißenden Tieren wie Wölfen schützten. Und ausgerechnet sie werden vom Engel aufgefordert, vom Lagerfeuer aufzubrechen, die anvertraute Herde ungeschützt in der Finsternis zurücklassend. Freilich nicht aus Verantwortungslosigkeit, sondern weil die alten Verheißungen greifbar sind. In dieser Nacht sendet Gott seinen Tröster und Erlöser, so hörten wir gerade im Oratorium. Es ist die Stunde der Bestimmung. Es gibt kostbare Momente im Leben, die man nicht verstreichen lassen darf. Sie kehren nie wieder. Die Hirten verstehen das und machen sich auf den Weg, weg von der Herde hin zur Verheißung.
Der Weg der Hirten führt indes nicht in die Mitte. Wie man vermuten könnte. Der Weg führt von draußen nach draußen. Vom Feld draußen vor Bethlehem zwar in die Stadt hinein, doch da draußen vor die Tür. Vom geographischen Rand zum gesellschaftlichen Rand. Er führt zu den Randexistenzen. Jenen, die keinen Platz mehr in einem Haus gefunden haben. Alle Türen verschlossen. Nur ein Stall tut sich zur Niederkunft auf. Der seltsame Hinweis des Engels mag gegen ihren gesunden Hirtenverstand gewesen sein: Der Erlöser der Welt liegt in einer harten Krippe! Das Weihnachtsevangelium erzählt, die messianische Geburt hat sich nicht in einem Palast in der Hauptstadt ereignet. Nicht in der Synagoge oder im Tempel. Geschweige denn im Zentrum des Imperiums, in Rom. Vielmehr am Rand, in einer unbedeutenden Kleinstadt namens Bethlehem. Und auch da nicht in einer königlichen Kinderwiege, sondern in einem Stall. Aber nicht genug, der Engel setzt dem noch eine delikate Krone auf. Die Zeichen dieser messianischen Geburt sind eine Krippe und eine Windel, verkündet er. Von einem strahlenden Stern weiß Lukas nichts zu berichten. Die himmlischen Zeichen sind bei ihm ein Futtertrog, mit den Worten des Oratoriums: „da Speise vormals sucht ein Rind“. Und ausgerechnet eine stinkende Windel! Die Zweifel, die den Hirten sicherlich gekommen sind, müssen sie überwinden, um den Ort der Verheißung zu finden.
Die Hirten werden vom Engel an den Rand geschickt, denn Gott hatte keine offene Tür in Bethlehem gefunden. So das Weihnachtsevangelium. Das ist eine klare Absage ans Establishment! Und eine Erhöhung der Menschen in Armut und an den Rändern. Damals wie heute! Martin Luther, dem wir in diesem Reformationsjahr besonders gedenken, drückte es so aus: Gott kommt durch die Hintertür in die Welt! Dahinter steht: Da Gott gerecht ist, ist er am Rand zu finden, draußen vor der Tür. Durch die Hintertür tritt er ein. Und auf heute noch tritt er durch Hintertüren in unser Leben und in unsere Welt.
Es gibt freilich in unserem Land eine Reihe von Menschen, die dies bestreiten. Sie grenzen aus und beanspruchen zu bestimmen, wer dazu gehört und wer nicht. Wer deutsch und wer christlich ist. Sie säen Hass. Gegen Fremde und Fremdes. Das Ganze nennen sie scheinheilig die „Verteidigung des christlichen Abendlandes“. Freilich, mit Christentum hat das Ganze nichts zu tun. Papst Franziskus hat es neulich treffend auf den Punkt gebracht: „Es ist Heuchelei, wenn man sich als Christ bezeichnet und gegen Menschen ist, die bei uns Zuflucht suchen“.
Die Weihnachtsgeschichte zeigt einen Grundfehler der selbsternannten Verteidiger des Christentums auf. Der Gott des Christentums ist kein Gott des Hasses, sondern ein Gott des Friedens. Im Weihnachtsevangelium heißt es wörtlich: „Ehre Gott in den Höhen und auf Erden Frieden unter den Menschen durch (Gottes) Wohlgefallen.“ Von Frieden für die einen und Hass für die anderen ist keine Rede. Übertragen auf heute: Sich christlich zu nennen, bedeutet, sich für Gewaltlosigkeit und Verständigung einzusetzen. Sich mit Wort und Tat für das friedliche Zusammenleben aller in unserem Land einzusetzen. Unabhängig von Pass, Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Religion.
Abgrenzung ist auch andernorts verbreitet. Nach dem perfiden und zynischen Terroranschlag in Berlin gibt es nicht wenige, die unsere Gesellschaft spalten in „wir hier“ und „die dort“. „Die dort“: das sind die Flüchtlinge, die Muslime, die Fremden. Abgrenzung führt schnell zum Wunsch nach Kontrolle und zum Generalverdacht. Ungewollt spielt man nach den Regeln der Terroristen, denen eine freie und offene Gesellschaft ein Dorn im Auge sind und die einen Krieg der Kulturen anzetteln wollen.
„Fürchtet euch nicht“, ruft der Engel den Hirten zu - und auch uns! Das Kalkül der Angst darf uns nicht entzweien! Hass darf uns nicht zu Hass verführen! Weihnachten setzt dem Hass die Liebe entgegen. Gottes Liebe besiegt allen Hass. Mit den Worten Martin Luther Kings: „Die Botschaft von Weihnachten ist: Es gibt keine größere Kraft als die Liebe. Sie überwindet den Hass. Wie das Licht die Finsternis“.
Weihnachtsoratorium Nr. 29
"Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen"
Liebe Gemeinde,
die Geschichte spielt in Bethlehem. Bethlehem heißt übersetzt „Brothausen“. Das Weihnachtsevangelium erzählt: Gott hat keine offene Tür in Brothausen gefunden.
Brothausen. Die Bundeskanzlerin hat in der Haushaltsdebatte vor einem Monat gesagt: „Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut wie im Augenblick“. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit. Das gilt für viele, aber nicht für die Unterschichten. Zudem geht das Gespenst der Angst um. Angst vor gesellschaftlichem Abstieg. Angst, weniger zu haben als bisher, weil so viele Flüchtlinge im Land sind.
Dies ist Folge der sozialen Spreizung der letzten Jahre: Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Das gilt auch im „Musterländle“, wie der 1. Armut- und Reichtumsbericht der Landesregierung letztes Jahr feststellte. Der Bericht legt seinen Schwerpunkt auf Kinderarmut. Jedes 5. Kind in Baden-Württemberg lebt in Armut. Was für eine beschämende Zahl für ein so reiches Land! Es ist nicht nur eine Frage des weihnachtlichen Mitleids und Erbarmens, wie die Güter bei uns verteilt sind. Es ist vor allem eine Frage der Gerechtigkeit! Und des sozialen Zusammenhalts in unserem Land!
Weihnachtsoratorium Nr. 30-34
"Und sie kamen eilend"
Liebe Gemeinde,
die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte der Bewegung. Alle sind in Bewegung. Die Hirten, Maria, Josef, ganz Israel wegen der Volkszählung. Weihnachten ist Bewegung, denn die Engel, ja, der ganze Himmel bewegt sich auf die Erde. Daher bedeutet Christsein nicht Erstarrung. Es geht nicht um Dogmen oder festgefahrene Standpunkte. Es geht nicht um behäbiges Sitzen am Lagerfeuer der Tradition, selbst wenn man stolz auf ein halbes Jahrtausend Reformation zurückschaute. Vielmehr heißt Christsein in Bewegung geraten. Es geht um mutige Suche. Es geht darum, sich heute reformieren zu lassen. Der Evangelist lädt uns ein, mit den Hirten zur Krippe zu gehen. Wir sollen uns selbst in die Weihnachtsgeschichte einfügen. Unsere Hoffnungen und Visionen, unsere Tränen und Wunden, unsere Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden, unser Leben und unsere Welt sollen wir in die Weihnachtsgeschichte einflechten. Bach spitzt es zu mit den Worten:
„Dies hat er alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an.“
Für uns ist das damals geschehen! Wir kommen selbst vor in der weihnachtlichen Liebesgeschichte Gottes mit der Menschheit. Und zwar nicht in einer Nebenrolle, sondern als Hauptpersonen!
Eindrucksvoll läßt Bach das Eilen der Hirten Klang werden. Schnelle Achtel-Noten begleiten die Worte „Lasset uns nun gehen gen Bethlehem!“ Wir hören gleichsam die eilenden Schritte der Hirten, die sich im Abstand von jeweils einem Takt in Bewegung setzen. Einer nach dem anderen. Den Ort der Verheißung können sie gar nicht schnell genug erreichen, um selbst zu sehen. Und sie finden Gott in ihrer alltäglichen Umgebung, in Stall und Futtertrog, mitten im Leben. Gott mitten in der Welt, mitten in uns. Darum geht es Bach. Die Bewegung der Hirten soll zur Bewegung des Herzens werden. Unser eigenes Herz soll sich bewegen lassen. Anrührend heißt es in der Arie:
„Schließe, mein Herze, dies selige Wunder fest in deinen Glauben ein“.
Alt und Violine setzten dabei die weihnachtliche Herzensbewegung musikalisch um. Der Sänger und die Solovioline singen und spielen sich gleichsam die Bewegung des Herzens zu. Und wenn Bach es dann enden läßt, indem unser Ich spricht: „Ja, ja, mein Herz soll es bewahren“ und „Ich will dir leben“ - dann, ja, dann scheint die Bewegung der Hirten in unserem Herzen angekommen zu sein. Gott wird in unseren Herzen, in unserer Welt geboren.
Dann ist es Weihnachten geworden. Zünden Sie Kerzen der Hoffnung an, in Ihren Herzen, Ihren Häusern, unserer Welt! Sie haben mehr Recht als alle Finsternis. Es ist Weihnacht, die bleibt in Ewigkeit.
Amen.
Weihnachtsoratorium Nr. 35
