Gnade sie mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Amen.
Liebe Gemeinde,
neulich hab ich einen sehr lustigen Film gesehen, der auf den interessanten Titel „Spanglish“ hört. „Spanglish“ ist ein Kunstwort, das sich aus Spanisch und Englisch zusammensetzt und der Film ist schön und lustig und ergreifend und vor allem... wahnsinnig verwirrend. Ich versuch Ihnen kurz zu beschreiben, worum es geht. Die Geschichte erzählt von zwei Familien, die nicht unterschiedlicher sein könnten: auf der einen Seite die Familie Clasky, bestehend aus einem sanftmütigen, hoch erfolgreichen und wohlhabenden Sternekoch, dessen größte Angst ist, dass die New York Times ihn zum besten Koch des Landes ausruft und er so keine Zeit mehr für seine Familie hat. Ein nobler Mann. Zu seiner Familie gehören auch seine Frau Deborah: eine völlig neurotische, sportbesessene und dem Geld sehr zugetane Person, die versucht es allen und sich selbst Recht zu machen und damit eine unerträgliche Nervensäge ist. Deborahs Mutter, also die Oma der Familie, eine ehemals bekannte Sängerin, die vergangenem Ruhm nachtrauert und definitiv viel zu viel trinkt und zu guter Letzt zwei liebenswerte, leider in der Schule furchtbar unbeliebte Kinder. Schon diese Konstellation ist ziemlich verwirrend!
Auf der anderen Seite steht die Familie Moreno, die vor Armut und Perspektivlosigkeit aus Mexiko fliehen musste und nun in Los Angeles ein neues Leben anfangen will. Diese kleine Familie besteht nur aus zwei Personen: der achtjährigen, furchtbar zauberhaften Cristina und ihrer atemberaubend schönen, vor mexikanischem Temperament strotzenden Löwenmutter Flor. Und in bester Hollywoodmanier kommen diese beiden äußerst – sagen wir – eigenen Familien zusammen, als Flor sich bei den Claskys um einen Job als Haushälterin bewirbt und diesen auch bekommt. Die Crux daran: natürlich spricht die Mexikanerin Flor kein einziges Wort Englisch und niemand aus der Familie Clasky spricht Spanisch. Das Chaos ist also vorprogrammiert. Und natürlich gibt es wunderbare Szenen, in denen sieben Leute vollkommen aneinander vorbeireden. Kleine Episoden, in denen man Menschen beobachten kann, die mit Händen und Füßen versuchen, sich irgendwie verständlich zu machen. Und eine ganz bezaubernde Szene, in der die achtjährige Cristina simultanübersetzen muss, was ihre völlig aufgebrachte, in Rage schreiende Latinamutter ihrem Arbeitgeber an den Kopf wirft – denn er versteht ja kein einziges Wort. Wirklich wunderschön. Allen sprachlichen und kulturellen Hindernissen zum Trotz kommen sich die beiden Familien im Laufe des Films in allen nur vorstellbaren Konstellation näher: die wunderschöne, mexikanische Haushälterin hilft der pubertierenden, etwas zu dicken Clasky Tochter dabei, sich selbst wieder schön zu finden; die reiche, wohlmeinende Deborah verhätschelt die aus armen Verhältnissen kommende Cristina und besorgt ihr sogar ein Stipendium für eine teure Privatschule; und natürlich verliebt sich der gutherzige, von seiner eigenen Frau ungeliebte Sternekoch in die heißblütige Flor. Alles sieht nach einem großen Happy End a la Hollywood aus. Aber – und ich hab ihnen gesagt, dass es wirklich verwirrend ist - es kommt ganz anders: völlig überraschend schmeißt Flor ihren Job bei den Claskys hin. Zu groß sind die Missverständnisse, die beide Welten voneinander trennen. Zu unüberwindbar die Eingriffe, die beide Familien in die jeweils andere gemacht haben. Jeder Versuch der Kommunikation scheitert und alle Beziehungen werden abgebrochen – sogar die kleine Cristina muss ihr Stipendium aufgeben, die Privatschule verlassen und sich von ihren neuen Freunden verabschieden. Es gibt kein Happy End - zumindest auf den ersten Blick nicht. Und die Zuschauer bleiben ratlos und verwirrt zurück.
Liebe Gemeinde,
von Missverständnissen, die Welten trennen und von in allen Belangen scheiternder Kommunikation erzählt auch das Johannesevangelium. Und die Geschichte von Jesus im Tempel und seiner völlig verfahrenen Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Brüdern und Schwestern lässt auch hier die Betrachter mehr als verwirrt zurück – jetzt und damals.
Unweigerlich schüttelt man den Kopf und fragt sich, ob die Geschichte nicht eigentlich doch noch weitergehen müsse. Ob man irgendwo nicht richtig mitgekommen sei. Eben weil auch die Johannesepisode auf den ersten Blick nicht der heilsversprechenden Erwartung und Hoffnung folgt. Nicht die gewohnte Erzählstruktur bedient. Weil diese Geschichte eben nicht den großen Kommunikator Jesus Christus präsentiert. Weil das Gespräch im Tempel scheitert. Kläglich und festgefahren. Es gibt nicht mehr die Unterbrechung von Gewalt, die wir noch direkt vorher in der Episode mit der Ehebrecherin finden konnten. Und genau wie in dem Film gibt es auch hier kein Happy End – zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Geschichte ist sperrig und unbequem und die Art, wie hier beide Seiten miteinander umgehen frustriert uns als Hörer: dreimal reden Jesus und seine Gesprächspartner aneinander vorbei und die Schärfe dieses kommunikatorischen Desasters ist eine, die furchtbare Früchte in der Geschichte unserer Kirchen getragen hat. Viel zu oft wurde missbraucht, dass Johannes hier von „den Juden“ schreibt. Dabei muss man sich klar machen, dass Johannes das jüngste Evangelium in der Bibel geschrieben hat und mit „Juden“ hier nicht das Judentum per se gemeint ist, sondern der Begriff repräsentativ für „die Welt“ steht. Also auch für uns alle als Hörer. Und wenn man sich das klar macht und ernst nimmt, dann gibt es in all den vordergründigen Missverständnissen, den verhärteten Fronten und der Ausweglosigkeit ganz hintergründig Hoffnung:
Denn Jesu Ankündigung seiner „Erhöhung“ in Vers 28, also seines eigenen Todes, um die Sünden der Welt auf sich zu nehmen, geht in all der vordergründigen Verwirrung einfach unter: „Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich.“ Und noch etwas Wunderbares wird in dieser chaotischen Kommunikation gesagt und nicht verstanden: In Jesus Christus werden die Grenzen zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Erde aufgehoben. Er bringt Dort und Hier, Jetzt und Bald miteinander in ein neues Verhältnis. „Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.“ Und noch etwas passiert mit diesem rabiaten Text, wenn wir verstehen, dass wir alle gemeint sind, dass wir die „Juden“ sind: die Kehrseite von Jesu harscher Ermahnung ist ein Angebot zur Freiheit. Im Diesseits und im Jenseits. Ein Weg zum Ausbruch aus festgefahrenen Strukturen.
Aber: Niemand versteht es. Der große Kommunikator findet nicht die richtigen Worte und hinterlässt eine verwirrte Schar von Zuhörern und vor allem völlig verhärtete Fronten.
„Als er das sagte, glaubten viele an ihn“, das in Vers 30 hinten angestellt ist soll trösten, aber es vertröstet nur.
Und wie in dem Film, gibt es auch in der Johannesepisode kein Happy End - zumindest auf den ersten Blick nicht.
Liebe Gemeinde,
um ehrlich zu sein ist es nicht besonders höflich von zwei Geschichten, die von scheiternder Kommunikation erzählen und auf den ersten Blick beide kein Happy End haben, zum 450. Geburtstag des Heidelberger Katechismus zu kommen. Ein bisschen, als würde man sich auf einer Hochzeit vollkommen daneben benehmen. Aber: ich glaube, dass wir in diesem Jahr den Geburtstag dieser so wichtigen Schrift nur feiern können, weil die junge Reformation damals in ihrer Kommunikation gescheitert ist. So wie im Film und in der Perikope. Verhärtete Fronten, schlechte Kommunikation, gute Absichten, Missverständnisse und Beharrlichkeit mussten damals zu einem Scheitern der Reformation als einheitlicher Bewegung führen. Und – das mag überraschend klingen – vielleicht war das gut so.
Denn das Überraschende am Scheitern, an Missverständnissen, die Welten trennen ist ja, dass man dadurch herausfinden kann, wer man eigentlich sein möchte. Wenn man klug ist, kann man abstecken, wie die eigene Identität sein soll. Das ist mitunter zuerst viel zu harsch und festgefahren, viel zu abgrenzend, verletzend und verwirrend; und im Scheitern von Kommunikation gibt auf den ersten Blick nie ein Happy End. Aber mit etwas Abstand kann man austarieren, wo eigentlich die Schwierigkeiten lagen. Man kann prüfen, wo man die eigenen Grenzen gezogen hat und ob es nicht noch andere Optionen gibt. Und man kann – Gott sei Dank – sich selbst hinterfragen. Das Wichtige am Scheitern – und das ist eine Binsenweisheit - ist nur, dass man nicht gescheitert bleibt! Und ich glaube, dass feiern wir mit dem Jubiläum des Heidelberger Katechismus. Wir feiern das Überwinden vom Scheitern der Kommunikation. Das Aus-der-Welt-Räumen von Missverständnissen, die Welten trennen. Und das Überprüfen der eigenen Identität.
Denn: Mit dem Verfassen des Katechismus ging es darum, sich festzulegen. Ein verbindliches Dokument zu schaffen, das man immer wieder zu Rate ziehen kann. Und in der finalen Ausgabe ist er ein so klug gestaltetes Lehrbuch, das für jede Woche eine existenzielle Frage des eigenen Glaubens verhandelt. Das ganze Jahr über. Der Heidelberger Katechismus ist eine Lebens- und Glaubenshilfe auf der Suche nach Identität – natürlich auch in Abgrenzung. Ähnlich wie Jesus Christus seine Identität in der Perikope bekennt oder Flor im Film, die neu festlegt, wer sie sein will. Ein bekannter Dichter hat einmal sehr treffend gesagt: „Identität ist, was uns Grenzen schafft, Gemeinsamkeit, was uns zu Menschen macht.“
2013 feiern wir ein ganzes Jahr lang Geburtstag! Und natürlich feiert man an Geburtstagen nicht nur die Erinnerung an Früher, sondern die Tatsache, dass das Geburtstagskind noch anwesend ist. Man feiert hier und jetzt auch die Relevanz für das Hier und Jetzt. Und die Hoffnung auf eine lange, gesunde, gesellige und wertvolle Zukunft.
Und genauso feiert man natürlich Tradition. Aber: Tradition bleibt Abstellgleis, wenn sie sich nicht aktualisiert. Und so, wie die unierte Kirche, zu der Heidelberg gehört, sich aktualisiert hat und ein Bindeglied zwischen Reformierten und Lutheranern ist, so muss auch Tradition sich selbst prüfen, um anzudauern. Keine Tradition kann immer um ihrer selbst Willen bestehen. Die Schönheit von Tradition lebt in der Aktualisierung! Im Feststellen, dass sie immer noch Wirkmacht besitzt. Und das feiern wir ein Jahr lang mit dem Geburtstag des Heidelberger Katechismus.
Liebe Gemeinde,
Natürlich ist der Heidelberger Katechismus als Resultat einer existenziellen Auseinandersetzung mit Glaubensfragen viel größer und lebenswichtiger als irgendein Hollywoodfilm. Aber die Grundfrage ist ähnlich; und je näher die Welt zusammenrückt desto aktueller wird sie: wo missverstehen wir einander eigentlich? Wo wollen wir uns falsch verstehen? Wo hören wir längst nicht mehr, was das Gegenüber sagt? Wo trennen uns Welten, die eigentlich dicht beieinander liegen? Wo haben wir eigentlich Gemeinsamkeiten, die wir in Rage und Verstocktheit übersehen?
Übrigens: Es gibt doch ein Happy End – in allen drei Geschichten:
In unserem Film haben die Protagonisten rausgefunden, wer sie eigentlich sein wollen. Und auch wenn die Trennung der Familien hart und unerwartet kommt, nehmen alle Beteiligten positive Eigenschaften, die sie neu kennengelernt haben, in ihre jeweiligen Leben mit. Und sie stellen fest, dass man – zumindest bis zu einem gewissen Grad – einander lieben und respektieren kann trotz all der Missverständnisse und Artikulationsschwierigkeiten.
Auch in der Perikope gibt es ein verstecktes Happy End: sie berichtet uns davon, dass auch im Chaos der schief laufenden Kommunikation, in dem wir uns alle immer wieder befinden, Jesus Christus in sich selbst und für uns alle die Grenzen zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Erde aufhebt.
Und der Heidelberger Katechismus ist ein Happy End der Missverständnisse und verhärteten Fronten zwischen Protestanten jeder Spielart. Heute zu seinem 450 Geburtstag mehr denn je.
Heute darf ein lutherischer Schauspieler und Musiker im unierten Heidelberg zum wichtigsten Werk der reformierten Kirche predigen...
Vielleicht sind wir auf einem guten Weg zur Beseitigung von Missverständnissen, die Welten trennen. Mehr denn je.
Und der Friede des HERRN, der größer ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen in Christus Jesus,
AMEN
Julian Sengelmann, Schauspieler, Musiker und Diplom-Theologe
