
Amen
Von Christus lernen – Liebe Gemeinde,
das ist es doch, was Christinnen und Christen seit 2000 Jahren versuchen!
Oft aber auch auf eher zweifelhaften Wegen.
Vor 1000 oder vor 100 Jahren z.B., als von Christi Gang ans Kreuz ein soldatischer Heldentod gelernt wurde. Opferbereit in die Schlacht und wenn nötig in den Tod.
Oder vor 40-50 Jahren. Die Jesusfreunde unter den Hippies, die von Christus ein sorgenfreies Leben lernten. So leben, wie die Blumen im Felde und wie die Vögel im Himmel. Von Gott versorgt – ganz ohne Stress und ohne Sorgen.
Und auch der Predigttext heute scheint uns etwas von Christus zu lehren. Da können wir erneut etwas von Christus lernen, und zwar solches, was mit Leiden und Kummer zu tun hat.
Die Passionszeit konfrontiert uns in diesen Wochen mit den dunklen Seiten des Lebens. Die Passion Christi und die traurigen Abschnitte der Evangelien sind jetzt im Fokus. Die Verfolgung und das Sterben Jesu.
Und anders als ein antiker Soldatenheld ging Jesus nicht gerne in den Tod. Und anders als es manche seiner Gleichnisse von sorgenfreien Vögeln erscheinen lassen, war Jesus überhaupt nicht frei von Sorge und Kummer.
Denken wir an den Moment im Garten Gethsemane – so kurz vor Jesu Verhaftung. Da war Jesus kein lebensmüder und todestrotzender Held.
Er hatte Angst vor der Kreuzigung und er flehte zu Gott. Er wollte nicht gerne sterben. Ganz im Gegenteil: Er wollte als sorgenerfüllter Mensch unter Menschen und hier auf Erden weiterleben.
Vom ängstlichen und sich sorgenden Christus lernen.
Hiervon erzählt der heutige Predigttext. Ich lese aus dem Hebräerbrief 5,7:
7 In den Tagen seines irdischen Lebens hat Jesus
seine Gebete und sein Flehen vor Gott gebracht.
Mit lautem Rufen und unter Tränen
brachte er sie vor Gott.
Denn der konnte ihn aus dem Tod retten.
Und aufgrund seiner Ehrfurcht vor Gott
ist er erhört worden.
8 Obwohl er der Sohn war,
musste er durch das, was er gelitten hat,
den Gehorsam lernen.
9 So wurde er zur Vollendung gebracht.
Seitdem ist er für alle, die ihm gehorsam sind,
der Urheber ihrer ewigen Rettung geworden.
(Basisbibel)
Jesus zu seinen irdischen Lebzeiten.
Davon lesen wir in den Evangelien viel. Wie Jesus immer wieder und eigentlich von allen missverstanden wurde. Auch, dass an ihm gezweifelt wurde und wie er angefeindet und verfolgt wurde. Er wurde verraten, verhaftet und gedemütigt. Zum Tode verurteilt und getötet.
Machen dieser Schmerz und dieses Leiden unsern Herrn aus?
Das traurige ist, dass Menschen sich zu allen Zeiten und bis heute das antun, was Christus angetan wurde. Seine Folter und sein Tod am Kreuz waren in Palästina damals fast alltäglich. Und Folter und Hinrichtungen sind in vielen Orten auch heute noch – fast alltäglich.
Dass Christus verraten, geschlagen und getötet wurde, stellt in der Menschheitsgeschichte leider keine Besonderheit dar. In jeder Generation gibt es Millionen, die dies erleiden.
Und wenn wir von Jesus lernen wollen, wie wir mit diesem ungeheuren Leiden umgehen können und wie wir es ertragen können; es ist dann wirklich erstaunlich, wie Jesus auf seine Qualen reagiert.
Verglichen mit manchen Helden der Geschichte erscheint Jesus doch erstaunlich schwach und ängstlich, wenn er Tod und Leiden begegnet.
Denken Sie nur an die verschiedenen Philosophen und Königinnen, an die christlichen Märtyrer und Heiligen, die ihr Todesurteil so tapfer, erhaben und unbeeindruckt akzeptiert haben. Und Jesus…
„Mit lauten Rufen und unter Tränen“ „brachte er seine Gebete und sein Flehen vor Gott“
In den Stunden vor Jesu Verhaftung und Kreuzigung gab es keine philosophischen Unterhaltungen über das Leben und den Tod. Keine Worte, dass wir früher oder später alle einmal sterben müssen und nichts davon, dass der Tod der natürliche, sogar glückliche Abschluss des irdischen Lebens ist.
Statt von Lebensweisheiten berichtet die Passionsgeschichte von Verzweiflung und Angst, von Gewalt und Sterben und vom Gefühl, verlassen zu sein.
Jesus lebte viel zu gerne.
Er lebte gerne unter seinen Freunden und auch unter Fremden und er nahm Anteil an ihrem Leben und an seiner/unserer Welt.
Davon berichten die Evangelien so häufig und das ist wie ich meine das so besondere an der frohen Botschaft vom Reich Gottes.
Christus nimmt Anteil und Freude an unserer Welt und er verströstet uns nicht allein auf ein "Später". Er erzählt uns nicht, dass wir irgendwann dann nach diesem traurigen Leben endlich Gott begegnen, sondern dass uns Gott jetzt und hier schon begegnen will und auch tatsächlich begegnet.
Unser Leben hier ist jetzt schon wichtig, heilig und von Gott gewollt!
Unser Leben soll schön sein, in Liebe, in Gemeinschaft und voller Gottesbegegnung.
Genau darauf macht uns Christus aufmerksam und ich finde zu dieser frohen Botschaft passt Jesu Reaktion auf das viele Leiden, das ihm begegnet.
Jesu Tränen und Sorgen zeigen uns, dass er unsere Welt und uns mit unseren Problemen ernst nimmt. Dass Jesus es ernst nimmt, was es heißt ein Mensch zu sein.
Die Tränen und Sorgen zeigen, dass es ihn und dass es Gott kümmert, wenn Menschen Schreckliches durchmachen.
Das ist Gnade! Denn Gott selbst weiß, was es heißt, als Mensch verzweifelt und voll Kummer zu sein. Gott kümmert es, wenn wir Menschen leiden und nicht weiter wissen.
In Gesprächen über Gott habe ich schon öfter gehört, dass das eigentlich doch kaum zu glauben ist: Gott, der sich darum kümmert, was mit uns Menschen ist.
Ich habe schon oft den Gedanken gehört, dass alle Probleme in unserer Welt, von einem höheren Standpunkt aus betrachtet, doch als so klein und unbedeutend erscheinen müssen. Und dass es einen ewigen unendlichen Gott doch eigentlich nicht anrühren kann, was wir kleinen Menschen für kleine Probleme haben; was wir auf unserem winzigen Planeten hier für Dummheiten machen und wie wir uns verletzen.
Aber Gott sei Dank ist sich Gott nicht zu schade an uns Anteil zu nehmen! Er ist sich nicht mal zu schade, selbst ein Mensch zu werden und unter uns zu leben. Und Christus interessiert es sehr wohl, woran wir leiden! Er ist nicht allwissend abgeklärt und kalt, sondern ein Mensch mit Gefühlen, der mitleidet und sich sorgt.
Christus zeigt mit seinen Tränen und Flehen, dass unser Leben und unser Kummer vor Gott Bedeutung hat. Dass wir Menschen Gott wichtig sind – mit unseren kleinen und großen Problemen.
Gott sieht, was so viele Menschen schreckliches erleiden und er nimmt Anteil. Das Kreuz hier vorne kann uns genau daran erinnern.
In Christus zeigt sich Gott und da erkennen wir: unser Gott ist kein jenseitiger Übergott. Kein Gott, der über allen Dingen steht und dem nichts etwas anhaben kann, weil ihn nichts interessiert.
Gott ist selbst Mensch geworden und in diese Welt geboren mit all ihren Problemen und Grausamkeiten. Wir hier und unsere heutige Welt sind interessant und wichtig für Gott.
Deshalb ist Gott auch so vollkommen vollendet für uns. Weil er es vollbringt, Gott zu sein und zugleich auch ein Mensch. Zugleich unendlicher Herrscher und ein ängstlicher und sich sorgender Mensch.
Liebe Gemeinde,
vieles können wir von Christus lernen.
Auch, dass es gut sein kann, wenn wir uns Sorgen machen. Weil unser aller Leben und unsere Erde es wert sind, dass wir uns darum sorgen. Von Christus lernen wir, dass Gott selbst sich um uns sorgt.
Und Christus lehrt uns auch: Gerade in Sorge und Kummer und wenn wir uns verlassen fühlen, können wir unsere Gebete und unser Flehen vor Gott bringen. Er erhört sie und kümmert sich. Gott können wir uns anvertrauen und ihm vertrauen.
Gott kümmert sich und nimmt Anteil.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft und alle Sorge, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen
