
Liebe Schwestern und Brüder,
was für eine seltsame Geschichte! Jesus erzählt, das Reich Gottes ist wie ein Bauer, der nach der Aussaat anscheinend lange dem Müßiggang frönt. Wir hörten das Gleichnis vorhin als Lesung bei der Einführung.
Ist das eine Anleitung für den neuen Pfarrer zum Faulenzen?
Oder: Wird uns mit dem Gleichnis kirchlicher Winterschlaf verordnet? Die sozialen Bedingungen in der Stadt haben sich geändert. Mit radikalen Auswirkungen für die Stadtgemeinden. Und mit „Stadt“ meine ich nicht nur die Altstadt, sondern genauso den Boxberg oder andere Stadtteile. Es ist deutlich schwieriger als früher, Kirche in der Stadt zu sein. Wie selbstverständlich sich einstmals das Gemeinwesen um die kirchliche Mitte gruppierte, kann man allein an der Größe von Heiliggeist am Marktplatz ablesen. Diese Selbstverständlichkeit gibt es aber längst nicht mehr in der Stadtgesellschaft. Wie damit umgehen? Man kann sich rückwärts gewandt in das eigene kirchlich Schneckenhaus zurückziehen. Bei manchen gepaart mit dem Jammern nach der guten alten Zeit. Oder man kann sich auf knapp 2000 Jahre Christentum ausruhen. Und in den Winterschlaf verfallen, um aufzuwachen, wenn in Europa wieder ein Frühling des Glaubens anbrechen sollte. Ist das Gleichnis im Sinne von kirchlicher Erstarrung, Stillstand oder Faulenzertum gemeint?
Indes, ist der Bauer im Gleichnis überhaupt ein Faulpelz? Keineswegs! Spüren wir einmal seiner Arbeit nach. Das Gleichnis beginnt damit, dass ein Bauer aussät. Wer Jesus damals zuhörte, wusste: Das war knochenharte Arbeit! Der Boden in Palästina war voller Steine. Zuerst musste der Bauer die Steine wegschaffen. Doch auch dann blieb der Boden meist steinig. Der Pflug war aus Holz und wurde von zwei Ochsen gezogen. Der Pflugsterz war am unteren Ende zugespitzt. Die Leistung eines solchen Pfluges ist im Vergleich zu heutigen Pflügen bescheiden. Unsere Pflüge zerschneiden die Erde, heben die Stücke und wenden sie um. Das brachte der Pflug des damaligen Bauern nicht fertig. Seine dicke Spitze lockerte zwar den Boden, ohne aber die Erde zu wenden. Den Pflug im harten Boden zu halten erforderte Muskelkraft und Schweiß. Um die großen Erdbrocken auf dem Feld zu zerbröseln, ging der Bauer anschließend mit der Egge drüber. Erst danach war der Boden für die Aussaat bereitet, und er säte aus. Nachdem der Bauer im Gleichnis diese Schwerarbeit getan hatte, legte er sich schlafen. Die Saat wuchs nun von selbst. Das Wachsen war unsichtbar. Es folgte die lange Zeit des Wartens. Eines Tages endlich war die Frucht reif. Die Arbeit war gelungen. Es wurde gefeiert. Die Getreideernte wurde mit dem Passafest eingeläutet. Nach dem Fest wartete viel Arbeit auf den Bauern: ernten, dreschen, worfeln und sieben...
Der Predigttext erzählt also sehr differenziert von der Arbeit des Bauern. Der Bauer ist kein Müßiggänger. Seine Mühe wird aber mehr im Vorbeigehen geschildert. Es wird Wert darauf gelegt, dass auch der fleißigste Bauer nicht alles machen kann. Ob die Aussaat wegen übergroßer Hitze vertrocknet, weiß dies der Bauer? Ob es eine Missernte geben wird, weiß er das? Nein, der Samen wächst, und er weiß nicht wie. Was der Bauer braucht, ist Gottvertrauen. Vertrauen, dass wächst, was er in harter Arbeit gesät hat.
Gottvertrauen, ich denke, das braucht man auch bei der heutige Aufgabe, Kirche in der Stadt zu sein.
Gottvertrauen ist das Gegenteil von Resignation. Gottvertrauen meint auch nicht kirchlicher Stillstand oder Winterschlaf. Genau umgekehrt: Unser Auftrag ist, allen die Botschaft der göttlichen Liebe zu bringen. Auch leere Gotteshäuser, gewandelte Kommunikationsformen oder veränderte Lebensgefühle entheben uns nicht dieser Aufgabe. Im Bild des Gleichnisses: Unsere Aufgabe ist die Botschaft der Liebe auszusäen. Und auch wenn der Boden härter ist als früher: wir werden nicht der Aufgabe des Säens entbunden.
Freilich nirgends wird gesagt, wir sollen den Boden mit antiken Agrarwerkzeugen beackern. Wir müssen heutige Werkzeuge nutzen! Das heißt für mich übertragen auf die Citykirchenarbeit: Wir müssen neu die Frage stellen, wie erreichen wir mit unserer Botschaft die Menschen in der Stadt. Wie stellen wir uns in einer zunehmend säkularen Umgebung auf? Wie erreichen wir Kirchenferne und -distanzierte? Konkret am Beispiel Gottesdienst: Wieso nicht auch Gottesdienste außerhalb der ehrwürdigen Gotteshäuser? Wieso nicht auch einmal in einer Kneipe oder einem Cafe? Wieso nicht einmal versuchen, ganz andere Zielgruppen zu erreichen als üblich? Wieso nicht einmal einen Fasnachts-, Kino- oder Tangogottesdienst? Kurzum: Wir müssen in den Sozialraum eintauchen. Uns auf das Leben der Stadt einlassen. Und die Stadt hat viele bunte Gesichter. Auch vergessene Gesichter. Und ausgemergelte.
Mit dem Ausprobieren von neuen Wegen wird das Saatgut nicht etwa genmanipuliert. Wir versuchen nur den harten Boden anders zu lockern als früher. Das Saatgut bleibt dasselbe. Das ist für mich unentbehrlich: das Saatgut muss biblisch sein! Und ich bin fest überzeugt: Die biblischen Erfahrungen von Gott haben auch heute noch viel zu sagen zu den zentralen Themen des Lebens: Geliebtwerden und Lieben, Geburt und Tod, Gerechtigkeit und Unterdrückung, Gewalt und Frieden. Viel zu sagen zu den zentralen Fragen des Lebens: Wo kommen wir her? Wer hält uns? Wo gehen wir hin? Jesus will uns mit dem Gleichnis Mut machen: Säet die Botschaft in der Stadt neu aus! Resigniert nicht! Habt langen Atem! Bleibt dran! Ihr könnt nicht alles tun. Aber tut das, was ihr könnt! Und für den Rest habt Gottvertrauen. Denkt an das Gleichnis: Der Bauer trägt seinen Teil bei. Aber der Boden bringt die Frucht von selbst hervor...
In einer Frage spüre ich, dass wir als Christinnen und Christen heute in der Stadtgesellschaft besonders angefragt sind: bei der Frage des interreligiösen Miteinanders. Zu Jahresbeginn konnte man in der hiesigen Tageszeitung einen Leserbrief lesen. Dort hieß es zum Thema Anti-Islamdemonstrationen: „Im Kern bleibt die Konfrontation zwischen Christentum versus Islam in Deutschland. Aber wir sind das Abendland! Abendland und Morgenland, Okzident und Orient sollten strikt getrennt bleiben.“ Was ist hierzu zu sagen? Zunächst, die rigorose Entzweiung von Okzident und Orient ist historisch falsch und gab es so niemals. Nicht einmal im Mittelalter: Unsere arabischen Zahlen kamen im 13. Jahrhundert nach Europa. Sogar Aristoteles kam in die Philosophie des Hochmittelalters über den Umweg des Orients - und damit später auch in die Bibliotheca Palatina, die hier in dieser Kirche stand. Und als Theologe ergänze ich: Paulus kam aus dem Orient nach Europa. Abraham, Mose und Jesaja lebten im Orient! Und Jesus selbst - war Jude und Orientale! Die strikte Trennung von Abend- und Morgenland ist theologisch falsch und ein gefährlicher Irrweg!
Es gibt einen offenen Brief von 138 muslimischen Führern unterschiedlichster Richtungen und Länder an die Führer der Christenheit. Ich zitiere daraus (Quelle: www.cibedo.de/uploads/media/EIN_WORT_DAS_UNS_UND_EUCH_GEMEINSAM_IST_01.pdf): „Die Zukunft der Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab. Die Basis für diesen Frieden und dieses gegenseitige Verständnis ist bereits gegeben. Sie ist Teil der Grundprinzipien beider Glaubensüberzeugungen: Liebe den einen Gott und liebe deinen Nächsten. Diese Prinzipien finden sich immer wieder in den heiligen Texten des Islam und des Christentums“. Viele mag es überraschen: Das Doppelgebot der Liebe ist nicht nur das höchste Gebot im Christentum, sondern ebenso im Islam. Liebe Gemeinde, man muss genau differenzieren: Islam ist nicht gleich Islamismus. Wir dürfen uns auch durch bestialische Terrorakte nicht in eine Konfrontation Christentum versus Islam drängen lassen. In einem anderen offenen Brief wenden sich 120 islamische Rechtsgelehrte aus aller Welt an die Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staates“. Sie lehnen sowohl ihre barbarischen Taten ab als auch ihre öffentliche Ausstrahlung. Sie schreiben (Quelle: madrasah.de/leseecke/islam-allgemein/offener-brief-al-baghdadi-und-isis): „Ihr habt viel Munition geliefert für all jene, die den Islam als etwas Barbarisches sehen wollen, indem ihr eure wahrhaft barbarischen Handlungen, die ihr im Namen des Islams behauptet, ausgestrahlt habt. Ihr habt der Welt eine Rute gegeben, mit der sie den Islam peitschen kann, während doch der Islam für eure Taten vollkommen unschuldig ist und sie verbietet.“
Vor exakt 100 Jahren wurde Hermann Maas Pfarrer an Heiliggeist.
Er hat sich für die Ökumene eingesetzt, und mit Nachdruck für den jüdisch-christlichen Dialog. In seiner Tradition heute weiter gehen, heißt, den Dialog auch mit dem Islam unermüdlich suchen. Die Saat von Hass und Terror darf nicht aufgehen! Mit allen Mitteln sollten wir uns der Verbreitung des Hasses und jeder Form der Gewalt widersetzen! Der Islam ist wie das Christentum und das Judentum eine Religion der Liebe und des Friedens. Ich finde: Die gemeinsame Verpflichtung der Liebe zum Einen Gott und der Liebe zum Nächsten ist ein tragfähiges Fundament für eine tiefere Zusammenarbeit. Lassen Sie uns mit Gottvertrauen die Saat des Dialogs und des multikulturellen Zusammenlebens säen! So werden wir zur Kirche des Friedens in der Stadt.
Liebe Gemeinde,
das Gleichnis sagt etwas über die Haltung, mit der wir etwas tun sollten. Es geht nicht um Aktionismus. Geschweige denn um geist- oder atemlose Betriebsamkeit. Jesus sagt, mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Bauern, der aussät und dann auf die Ernte warten muss. Es hilft dann und wann zurückzutreten und die Dinge aus der Entfernung zu betrachten. Das Gleichnis verheißt die Ernte, aber der Bauer kann sie nicht machen. Er kann nur warten und beobachten. Das Reich Gottes erreichen wir niemals mit unseren Bemühungen. Wir vollbringen in unserer Lebenszeit nur einen winzigen Bruchteil des Unternehmens, das Gott mit seiner Erde vorhat. Unsere Situation ist etwa so: Wir bereiten den Boden und bringen das Saatgut in die Erde. Eines Tages wird es aufbrechen und keimen. Wir begießen die Keime in der Gewissheit, dass sie eine weitere Verheißung in sich bergen. Konkret für die Heidelberger Citykirchenarbeit heißt das: Wir bauen heute auf Fundamenten, die schon von anderen gelegt wurden und die nach uns auf weiteren Ausbau angelegt sind. Wir können nicht alles tun. Da sollte man auch keine übertriebenen Hoffnungen in den neuen Pfarrer setzen.
Für die Citykirchenarbeit wie überhaupt für die Gemeindearbeit gilt: Nichts, was wir tun, ist vollkommen. Wenn wir uns das vor Augen führen, ist das ein befreiendes Gefühl. Es macht uns fähig, etwas zu tun. Und es so gut zu tun, wie wir können. Und es mit Freude zu tun. Es mag wenig sein. Es mag unvollkommen sein, aber das ist gut so.
Liebe Gemeinde, unser Mangel ist die Gelegenheit für Gott. Gott kann ins Spiel kommen, um selbst den Rest zu tun.
Amen.
