2. Sonntag nach Weihnachten 2013/14 (5. Januar)

Predigt von Prädikant i.A. Oliver Tag in der "Abendkirche in Providenz"

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
 

Unser Text für die heutige Predigt steht im Buch Prediger im 31. Kapitel, die Verse 1 bis 8. Ich lese aus einer Übersetzung von Jörg Zink:

Es hat alles seine Zeit
Und alles Tun unter dem Himmel hat seine Stunde.
Geborenwerden hat seine Zeit
Sterben hat seine Zeit,
Pflanzen hat seine Zeit
Und Ausreißen hat seine Zeit,
Töten und Heilen,
Einreißen und Bauen.
Weinen hat seine Zeit
Und Lachen hat seine Zeit,
Klagen und Tanzen,
Steine wegwerfen und Steine sammeln,

Umarmen und Getrenntsein,
Suchen und Verlieren,
Behalten und Wegwerfen,
Zerreißen und Nähen.
Schweigen hat seine Zeit
Und Reden hat seine Zeit,
Lieben und Hassen,
Streit und Frieden.

Liebe Gemeinde,

es gibt Texte in der Bibel, die uns über die Jahre unseres Lebens zu ganz besonderen Schätzen werden. Für viele von uns gehört der Psalm 23 dazu „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. Bestimmt auch die Weihnachtsgeschichte aus Lukas 20 „Es begab sich aber zu der Zeit“. Noch keine zwei Wochen ist es her, dass wir sie im Gottesdienst an Heiligabend hörten. Inzwischen ist das Neue Jahr angebrochen, und im heutigen Gottesdienst begegnet uns ein weiterer Schatz der Bibel, der mir besonders kostbar ist: Das alttestamentliche Gedicht Alles hat seine Zeit. Freilich liegt das nicht nur an der schlichten Schönheit seiner Verse. Sondern auch an der Eindringlichkeit, mit der hier vom Wesentlichen des Lebens gesprochen wird.

Schauen wir einmal dieses Gedicht näher an, worum geht es genau? Aus welchen Lebensbereichen sind die vielen Gegensatzpaar genommen, die uns im Text begegnen? Welchen Weg geht der Dichter?

Sieben Lebensthemen lassen sich erkennen, sie werden in diesem Gedicht über das Leben aneinander gereiht:

• Als erstes sein natürlicher Verlauf: vom geboren werden bis zum Sterben, vom Pflanzen bis zum Ausreißen;
• Als zweites die Gewalt, die in jedem Leben steckt und seine Wiedergutmachungs-versuche: Töten und Heilen, Einreißen und Bauen;
• Als drittes die Gefühle in der Tiefe der Seele: Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen;
• Als viertes seine Geschlechtlichkeit: Herzen und Aufhören zu herzen. Oder lyrisch-orientalisch ausgedrückt: Steine werfen oder sammeln, das sind hebräische Sprachbilder für männliches und weibliches Begehren;
• Als fünftes der Besitz: ihn suchen oder verlieren, ihn behalten oder wegwerfen;
• Als sechstes die Kommunikation miteinander: Schweigen und Reden, Kleider zerreißen aus Empörung oder Scham, und sie danach auch wieder zunähen;
• Und als siebtes Beziehungserfahrungen: Lieben und Hassen, Friede und Streit.

Dass in diesem Gedicht die sieben Themen des Lebens wohl geordnet in vierzehn Gegensatzpaaren nebeneinander zu stehen kommen, tut gut. Es fühlt sich so an, als wäre hier eine ausgleichende Gerechtigkeit am Werk, die dafür sorgt, dass am Ende doch alles ins Lot kommt:

Weil alles scheinbar gleich viel Zeit bekommt, erscheint alles gut. Aber wenn die genannten Begriffe konkrete Zeit bekommen, wenn sie gar von meiner eigenen Lebenszeit Zeit bekommen, dann wird es anders. Denn dann geht es plötzlich um mich: Wenn das Lieben Lebenszeit von mir bekommt, das Lachen und Tanzen oder das Herzen, da können wir nicht genug davon bekommen.

Aber wenn das Hassen Lebenszeit von uns bekommt, das Weinen und Klagen oder gar das Töten ... dann wird es schon schwieriger. Vielleicht müssen wir manche Begriffspaare für uns anders übersetzen, um sie zu verstehen.

Aufeinander zugehen hat seine Zeit – sich voneinander abwenden hat seine Zeit, Nähe hat seine Zeit, Distanz hat seine Zeit. Oder: Harmonie und Gleichklang hat seine Zeit, Wut und Agression empfinden hat seine Zeit, mich zuwenden hat seine Zeit, mich abgrenzen hat seine Zeit.

Aber wann ist die Zeit, zu streiten, wann ist die Zeit Frieden zu schließen? Vielleicht besteht die Kunst zu leben darin, herauszufinden, wann es Zeit ist, zu umarmen und wann es Zeit ist, getrennt zu sein. Und die zweite, genauso wichtige Kunst besteht darin, zu verstehen und zu akzeptieren, dass beide Pole zum Leben dazugehören, das Streiten und die Harmonie, das Klagen und das Tanzen.

Orgelmusik

Geborenwerden hat seine Zeit
Sterben hat seine Zeit.

Zeit – meine Lebenszeit. Wie erlebe ich Zeit? Wie kommt es, dass manche Zeit zäh vor sich hin fließt und wieder andere vorbeirauscht, dass wir uns wundern, wie schnell ein Tag, eine Woche, ein Jahr vorbei ist.

Wenn wir uns an Vergangenes erinnern, stellen wir fest: Lebenszeit, die wir eher eintönig empfunden haben, gar Zeiten von längerer Krankheit, schmelzen in unserer Erinnerung zusammen. Wir erinnern uns an nicht viel mehr, als dass wir krank waren. Eine Zeit voller Eindrücke und Begegnungen, eine interessante Reise zum Beispiel, bleibt in unserem Gedächtnis haften und wir erinnern uns auch nach Jahren an viele Details.

Thomas Mann hat in seinem Zauberberg-Roman beide Zustände, Zeit voller Ereignisse und Ereignislosigkeit, miteinander verbunden. Hans Castorp, ein reicher junger Hamburger, fährt in ein Lungensanatorium nach Davos, um dort einen Vetter zu besuchen. Schnell merkt er, dass die fremde Welt auf dem Berg, der Kurbetrieb mit seinen Ritualen eine merkwürdige Faszination auf ihn ausüben. So lässt er sich nur zu bereitwillig darauf ein, als ein Arzt ihm wegen einer Erkältung rät, seinen Aufenthalt zu verlängern. Hans Castorp beginnt, durch seinen immer länger werdenden Aufenthalt das Zeitgefühl zu verlieren. In der Ereignislosigkeit des Zauberbergs zählen weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern allein der immer gleiche Trott von Fieber messen, Essen, Liegekuren, warten, Tee trinken. Die Zeit scheint aufgehoben. Aus Castorps einst geplanten drei Wochen in Davos werden schließlich sieben Jahre.

Thomas Mann lässt Hans Castorp die dort erlebte Zeit aus der Erinnerung beschreiben und es fällt auf, dass die ersten Tage, als Castorp eine neue Welt entdeckt, auf drei Kapiteln ausgebreitet, die letzten 6 Jahre seines Aufenthaltes jedoch in nur zwei Kapiteln zusammengefasst sind. In einer Passage unter dem Titel „Exkurs über den Zeitsinn“ schreibt Thomas Mann „Große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein.“

Es gibt noch andere Orte, an denen Zeit vertrieben wird. Anstatt ins Sanatorium zu gehen können wir uns auch einen Abend lang durch die verschiedene Fernsehprogramme zappen oder den Abend surfend im Internet verbringen. In beiden Fällen werden in unserem Gehirn im Regelfall keinerlei Eindrücke haften bleiben und wir werden uns ein paar Tage später an nahezu nichts mehr erinnern, was wir an diesem Abend gesehen und erfahren haben.

Das führt zu der Frage: Was machen wir mit unserer Lebenszeit? Wie gehen wir mit all den Möglichkeiten des modernen Lebens um, Zeit zu vertreiben? Wie gelingt uns ein Tag, auf den wir am Abend zurückblicken können und das Empfinden haben: es war vielleicht nicht durchgängig, aber doch immer wieder, ein reicher, erfüllter Tag.

Ich denke, die Antwort darauf muss jeder und jede für sich selbst finden. Im Alltag fühlen sich viele von uns als von Terminen getriebene und vom Zeitstress gehetzte Wesen. Wie anders würde es sich anfühlen, sein Leben und seine Zeit immer wieder selbst gestalten zu können.

Vielleicht gelingt uns dies, wenn wir mehr auf den Rhythmus der Natur und unseres Körpers achten und unser persönliches Zeitgefühl für ernst und wichtig nehmen – nicht nur das von außen durch Uhr und Kalender vorgegebene.

Vielleicht gelingt es uns, wenn wir inmitten unseres Alltags mit seinen Aufgaben und seiner Geschäftigkeit Zeiten der Muße und der Ruhe schaffen. In Japan richten sich viele Menschen während des Tages Zonen der Langsamkeit ein, lassen sich Zeit, um einen Tee zu bereiten, trinken diesen Tee ohne Hast und im vertieften Gespräch – und anschließend geht es wieder an die Arbeit.

Schließlich: Einen anderen Umgang mit der eigenen Lebenszeit finden wir auch, wenn wir uns immer wieder vor Augen halten, dass wir diese Zeit geschenkt bekommen haben und dass es nicht in unserer Hand ist, wie lange unser Leben währt.

Alles hat seine Zeit, Geboren werden hat seine Zeit und Sterben hat seine Zeit.

Es liegt an uns, wie wir die Spanne dazwischen, wie wir unsere Lebenszeit gestalten, ob wir uns die Zeit vertreiben oder unsere Zeit erfüllen mit allem, was das Leben ausmacht, , mit Begegnung und Alleinsein, mit Arbeit und Muße, mit Ruhe und Lebendigkeit, mit Musik und Stille – alles zu seiner Zeit.

Noch einmal lese ich den Text von Hans Dieter Hüsch, der uns zeigt, wie wir mit diesem Geschenk Gottes umgehen können, wie es möglich ist, leicht und fröhlich zu leben ohne zu vergessen, dass unsere Lebenszeit eines Tages zu Ende ist.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin
in meinem kleinen Reich.
Ich sing und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich.

Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen.
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsal hält,
weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.