Sonntag Okuli 2012 (11. März)

Den Opfern ein Opfer geworden - 1Petr 1,13-21

Predigt von Pfarrerin Dr. Heike Springhart

Liebe Gemeinde,

11. März 2011, 23.09 Uhr: Hiroko, eine japanische Theologiestudentin, die bei uns im Theologischen Studienhaus wohnt, schreibt auf ihrer facebook-Pinnwand: Ich bin zufälligerweise nach Japan zurückgeflogen und habe das Erdbeben miterlebt. Glücklicherweise geht es mir und meiner Familie gut. Möge der liebe Gott gnädig sein und uns schützen.

Erst war es nur eine kurze Eilmeldung im Internet: Erdbeben in Japan! Kurz darauf sahen wir fassungslos die Bilder – in Sekundenschnelle um den Erdball gesendet.
Erst bebte die Erde und ließ Häuser wie Kartenhäuschen zusammenfallen.
Dann kam die Flutwelle, der Tsunami. Wassermassen, die in wenigen Minuten alles wegreißen, was Menschen über Jahre aufgebaut haben.
Wo Häuser bis an jenem Freitag vor einem Jahr Menschen ein Zuhause boten, ist jetzt öde Wüste. Öd und leer. Zerstört von der Wucht des Tsunamis. Ausradiert. Weggespült. Schon das: kaum zu fassen.
Und direkt nach der Flut auch das: Warten auf den GAU. Die Angst vor der Kernschmelze und Reaktorkatastrophen in den Atomkraftwerken ging um. Zur sichtbaren Zerstörung kam die unsichtbare Gefahr der Radioaktivität. 400fach erhöht.
Heute wissen wir: der GAU hatte sich sofort ereignet, die Atombehörden hatten es verschwiegen.
Fast 20 000 Menschen haben durch die Katastrophe, die sich heute vor einem Jahr ereignete, ihr Leben verloren, mehr als 3000 gelten als vermisst – eine unvorstellbare Zahl an Opfern.

Ein paar Tage nach dem Tsunami schreibt Hiroko eine längere Mail: „Es ist unglaublich furchtbar. Wir sind total ratlos. Kein Wort kann ich finden. Was kann ich tun als Theologin? Was kann ich tun, um die Hoffnungslosen, Erschöpften, Einsamen zu trösten? Mein einziger Trost ist, dass wir nicht allein leiden müssen. Die Menschen in zahlreichen Ländern beten für uns, denken an uns. Ich glaube auch daran, dass Gott bei uns steht und mit uns leidet. […] Es kann sein, dass ich wegen des Stromausfalls nur selten auf Ihre E-Mail reagieren kann. Aber machen Sie bitte keine Sorge. Mir geht es ganz gut.  Herzliche Grüße, Ihre Hiroko“

Das Wiedersehen mit Hiroko zu Semesterbeginn in Heidelberg war ein besonders fröhliches – so deutlich war zu spüren, was auch jenseits der großen Katastrophen gilt: es ist nicht selbstverständlich, dass wir uns auf dem Marktplatz gesund entgegenlaufen – auch nicht, dass wir hier heute Gottesdienst zusammen feiern können.
Die Nachdenklichkeit ist geblieben und auch ein Jahr danach ist in der Region um Fukushima nichts mehr wie es war.

Im tiefsten Leid und der Sprachlosigkeit wird der mitleidende Gott zum Trost. Mehr noch: die Erinnerung daran, dass Gott der Welt zum Opfer gefallen ist. Es ist eine sperrige Erinnerung und dennoch: möglicherweise eröffnet sich gerade hier ein Raum für Trost, wo alle schnellen Trostworte versagen, wo das Leid von Opfern – in Japan oder hier bei uns – uns sprachlos werden lässt.

Im 1. Petrusbrief mutet der Verfasser uns eine solche sperrige Erinnerung zu – und spricht von Aufbruch, von gebrochenem Leben, vom Opfer und von Glauben und Hoffnung.

Im 1. Petrusbrief heißt es (1Petr 1,13-21):
Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.
Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.
Denn es steht geschrieben: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«
Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht;
denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten
und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Der Verfasser des 1. Petrusbriefs erinnert an den Grund der Hoffnung über das vorfindliche Leben hinaus und an die Erlösung aus gottlosen Bindungen dieser Welt. Ihr seid erlöst mit dem teuren Blut Christi, des unschuldigen und unbefleckten Lammes. Diese Vorstellung vom Opfertod Jesu geht uns heute nicht so leicht über die Lippen und ins Herz. Manche reden gar davon, dass es notwendig sei, Abschied davon zu nehmen. Ein Gott der Liebe – und dann diese blutrünstigen Bilder, geht das zusammen? Ist das nicht zu sperrig? Zu grausam? Zu wenig schön?
Ja, es stimmt: es ist grausam, es ist sperrig und wenig schön – aber es ist auch realistisch. Wegsehen hilft nicht. Wo immer es Opfer gibt – Flutopfer in Japan, Thailand und anderswo auf der Welt, Kriegsopfer im Irak und Syrien, Opfer von körperlicher und seelischer Gewalt hier mitten unter uns – wegsehen hilft nicht. Es ist kaum auszuhalten, es ist grausam und es ist sperrig gegenüber dem, wie wir uns Leben wünschen – aber für diese Opfer in ihrem ganzen Leid ist es ein erster wohltuender Schritt, wenn sie gesehen werden. Nicht mit sensationslüsternem Blick, auch nicht mit überheblichem Blick: gut, dass es mich nicht getroffen hat oder gar: selbst schuld! Wem so etwas passiert, der muss selbst mit Schuld daran haben…. Nicht mit diesen Blicken, sondern mit behutsam fragenden Augen und offenen Herzen.

Am Kreuz und dem Opfer, das Gott für diese Welt bringt, wird deutlich: Gott sieht diese Welt und ihre Opfer – mehr noch: er wird eines von ihnen. Er leidet mit, er stirbt mit, er schreit mit: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Erlöst mit dem teuren Blut Christi. Das heißt vor allem: Gott, Jesus Christus riskiert sich ganz an diese Welt, die ihn mit ihren Mächten und Gewalten ans Messer liefert und sein Blut vergießt. Gott steht nicht apathisch dieser Welt gegenüber, sondern er nimmt das Leiden ganz in sich auf und zeigt sich der Welt als der im Stall geborene und auf Golgatha gekreuzigte Gott. Seine radikale Menschlichkeit wird so deutlich. Zu ihr gehört, dass Gott das Risiko angeht, unter die Menschen und unter die Räuber zu fallen. So wird er zum Opfer dieser Welt.

Wir haben es nicht mit einem zornigen Gott zu tun, der nur durch das Opfer eines Menschen am Kreuz zufriedengestellt und wieder zur Ehre gebracht werden kann – solche Opfer will und braucht Gott nicht. Nicht von Abraham, nicht auf Golgatha und nicht von uns.
Aber er sieht an den Opfern dieser Welt nicht vorbei, sondern wird ihnen gleich – in aller Abgründigkeit, Verlassenheit und Grausamkeit. Mit allen Fragen, die das bei uns hinterlässt.

Das erlöst uns zu neuem Leben – auch da, wo nur noch Leid, Gewalt und Tod zu sehen sind. Die Heilsbedeutung des Todes Jesu liegt allerdings nicht in seiner Opferung. Der Tod am Kreuz ist nicht das Ende der Geschichte. Gott hat ihn auferweckt von den Toten und hat ihm Herrlichkeit gegeben. So ist dem Tod und den todbringenden Mächten und Gewalten die letzte Macht genommen. Die Wunden bleiben, die Landstriche um Fukushima und Sendai sind verwüstet und verseucht. Auch das, was mich in meinem Leben hat zum Opfer werden lassen, ist nicht einfach aus der Seele zu wischen. Aber die letzte Macht ist ihm genommen.
Dietrich Bonhoeffer sagte einmal: ich glaube, dass Gott auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will.
Dass Gott aus dem Nichts, trotz aller Opfer, aus Tod und Zerstörung Leben neu schaffen kann – das ist Auferstehung. Darauf gründen unsere Hoffnung und unser Glauben.

Mich erinnert das an die Geschichte von Emma und Max. Claudia Schreiber erzählt sie in ihrem Roman und dem Kinofilm „Emmas Glück“.
Emma ist eine junge, zupackende Frau, die auf ihrem Bauernhof Schweine züchtet. Sie hat eine zutiefst verletzte Seele und eine von Gewalt und Lieblosigkeit geprägte Kindheit und meistert mit instinktsicherem Witz, sensibel und zupackend zugleich ihr Leben. Emma ersehnt die Liebe und kennt den Tod. Sie weiß wie sie ihre Schweine schlachten muss, dass sie nicht leiden – und sie tut es jedesmal auf liebevolle Weise.
Eines Tages landet Max auf ihrem Hof. Todkrank war er erst aus seinem geordneten Leben geflohen und dann wollte er sich das Leben nehmen. Erfolglos. Zwischen den beiden zutiefst verletzten Seelen wächst zärtliche, tiefe und innige Liebe. Als Emma endlich echte Liebe und Zuneigung erfährt, kann sie auch die Erinnerungen an die Zeiten, in denen sie zum Opfer wurde, in sich zulassen. In den Armen von Max kann sie zulassen, dass ihr „schwarz vor Augen“ und „übel von der Erinnerung“ wird.

Das, was erfolgreich, glatt und gelingend aussah, ist zutiefst bedroht. Von einem Moment auf den anderen kann alles ganz anders sein. So bricht in das geordnete Leben von Max seine Krebsdiagnose und stellt alles in Frage. Im Angesicht des Todes und nachdem er all sein geplantes, geordnetes und längst totes Leben hinter sich gelassen hat, erwacht in Max die Lebendigkeit der Liebe. Er hat Skrupel, fragt sich ob er jetzt wo „er schon halb tot ist, noch eine Frau an sich binden kann, Hoffnungen wecken, wo keine Hoffnung mehr war“. Aber er entdeckt gemeinsam mit Emma eine zarte, verletzliche und unbeugsam tragende Liebe. Auch Emma kann es kaum fassen, dass sie da einer liebevoll und zärtlich ansieht: „Ein Mensch. Nicht gedacht, nicht geträumt. Ein wirklicher echter Mensch mit Haut und Knochen, Haaren, Schweiß, Atem, Wärme. […]“ Schlagartig spürt sie, wie groß ihre Einsamkeit war. „Sie war so einsam gewesen, dass es im Hals gebrannt hatte bei jedem Wort, das sie an die Tiere gerichtet hatte.“ Endlich, endlich macht sie eine Gegenerfahrung zu dem, was das Leben ihr bislang geboten hat.

Die Angst vor dem Tod und einem schmerzvollen Sterben schnüren Max die Kehle zu. Emma weiß, dass ihrer Liebe abverlangt wird, ihn gehen zu lassen. Mehr noch: ihn durch ihre Hand in den Tod gehen zu lassen.
Als die Schmerzen und der Zustand von Max sich ins Unerträgliche steigern, überwindet sich Emma: „Da zückte Emma das scharfe lange Messer und schnitt endlich ohne zu zögern mit einer einzigen, schnellen, präzisen Bewegung Max‘ Kehle durch. Er schrie kurz auf, dann wurde er ruhig. Emma zitterte vor Furcht und Entsetzen. Sein Blut schoss aus der Wunde, sie hielt ihn fest. In Tränen aufgelöst zählte sie: ‚Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht.‘ Emma hatte solche Angst gehabt, dass er es anders empfinden würde als die Schweine. Eine solche Angst! Aber nun lag er still in ihren Armen, sein Blut rann auf den Steinboden und versickerte in den Platten.
Max hatte die Augen geschlossen. Emma schluchzte vor Kummer. Zittrig und elend sprach sie: ‚Danke, dass du bei mir warst, ich hab dich lieb, so lieb gehabt. Es tut nicht weh, siehst du? Ich hab’s dir doch versprochen, dass es nicht wehtut. Auf Wiedersehen, mein Max. Auf Wiedersehen. Mein Max, mein Max.‘“

Das teure Blut von Max, das Emma tränenüberströmt fließen sieht, lässt die beiden ein letztes Mal ihre lebendige und tragende Liebe erleben. Liebe, die mit Risiken rechnet, Liebe, die zerbrechlich und empfindsam ist und sich so verletzbar macht. Der Tod von Max singt vom Leben.
Am Ende bricht Emma in ein neues Leben auf – weit weg von ihren Schweinen und ihrem Bauernhof. Aufstehen und aufbrechen, wo der Tod ein Ende gesetzt hat.

Kostbar erkauft durch die Erfahrung von bedingungsloser und zärtlicher Liebe,
und davon, dass einer ihre gebrochenen Seiten ansieht.

An den Opfern und am Leiden nicht vorbeizusehen - daran werden wir heute erinnert.
Das Unfassbare und Verletzliche nicht glatt zu reden oder uns damit abzufinden – weil Gott sich nicht damit abfindet, sondern den Weg bis zuletzt mitgeht.
In seinen Händen sind auch die gehalten, die von der großen und gewalttätigen Welle weggespült wurden.

So groß und so zerbrechlich ist die Liebe Gottes, dass er sich an diese Welt riskiert. Dass er ein Opfer wird – und darin allen Opfern unserer Tage gleich.

Das aber ist nicht das Ende der Geschichte.
Am Ende steht die Erlösung aus dem, was uns an Leib und Seele tötet,
am Ende steht der neue Ruf ins Leben – allem Anschein zum Trotz.

Am Ende steht der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.