Palmsonntag 2014 (13. April)

Predigt von Pfarrer Matthias Schärr über Hebräer 12, 1-3

Liebe Gemeinde,

am Palmsonntag gedenkt man der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem. Wir haben es in der Lesung am Altar gehört. Es ist die erste Station des letzten Weges Jesu, den wir in der kommenden Karwoche bedenken. Jesus lässt die Händler im Tempel seinen Unmut spüren, - die Salbung in Bethanien – das letztes Abendmahl – die Gefangennahme in Gethsemane– das Verhör vor Kaiphas – das Verhör vor Pilatus – Kreuzigung – Kreuzabnahme und Grablegung sind die weiteren Stationen.
Gerade die letzten Stationen sind Teil der sog. Kreuzwegstationen, die es in vielen Gegenden gibt. Auch bei uns sind sie an Wegrändern oder in Kirchen zu finden.

Auch musikalisch gedenken wir in diesen Tagen des Leidensweges Christi, wie in den Passionen von Bach. Mit Kreuzwegstationen und musikalischen Werken vergegenwärtig und verinnerlichen wir uns diesen Weg. Seit alters her ist diese Geschichte Kernpunkt christlicher Theologie und Glaubens.
Sie ist auch Teil des Glaubensbekenntnisses, das wir eben gemeinsam gesprochen haben:
gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am 3. Tage auferstanden von den Toten

Besonders der letzte Satz ist wichtig. Von der ganzen Geschichte wüssten wir nichts, wäre nicht mit der Auferstehung am 3. Tag, die wir dann kommenden Ostersonntag feiern, der Geschichte eine neue unerwartete und hoffnungsvolle Wendung gegeben worden.

Gerade auch in der protestantischen Tradition hat die Vergegenwärtigung der Passionsgeschichte einen wichtigen Stellenwert. Und es stellt sich die Frage:
Was sagt uns, was gibt uns diese Geschichte heute? Wieso rufen wir uns diese Geschichte mit ihren Stationen immer wieder ins Gedächtnis?

Damit etwas klar wird: Gott geht mit durch Leid und Tod … und er führt letztendlich heraus.
Jesus ist an unserer Seite, an der Seite eines jeden der Leid auszuhalten hat. Es ist nicht so, dass wir von Gott verlassen wären, wenn wir leiden oder sterben, sondern dass er uns immer nahe bleibt. Paulus schreibt diese christliche Grundüberzeugung nach Rom:
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Die Passionsgeschichte gibt die Antwort auf die Frage nach dem Leid und dem Tod: Ich bin im Leid, in einem schweren Schicksal, in Not und Verzweiflung nicht gottverlassen, ich habe Zukunft mit ihm, ich kann nicht vergehen, nicht einmal im Tod.

Das ist mehr und etwas ganz anderes, als das, was die Menschen an Palmsonntag erwarteten, die am Rande standen und Jesus mit Hosianna-Rufen empfingen. Sie erhofften, dass Jesus sich zum König macht, als Herrscher outet und die Römer vertreibt.

Aber Gottes Plan ist größer. Im Hebräerbrief versucht der Autor das den Menschen, die in jüdischer Tradition aufgewachsen sind, zu erklären.

1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,
2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Die Wolke der Zeugen, das sind alle diejenigen, die Gottes Nähe in ihrem Leben erfahren haben, die wissen, dass Gott da ist in der Wüste, nach Verbannung und Verlust des Landes, in Krankheit, Elend und Bedrohung durch Feinde. Das sind diejenigen, die den Bund Gottes mit seinem Volk erfahren haben. Ihre Erfahrungen sind niedergeschrieben im ersten (alten)= Testament. Nun kommt Jesus hinzu. Er versichert, dass Gott da ist, auch durch den Tod hindurch. Zu ihm sollen wir aufsehen, sagt uns der Schreiber des Hebräerbriefes.

Ja, wir wissen, das ist nötig. Manchmal bitter nötig. Denn das Leben bleibt immer wieder ein Kampf. Es ist so vieles was wir nicht verstehen, was uns aus der Bahn werfen kann. Hier soll unser Glaube Hoffnung und Orientierung geben. Gott ist bei dir im Leben und darüber hinaus.

Der Hebräerbrief nutzt dazu das Beispiel des Sports:

1. Wie der Sport betrifft das Leben den ganzen Menschen: Wer gern Sport treibt, fühlt sich gut, ist mit Leib und Seele dabei. Leib und Seele gehören zusammen.
Das gilt auch für das Leben allgemein. Wenn wir Probleme haben, geht uns das in den Magen. Hoffnung für unser Leben ist nie nur etwas geistliches, sondern hat immer ganzheitliche Auswirkung.
Die Hoffnung des Glaubens wird sich deswegen auch darauf beziehen, z.B. wieder gesund zu werden in einer Krankheit. In der Stadtmission haben wir viele Menschen, die krank sind, alt sind, süchtig sind oder wohnungslos. Sie brauchen und suchen für sich nach Hoffnung, nach etwas was ihnen die Zuversicht gibt, dass der Lebensweg weitergeht, gut, besser weitergeht. Das ist etwas ganz Natürliches. Hier macht der Schreiber des Hebräerbreifes Mut. Lauf in den Kampf, er ist nicht erfolglos. Es sagt Heil zu: Schalom, Ganzheitlichkeit, Heil.
Der Glaube, der hier gestärkt werden soll, umfasst also den ganzen Menschen.

2. Wie viele Sportarten entsteht und wächst Glaube immer in Gemeinschaft.
Wir haben den Glauben gelernt von unseren Eltern, Menschen die uns mit ihrer Lebenseinstellung beeindruckt haben. Menschen aber vor allem, denen wir vertrauen.

So ist das auch mit der Wolke von Zeugen. Eigentlich ein schönes Bild. Eine Wolke die uns umgibt, vielleicht sogar birgt, uns schützt, einhüllt. Lauter Menschen, die uns ihre gute Hoffnung bezeugen und Mut machen. Wenn wir eine schwere Diagnose bekommen hilft uns nichts so sehr, wie die Gespräche mit Menschen, die die Krankheit überwunden haben, die ihre Erfahrungen weitersagen können und sagen können: es gibt einen Weg, du wirst das durchstehen, es ist machbar.

Wir können nicht alleine glauben. Jeder muss selbst glauben, das ist wahr, keiner kann einem anderen den Glauben befehlen. Aber meine eigene Lebenserfahrung und das, was ich an Lösungsmodellen in den Glaubensvorstellungen der anderen höre, kommen zusammen.
Und ich kann diesen Glauben ausprobieren und kann die Erfahrung machen, dass er trägt in den Krisen des Lebens. Wie ich die Erfahrung machen kann, dass Wasser trägt, auch wenn ich mir das nicht vorstellen kann, denn meine erste Erfahrung ist eigentlich, dass ich im tiefen Wasser untergehe.
Aber ich kann die Erfahrung machen, dass mir der Glaube an Gott hilft und Kraft gibt. Ich kann in meinem Leben entdecken, dass Gott da ist und mich führt. Aber um das so zu interpretieren, brauche ich immer wieder den Hinweis der anderen, die mir sagen: Ich glaube, es war Gott, der mir geholfen hat, und der deswegen auch dir helfen wird, dich wieder gesund gemacht hat, der dir die Kraft geben wird, deine Sache durchzustehen.
Und manchmal ist auch wichtig zu sagen: ich bin überzeugt, dass er an deiner Seite ist über das Ende dieses irdischen Lebens hinaus.
Das alles kann man nicht beweisen, darauf kann man nur vertrauen.

Wer ehrlich ist, weiß, dass es immer wieder die Frage gibt, wer bin ich? Eine Krankheit, ein Misserfolg, eine Schicksalsschlag kann mich aus der Bahn werfen. Was ist, wenn mir mein Selbstbewusstsein, meine körperliche Unversehrtheit, mein Lebensmut abhandenkommen? Dann kann ich in der Situation sein, dass ich sage: ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr weiterlaufen, ich kann nicht mehr kämpfen, ich weiß nicht wie es weitergeht.
Und dann brauche ich die anderen, die bei mir sind, zuhören, nicht gute Ratschläge geben, aber achtsam sind und mit dem, was ihnen Hoffnung gibt und gegeben hat, da sind.
Glaube braucht Gemeinschaft

3. Ziel: aufsehen, Sünde ablegen, ihm (Jesus) nacheilen.
Ihn nicht aus den Augen verlieren. Wie ein Sportler darf ich in meinem Lebenslauf, in meinem Lebenskampf, das Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Es gilt die Verbindung zu halten: Das hat Jesus getan. Von ihm aus steht die Beziehung. Nichts kann uns von ihm trennen, ich sagte schon, was Paulus geschrieben hat.
In diesem Zusammenhang ist auch von der Sünde die Rede.
Sünde ist zunächst mal nichts Moralisches. Sünde ist das, was uns von Gott trennt, weil wir etwas getan haben was Liebe und Leben widerspricht und damit Beziehungen untereinander und damit auch zu Gott zerstört haben. Sünde und sondern kommt vom gleichen Wortstamm. Hass, Neid, Gemeinheit, entzweien Menschen. Und die Folgen davon engen unsere Lebensmöglichkeiten ein.
Aber selbst das soll uns nicht aus der Bahn werfen. Die Sünde, die uns in die Gottesferne bringen könnte, soll diese Macht nicht haben. Die Sünde, die uns ständig umstrickt, die am Laufen hindert, wie wenn wir Stricke um die Beine hätten, soll uns nicht am Lauf und am Erreichen des Ziels hindern. Mit Gotte Hilfe, durch seine Bereitschaft uns zu vergeben, können wir frei weiterlaufen. Das, nicht zuletzt, versichert uns die Passionsgeschichte.

Ich wünsche uns, dass wir es gerade in den schweren Situationen des Lebens schaffen, weiterzugehen, den Mut für unseren Lebenslauf nicht verlieren, dass wir wissen, wir sind nicht nur das, was andere, was eine schlimme Situation, was Gebrechen, was Alter, was Stand und Erfolg aus uns machen, sondern wir sind gehalten in Gott und werden es mit seiner Hilfe schaffen, den Weg durchs Leben zu gehen. Schön ist es, wenn wir am Ende sehen könnten, dass es Gottes Licht war, das uns immer wieder geführt hat und mit dieser Hoffnung auch aus diesem Leben gehen können.

Amen.

Pfarrer Matthias Schärr, Mitglied des Vorstands der Evangelischen Stadtmission Heidelberg

www.stadtmission-hd.de