Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Hebräerbrief, Kapitel 11, die Verse 8 bis 10.
8 Durch den Glauben wurde "Abraham" gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme.
9 Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung.
10 Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.
Lebendiger Gott, segne unser Reden und unser Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!
1) Verhör in Karlsruhe
Schon eine halbe Ewigkeit dauerte das Verhör. Er saß im Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei in Karlsruhe. Sein Gegenüber hatte ihn viele Stunden lang mit Fragen gequält.
Sein Gefühl sagte ihm, das Netz um ihn zog sich zu.
Was hatte er getan? Er pflegte schon seit vielen Jahren die Freundschaft mit der jüdischen Gemeinde in Heidelberg. Er besuchte sie zur Pessachfeier und an anderen jüdischen Feiertagen in der Synagoge. An christlichen Festtagen, zu Weihnachten, zu Ostern, hatte er Vertreter der jüdischen Gemeinde zu den Gottesdiensten in die Heiliggeistkirche eingeladen.
Im November 1938 wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten angezündet, die jüdische Gemeinde war heimatlos geworden, Juden wurden immer offener schikaniert und verfolgt. Nun half er seinen Freunden verstärkt, beriet sie und unterstützte sie auch finanziell. Mit Geschick und Vorsicht verhalf er vielen, vermutlich Hunderten von Juden, zur Ausreise. Das alles stand unter Strafe. Es konnte Verhaftung, Konzentrationslager und Tod für ihn bedeuten.
Er wusste das alles, denn er stand fest im Leben – und fest im Glauben. Also hielt er dieses lange Verhör wie schon so viele Verhöre davor ruhig und gefasst durch. Irgendwann wusste der Gestapo-Beamte nicht mehr, was er fragen sollte. Er blätterte in seinen Unterlagen. Er blickte auf und fragte den Verhörten: „Was sehen Sie mich so an?“ Dieser antwortete: „Sie tun mir leid!“ „Warum das?“ fragte der Beamte erbost und betreten. „Weil Sie einen so schrecklichen Beruf haben.
Menschen schinden zu müssen, wie Sie mich heute geschunden haben – da müssen Sie mir leid tun.“ Mit hochrotem Kopf verließ der Gestapo-Mann das Zimmer, kehrte ohne Akten zurück und sagt zu ihm barsch: „Gehen Sie!“
2) Ein Baum für Hermann Maas
Hermann Maas – diesen Namen habe ich vor ungefähr 20 Jahren zum ersten Mal gehört und gelesen. Wir waren auf einer Studienreise der Pädagogischen Hochschule in Israel und besuchten Yad Vashem, die Gedenkstätte für die ermordeten Juden, unweit von Jerusalem. Es war ein heißer Tag im September, wir hatten, gemeinsam mit unseren beiden Theologie-Dozenten schon vieles gesehen, was uns betroffen und fassungslos machte. Von einem Raum, in dem mit 6 Kerzen, tausenden von Spiegeln und vielen, vielen Fotos an die ermordeten Kinder erinnert wurde, gingen wir hinaus ins Freie, vom Licht geblendet und schweigend.
Professor Jörg Thierfelder, einer unserer Dozenten, führte uns in einen Garten, der voller Bäume stand. Am Tor war zu lesen: „Garten der Gerechten unter den Völkern“. Für alle Menschen, die sich für verfolgte Juden eingesetzt hatten, war ein Baum gepflanzt. Unsere Betroffenheit und Niedergeschlagenheit wich etwas, denn wir sahen: Es waren viele, viele Bäume, die dort gepflanzt waren, es gab also viele Menschen, die in diesen dunklen Jahren den Juden beigestanden hatten.
An einem Baum blieb Professor Thierfelder stehen, wartete, bis wir alle beisammen waren und sagte dann: „Dieser Baum ist der erste, der für einen Deutschen gepflanzt wurde. Dieser Deutsche war Hermann Maas, der Pfarrer der Heidelberger Heiliggeistkirche.“ Noch einiges erzählte er uns über Maas und schloss dann, soweit ich mich erinnere, mit den Worten: „Für mich ist Hermann Maas ein Vorbild, wie man als Christ und Mensch glaubwürdig lebt.“
3) Abrahams Aufbruch
Vorbilder im Glauben und im Leben. Menschen, die sich auf der festen Grundlage ihres Glaubens auf den Weg machen und auf das Wort Gottes und auf seine Verheißung hören. Menschen wie Abraham, von dem es in unserem Predigttext heißt: „Durch den Glauben wurde er ein Fremdling in dem verheißenen Land.“
Liebe Gemeinde, wenn Sie auf die Lebensgeschichte von Hermann Maas schauen, dann sehen Sie, dass auch Hermann Maas sich oft als Fremdling gefühlt haben muss, so oft wie er für sein Glauben und für sein Handeln angefeindet wurde. So hat Maas einmal gegenüber einem Vertrauten bekannt: Ich liebe im Exil.
Leben wie ein Fremdling im eigenen Land – so zieht sich der Bogen unseres Glaubens von den Urzeiten Abrahams bis heute, ins 20. und 21. Jahrhundert.
Sie erinnern sich vielleicht: Abraham hatte, gemeinsam mit seiner Frau Sara alles aufgegeben: sein schönes Haus, seine Besitztümer, seinen Freundeskreis. Er war aufgebrochen, ohne zu wissen, wie und wo die Sache endet. „Er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme.“
Ich stelle mir vor, wie Abraham mit seiner Sippe morgens aufbrach, die Zeltplanen einrollte und auf den Rücken der Kamele packte. Er konnte nur hoffen, dass sie unterwegs nicht von Räuberbanden überfallen wurden. Er konnte nur hoffen, dass er abends einen guten Lagerplatz für seine Familie und für die Tiere finden würde.
4) Durch den Glauben
Wie hat das Abraham nur gemacht, frage ich mich. Was gab ihm dieses unerschütterliche Vertrauen, dass er auf einem guten Weg ist? Dass er und die Seinen irgendwann im verheißenen Land ankommen werden?
Die Antwort findet sich am Anfang des Predigttextes: „Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam!“ Ehrlich gesagt: Ich störe mich an dem Wort „gehorsam“, aber wenn ich über dieses Wort nachdenke, merke ich: in diesem Wort „gehorsam“ steckt auch das „Hören“.
Abraham war ein Hörender, er hatte die besondere Gabe, das zu hören, was Gott ihm sagte. Im ersten Buch Mose lesen wir: Gott sprach zu Abraham:„Geh in ein Land, das ich dir zeigen werde!“ Und Gott gibt ihm noch einen zweiten, wunderbaren Satz mit auf den Weg: „Du sollst ein Segen sein!“ Welch eine Verheißung! Abraham konnte dies hören, weil er tief im Glauben an Gott verwurzelt war.
5) Was heißt Glauben?
Im Glauben an Gott verwurzelt sein, was heißt das eigentlich? Was macht der Glaube mit uns? Ich glaube an Gott, das heißt ja zunächst, ich bin mit ihm verbunden.
Ich bin rück-gebunden an Gott, so könnte man das lateinische re-ligio übersetzen. Ich bin Gott nah, und das ist mein Glück, so sagt uns die Jahreslosung.
Was meint Glaube noch? Das 11. Kapitel des Hebräer-Briefes wird eingeleitet mit den Worten:
“Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Bei dem letzten Punkt möchte ich dem Verfasser des Hebräer-Briefes widersprechen: Glaube heißt Nichtzweifeln? Nein, das sehe ich anders. Für mich persönlich gehören Fragen und Zweifel unbedingt zum Glauben dazu, ich möchte sogar sagen: Zweifel ist der Sauerstoff, der meinen Glauben lebendig hält. Ohne, dass ich über Bibelstellen stolpere, ohne dass ich immer wieder kritische Fragen an das Wort Gottes stelle, würde mein Glaube starr und unbeweglich werden. Ja, auch das habe ich in meiner Ausbildung zum Prädikanten gelernt:
An einer Bibelstelle zu zweifeln, manchmal fast zu verzweifeln, auch das gehört zum Schreiben einer Predigt dazu.
Das Wort „Nichtzweifeln“ kann ich jedoch auch so verstehen, dass meine Rückbindung an Gott so stabil und lebendig ist, dass sie das alles aushält: Fragen und Skepsis, Zweifeln und auch mal das Verzweifeln.
6) Glauben – ein Denkverbot?
„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ „ Was ich nicht sehe, das glaube ich nicht!“, so reden viele Menschen, die Glauben und Wissen als Gegensätze begreifen. Christoph Markschies, Kirchenhistoriker und Rektor der Berliner Humbold-Universität, wurde einmal in einem Interview gefragt, ob für ihn der Glaube mit einem Denkverbot gleichzusetzen sei.
Seine Antwort gab mir den entscheidenden Hinweis, was der Glaube an Gott in uns bewirkt. Er sagte: „Glaube ist ganz gewiss kein Denkverbot. Er ist eine Begrenzung des Denkens und zugleich eine Entgrenzung. Er begrenzt ein Denken, das bloß auf diese Welt bezogen ist. Luther nannte diese Begrenzung die Verkrümmung des Menschen in sich selbst. Gleichzeitig ist der Glaube eine ungeheure Entgrenzung, weil das Denken des normalerweise auf sich selbst bezogenen Menschen nun auf den Nächsten und auf Gott gerichtet wird. Glaube hilft also, weiträumiger zu denken."
Glaube hilft, weiträumiger zu denken; das, liebe Gemeinde, ist der ungeheure Gewinn, den wir durch den Glauben an Gott erlangen. Dieser Glaube befreit mich aus meiner Enge und meiner Selbstbezogenheit.
Er lässt mich über den eigenen Tellerrand hinausschauen, er nimmt das Leben meiner Mitmenschen, ja, das Leben der ganzen Schöpfung in seinen Blick.
Der Glaube, so sagt uns der Psalmdichter, stellt meine Füße auf weiten Raum.
Abraham hat sich seinen Glauben nicht verdient. Er bekommt ihn von Gott geschenkt. Der Glaube senkt sich in sein Herz, weil er ein Hörender ist, weil er gehorsam ist, weil er sich öffnet für Gottes Wort.
7) Hermann Maas – Leben im Glauben und in der Liebe
Hermann Maas lebte im Glauben und in der Liebe. Was er tat, das tat er aus Leidenschaft und mit einem großen Herzen. Wie hingebungsvoll er sich um seine Konfirmanden kümmerte, wie persönlich und lebendig er zu Ihnen von Gott sprach, das berichtete mir vor drei Wochen eine ältere Dame, die von ihm konfirmiert wurde. Hermann Maas lebte im Glauben und in der Liebe – und er war ein Mensch voller Zuversicht und Hoffnung.
Wie durch ein Wunder, geschützt durch seine Gemeinde und bewahrt von Gott, überlebte er das Dritte Reich.
Noch viele Jahre wirkte er in Heidelberg, und vermutlich sind auch heute unter uns, liebe Gemeinde, Menschen, die Hermann Maas noch persönlich gekannt haben.
Ist das so? Darf ich Sie fragen: Wer von Ihnen hat Hermann Maas noch als Pfarrer oder Prälaten erlebt? ----
Vielen Dank! Sie werden sicher mit mir übereinstimmen, dass Hermann Maas und Mut machen kann, durch den Glauben und im Glauben zu leben.
Er macht uns Mut, immer wieder offen und empfänglich zu werden für das, was Gott uns sagen möchte.
Ich wünsche uns, dass wir uns wie Hermann Maas nach dem Vorbild Abrahams immer wieder auf den Weg machen können, dass wir auch steile Pfade mit ungewissem Ziel wagen können, im Vertrauen auf Gott, der uns führt und leitet – und der uns sagt: Ihr sollt ein Segen sein.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der halte unseren Verstand wach und unsere Hoffnung groß und stärke unsere Liebe.
Amen.
