Liebe Gemeinde,
der Heidelberger Katechismus, der weltweit in vielen Kirchen Orientierung für Glaubensfragen gibt, feiert in diesem Jahr sein 450-jähriges Jubiläum.
In Zusammenarbeit zwischen Politik und Kirche sind im Jahr 1563 in Heidelberg 129 Fragen und Antworten zu Glaubensfragen entstanden.
Immer wieder haben sich Menschen in den 2000 Jahren der Geschichte des Christentums Gedanken gemacht über biblische Texte und deren Inhalte. Leichte Kost ist keine Religion, auch das Christentum nicht. Der nahe und doch immer wieder ferne Gott ist eine Provokation, eine Herausforderung an Intellekt und Herz:
Wo ist Gott, wenn wir ihn brauchen, warum lässt er Schreckliches zu, bei Menschen und in der Natur? – Wie kann man sich die Auferstehung vorstellen? – Wie kann jemand gleichzeitig Mensch und Gott sein? – Was bedeutet die Himmelfahrt, wo und was ist der Himmel eigentlich? – Sind religiöse Menschen bessere Menschen? – Sind die Texte der Bibel Wort für Wort Gottes Wort oder bedürfen sie der Auslegung und jeweiligen Übertragung in die Zeit?
Alles Fragen, die uns nicht nur heute bewegen, sondern die seit Jahrtausenden Gesprächs- und Konfliktstoff geben. Es ist das große Verdienst der Katechismen, seien es die von Martin Luther oder die des Heidelberger Katechismus, dass sie versucht haben, einige Fragen zu beantworten.
Luther tat es im Kleinen Katechismus kurz und knackig, in einer Sprache, die sowohl für Kinder als auch für Erwachsene damals verständlich war.
Ursinus schrieb im Heidelberger Katechismus sehr viel ausführlicher und auch in einer sehr viel anspruchsvolleren Sprache. Beide aber wollten Glauben und Glaubensinhalte verständlicher machen, auslegen, erklären.
Der Heidelberger Katechismus ist in drei unterschiedlich lange Stücke aufgeteilt:
Von des Menschen Elend
Von des Menschen Erlösung
Von der Dankbarkeit
Es ist eindeutig von der Frage 1 bis zur Frage 129, dass sich der Heidelberger Katechismus an Menschen wendet, „deren Trost im Leben und im Sterben“ Jesus Christus ist. Die Fragen und Antworten sind keine Einführung in den Glauben, sondern Hilfen für den Glaubenden. Dabei ist sehr wohl zu bedenken, dass wir manche Fragen und mehr noch manche Antworten heute anders formulieren würden als vor 450 Jahren. Glaube muss Antworten für die jeweilige Zeit geben.
Interessant finde ich bis heute diese Dreiereinteilung Elend, Erlösung, Dankbarkeit.
Elend, Erlösung und Dankbarkeit sind Gefühle, die man ganz unterschiedlich ausdrücken kann, in Worten, in Mimik, in Musik, im Tanz.
Wir sind sehr dankbar dafür, dass sich die Heidelberger Tanzcompanie des Theaters bereit erklärt hat, diesen Gottesdienst mit zu gestalten und uns einen Eindruck zu geben von dem, was wir heute unter Elend verstehen, wie wir uns bei dem Wort Erlösung fühlen und wieso aus Erlösung von Elend Dankbarkeit folgt.
– Tanzcompanie -
Bei Elend bin ich als Mensch ganz in mich zusammengesunken. Elend trifft mich, durch Krankheit, Tod, Enttäuschung, Verlust, Verzweiflung, Zerrissenheit. Elend bricht den aufrechten Gang. Im Elend bin ich gekrümmt, schaue nach unten, bin gefangen und konzentriert in meinem Schmerz. Einsamkeit und Verlassenheit erlauben nicht den Blick nach außen.
Erlösung kann ich nur empfinden, wenn ich Trauer und Schmerz durchlebt habe, wenn ich sie zugelassen habe, mit ihnen gekämpft habe. Erlösung ist das Akzeptieren einer Handlung von außen. Erlösen kann sich der religiöse Mensch nie allein. Erlösung kommt von außen, von Gott. Fesseln der Verkrümmung, der Angst, der Einsamkeit und der Verlassenheit werden gelöst. Ganz unterschiedlich mag diese Erlösung erfahren werden, durch einen Menschen, durch Musik, durch Tanz, durch das Erwachen aus Dunkelheit und den wieder offenen Blick für Farben. Wie auch immer Erlösung erfahren oder erlebt wird, das Ergebnis ist, dass der aufrechte Gang wieder eingeübt werden kann, dass die Verkrümmung in und auf mich selbst gelöst wird. Der Blick wird wieder weit. Andere und anderes kommt wieder in den Blick.
Ein wunderbares Bild zu diesen Erfahrungen bietet die biblische Geschichte von Jona und dem Wahl. Jona war ein Mensch, der in Dunkelheit und Enge gefangen war, der nur noch unüberwindbare Wände vor sich sah, die auch bei Berührung keinen Halt gaben, sondern nachgaben. Jona sitzt, auf sich selbst und sein Elend bezogen, allein in Dunkelheit. Erst durch die Musik, in diesem Fall, wird er wieder ausgespuckt in die Welt hinein, in ein Leben mit Gott und mit anderen Menschen. Erst durch die Musik konnte er wieder Farben sehen, festen Grund unter den Füßen bekommen, aufrecht gehen und stehen.
Die Konsequenz aus der Erlösung, aus der Öffnung für andere und anderes ist für religiöse Menschen Dankbarkeit. Wenn mich Gott aus dem Elend erlöst, dann bin ich ihm dankbar. Der Blick, der im Elend auf den Boden gerichtet war, in der Erlösung wieder auf Augenhöhe mit anderen sein konnte, wird in der Dankbarkeit nach oben gerichtet. Warum eigentlich nach oben? Vielleicht weil wir uns Gott als eine Größe vorstellen, deren Macht eben über unser Denken und Verstehen hinausgeht. Zu Größe schaut man auf. Dankbarkeit ist Singen, ist Tanzen, ist Geben. Dankbarkeit macht menschlich. Ein dankbarer Mensch weiß, dass er nicht alles allein unter Kontrolle hat, dass er als Egoist nicht leben kann und will. Dankbarkeit ist Schwerelosigkeit, Hüpfen, es ist aber auch dass andere mit an die Hand genommen werden. Dankbarkeit öffnet sich für Gott und Mensch. Ein dankbarer Mensch kann Größe sehen, akzeptieren, schätzen.
Auch hier kann auf einen sehr eindrücklichen und hilfreichen Text der Bibel hingewiesen werden. Im Psalm 103 heißt es:
Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat.
Dankbarkeit heißt Wertschätzung. Dadurch, dass ich als wichtig und wertvoll von Gott angesehen werde, kann ich auch andere wertschätzen und ihnen Wertschätzung geben.
Elend, Erlösung, Dankbarkeit. In Bildern gesprochen bewegen wir uns in diesen Schritten von der Hölle, auf festen Boden, in den Himmel hinein. Und das alles auf der Erde, in unserem je eigenen Leben und Handeln, in der Wahrnehmung der Welt und unserer Mitmenschen.
Wenn diese Bilder lebendig in uns bleiben, dann hat der Heidelberger Katechismus mit seiner Einteilung auch heute noch Auswirkungen auf unser Verhältnis zu Gott, Mensch und Natur.
In der Tanzchoreographie haben wir eine heutige Interpretation dazu gesehen. In Bildern konnte jeder für sich erspüren, wo Elend, wo Erlösung und wo Dankbarkeit zu erkennen war.
Ein neuer Weg zur Vermittlung von Glaubensinhalten, -fragen und -erkenntnissen wurde heute durch Sie eröffnet. Danke.
Amen.
