Liebe Gemeinde,
mein ältester Sohn, Martin, ist ein junger Mann mit Down-Syndrom. Er geht sehr gern zur Kirche, er liebt die Musik und die festliche Atmosphäre der Gottesdienste und ganz besonders andächtig ist er beim Abendmahl, das ihn ganz besonders berührt. Aber an Karfreitag streikt er. „Mama, das kann ich nicht, das ist mir zu traurig“. Jesus am Kreuz, das nimmt ihn richtig körperlich mit. Er kann es nicht verstehen, dass dieser Jesus, der doch ein guter Mann war, der der Sohn Gottes ist, so schmerzvoll am Kreuz hängen muss. Nein, Karfreitag ist für ihn kein Gottesdiensttag.
Sicher, Martin hat ein schlichtes Gemüt, und doch denke ich, dass er etwas spürt, was viele Menschen bewegt, spirituell und intellektuell.
Früher war in der evangelischen Kirche Karfreitag der höchste Feiertag. Ostern und Weihnachten nicht. Theologia crucis und theologia gloriae unterschieden Protestanten und Katholiken. Bei den Protestanten stand die Kreuzestheologie im Zentrum, das Leiden, Sterben und der Opfertod Jesu, bei den Katholiken leuchtete die Ostersonne, die Auferstehung und die Theologie der Größe und des Ruhmes. Bis in die späten 60iger Jahre wurde auf den Dörfern diese theologische Auseinandersetzung mit Mistfahren der Katholiken am Karfreitag und Mistfahren der Protestanten an Fronleichnam ausgefochten. Soweit mir bekannt ist, gibt es das heute nicht mehr. Theologia crucis und theologia gloriae werden nebeneinander als zwei Seiten derselben Münze erkannt und akzeptiert. Die Ostersonne folgt auf das Leiden und Sterben. Beides steht gleichrangig auf einer Linie. Beides gehört zu unserem Glauben ganz fest dazu.
Karfreitag: ohne Ostern im Hintergrund ist dieser Tag ein Tag des Scheiterns, der Ent-täuschung, des Verrats und der Ernüchterung. Alle Hoffnungen der Nachfolger Jesu starben mit dem Kreuzestod. Und wie schlimm war der Weg ans Kreuz und zum Sterben. Kaum auszuhalten ist das geschilderte Leid. Wie viel Leid gab es und gibt es in unserer Welt! Menschen in Gefangenschaft, Menschen auf der Flucht, Menschen in Angst vor Verfolgung, Menschen in schrecklichen Schmerzen, Menschen in Trauer über den Tod eines geliebten Menschen. Und dann leidet ein Jesus am Kreuz für drei Stunden und es bewegt die Welt bis heute. Wie kommt das? Und was bedeutet das?
Jes. 53, 4+5
Die Leidensgeschichte Jesu spiegelt unsere je eigenen Karfreitagserfahrungen wider. Es gibt kaum ein Leben, in dem es nicht Risse gibt, die Schmerzen verursachen. Bei den einen ist es eine ge-scheiterte Beziehung, bei anderen eine Verlusterfahrung, bei anderen Krankheit oder Arbeitslosigkeit. In der Woche von Palmsonntag bis Karfreitag hat Jesus all das erlebt, was ein leben ausmacht, mit seinen Höhen und Tiefen. Er wurde bejubelt, er wurde betrogen, er trug sein Kreuz und starb.
All das ist einzeln schon schlimm genug, wie viel mehr aber in dieser Häufung. Ein guter Freund, dem er vertraut hatte, liefert Jesus an seine Feinde aus und einer tiefen Demütigung. Furchtbar ist das. Wem wir vertrauen, den lassen wir ein Stück in unser Herz. Wenn also dieses vertrauen missbraucht wird, stirbt ein kleines oder ein großes stück von unserem herzen mit. Vertrauen lässt leben, Misstrauen wirkt zerstörerisch und wer einmal schwer enttäuscht wurde, braucht lange um wieder neu Vertrauen zu wagen. Judas hat mit dem Vertrauen Jesu falsches Spiel getrieben. Er hat ihn denen ausgeliefert, von denen er wusste, dass sie ihm Böses wollten. In den Stunden von seiner festnahme bis zum Tod am Kreuz erfuhr Jesus was es hieß, einsam zu sein. Allein war er nicht. Viele Menschen gafften oder begleiteten ihn, aber er war einsam. Wie so ließ Gott das zu, bei seinem Sohn? Was ist das für ein Gott, der seinen Sohn in den Tod schickt? „Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre“. Mit unserem Gefühl für Ge-rechtigkeit, mit unserem Verständnis von Strafe schauen wir auf den geplagten Jesus. Das geht auch gar nicht anders. Aber es ist theologisch falsch, daraus den Schluss zu ziehen, dass Jesu Tod am Kreuz das Scheitern einer Gott/Mensch Geschichte sei. Freiwillig geht Jesus den weg des Leidens. „Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“. Als wahrer Mensch ging der Sohn Gottes durch leid, er nahm unsere Sünde und Schuld auf sich. Viele können mit dieser sog. Opfertheologie heute nichts mehr anfangen, auch in den Kirchen. Das ist nachvollziehbar. Und doch ist für mich dieser Gedanke, den wir im Gottesknechtlied des Propheten Jesaja hören, ganz wichtig. Sünde und Schmerz, Krankheit und Tod werden in ihrer Endgültigkeit mit Jesus gemeinsam gekreuzigt. Sie sterben, sie tragen nicht den letztgültigen Sieg davon. Sünde als die Gottverlassenheit und die unüberbrückbare Trennung zwischen Gott und Mensch werden gekreuzigt mit Jesus. „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten“. Er hat die Strafe des letzten gerichts auf sich genommen, damit wir als Menschen in einem anderen leben bei gott leben können. Das ist die Botschaft, die wir an den Gräbern predigen und als Zusage weiter geben. Weil Jesus freiwillig all das auf sich genommen hat, dürfen wir mit Gottes Gnade und der zusage seiner für uns geöffneten Arme rechnen. Schwer zu verstehen ist das. Für die Menschen zur Zeit Jesu bedeutete dieser Opfertod noch mehr. Nach Jesu Kreuzestod war kein Tieropfer oder Menschenopfer in Tempeln, Synagogen oder Kirchen mehr nötig. Der Opfertod Jesu war für Christen der letzte Opfertod in der Geschichte.
Traurig macht uns die Leidengeschichte Jesu, weil wir am Karfreitag immer wieder neu mit dem Leid in unserer Welt und unseren je eigenen Karfreitagserfahrungen konfrontiert werden. Der Karfreitag ist aber genau darum ein so wichtiger Tag, weil er uns deutlich macht, mit Jesus ist die Gottferne gestorben, zumindest von Gott aus. Sicher, wir erleben solch eine Ferne immer wieder in unserem Leben, aber die Zusage steht: Du darfst darauf vertrauen, dass Gott diese Ferne nicht will und ihr nicht den Sieg überlassen will.
Ja, spirituell und intellektuell ist der Karfreitag eine Zumutung, aber wer sagt denn, dass Glaube einfach ist?
Durch den Tod Jesu am Kreuz, das in seiner Ausrichtung Himmel und Erde verbindet und gleichzeitig alle Himmelsrichtungen darstellt dürfen wir alle das Osterlicht strahlen sehen. Im Weihnachtslied heißt es: Sünd und Hölle mag sich grämen, Tod und Teufel mag sich schämen, wir die unser Heil annehmen, werfen allen Kummer hin“. An Karfreitag endet das leben des kleinen Kindes, das für arm und reich, für die gesamte Schöpfung in die Welt gekommen ist. An Ostern aber wird dieses Leben in das rechte Licht gerückt. Karfreitag ist kein Schlusspunkt, Gott sei Dank gehen wir weiter auf Ostern zu. Gott steht an der Seite der Leidenden. Er weiß, wie Leid schmerzt und er will Tod und Hass, Schmerz und Sünde mit der Auferstehung an Ostern überwinden. Theologia crucis und theologia gloriae gehören eng zusammen und gehen nur Hand in Hand in unseren Glauben ein. Karfreitag ist heute. Es ist ein harter Tag und darf nicht verharmlost werden, aber er wird durch Ostern, das seine Strahlen auch in tiefste Dunkelheiten wirft, ausgerichtet auf Hoffnung.
Amen
