Gründonnerstag 2014 (17. April, Providenzkirche)

"An einem Tisch mit Jesus Christus"

Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez

 
 
Tischabendmahlsfeier in der Providenzkirche
 
 
 
 

 

Als ganz unterschiedliche Menschen sind wir hier am Abend des Gründonnerstages in unserer Kirche zusammengekommen:
Die einen noch abgehetzt von einem anstrengenden Arbeitstag.
Andere, denen der Tag viel zu langsam verging, weil er ohne Höhepunkte blieb.
Manche, die selber glücklich sind und doch in der Karwoche das Leid der Welt an sich herankommen lassen möchten.
Andere, die selber unter den Lasten ihres Kreuzes stöhnen. Versammelt sind wir an diesem Tisch.

Wie einst die Jüngerinnen und Jünger Jesu mit ihren unterschiedlichen Lebensgeschichten. Keine Heilige, sondern Menschen mit ihren Gebrochenheiten und ihrem Versagen, mit ihrer Hoffnung und ihrer Sehnsucht.

Miteinander sitzen wir an einem Tisch, nicht weil wir uns dazu verabredet haben, sondern weil wir von ihm dazu eingeladen sind. So wie Jesus sich immer wieder zu Menschen an den Tisch gesetzt hat, weil er ihnen nahe sein wollte. Von einigen von ihnen werden wir im Laufe des Gottesdienstes hören.

Als Eingeladene, als Willkommene wollen wir miteinander den letzten Abend Jesu bedenken und als Gäste an seinem Tisch seine Gaben teilen, Brot und Wein. Ich wünsche uns dazu die Bereitschaft, mit leeren Händen vor ihn zu treten, um sie sich von ihm füllen zu lassen.

I. Nathanael: Hochzeit zu Kana

Die Meisten waren damals ja schon ziemlich betrunken und haben gar nicht gemerkt, was passiert ist. Aber ich habe es ganz genau mitbekommen. Die Diskussion zwischen Jesus und seiner Mutter. „Sie haben keinen Wein mehr“, hat Maria zu ihrem Sohn gesagt. Ich habe mich noch gefragt, was das denn soll. Schließlich war ja Jesus nicht der Gastgeber. Und dann seine schroffe Antwort: „Was geht es dich an, Frau, was ich tue?“
Was dann kam, darüber reden noch heute selbst Menschen, die von Jesus nichts oder wenig wissen. Er ließ die leeren Krüge mit Wasser füllen, und der Schankmeister teilte daraus köstlichen Wein aus.
Ein toller Gag?
Oder viel mehr das: Wer mit Jesus feiert, der geht nicht beschämt weg. Seine Fülle macht unseren Mangel wett. Die Brautleute wären bis auf die Knochen blamiert gewesen, wenn das Fest lange vor der Zeit geendet hätte. Dass Jesus da war, das war ihre Rettung.

Wenn ich heute Abendmahl feiere, dann muss ich nicht fragen: Bringe ich genug mit, um würdig an seinem Tisch zu sitzen? Genug Glauben, genug Verstehen, genug christliches Leben. Aus dem Wasser, das ich mitbringen kann, macht er den Wein der Freude. So, dass es für alle reicht. Keiner geht beschämt weg.

Lied: EG 347,1
Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ,
daß uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.

II. Johanna: Besuch bei Zachäus

Gerne habe ich ja nicht bei ihm gearbeitet. Schließlich habe ich mich dadurch unrein gemacht, dass ich im Haus eines Zöllners aus und ein gegangen bin. Aber als Witwe war ich froh und dankbar, dass ich mir damit meinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Ich hatte ja sonst niemanden, der für mich gesorgt hätte. Geredet habe ich natürlich nur das Nötigste mit ihm. Überhaupt, zum Reden hatte er eigentlich niemanden. Jedenfalls habe ich nie Gäste gesehen. Klar, wer wäre schon freiwillig zu einem Zöllner gegangen? In den Augen der Menschen in Jericho war sein Haus eine „No-Go-Area“.
Um so erstaunter war ich, als er eines Tages mit einem Gast nach Hause kam. Ich musste in Windeseile ein gutes Essen vorbereiten. Und dann hörte ich die beiden miteinander reden. Ich habe Zachäus zum ersten Mal lachen hören. Ganz laut. Aber auch weinen. Ganz lange.
Nach diesem Essen war er nicht mehr derselbe. Ich weiß nicht, was er mit Jesus so alles besprochen hat. Dabei sitzen durfte ich natürlich nicht. Aber ich glaube, dass er von Jesus das hören konnte, wonach er mit seinem ganzen Wesen gelechzt hat: Du bist auch ein Kind Abrahams. Du gehörst auch in die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Du bist nicht der letzte Abschaum.

Wenn ich heute Abendmahl feiere, dann muss ich mich nicht fragen: Gehöre ich eigentlich dazu? Bin ich Teil dieser Gemeinschaft? Nur eines braucht es: Sein Wort. Seine Einladung: Komm, nimm und iss.

Lied: EG 347,2
Ach bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert,
daß uns sei hier und dorte dein Güt und Heil beschert.

III. Petrus: Speisung der 5000

Da hatten wir uns aber kräftig geirrt! Wir hatten gedacht, dass wir die Verantwortung für diese vielen Menschen wieder los werden würden. Und mal ehrlich, da können Sie uns schon verstehen, oder? Mitten in der Wüste 5000 Männer satt zu bekommen, die Frauen und die Kinder gar nicht gezählt. Das war nach unserem menschlichen Ermessen ein Ding der Unmöglichkeit. Wir hatten es nur gut gemeint, als wir zu Jesus sagten: Lass sie gehen damit sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden. Wir haben ja zu erst gedacht, er macht sich über uns lustig, als er antwortete: Gebt ihr ihnen zu essen! Aber wie gesagt: Da haben wir uns kräftig geirrt!
Nach diesem unglaublichen Erlebnis in der Wüste habe ich all diese Männer, Frauen und Kinder, die mit uns satt geworden waren von fünf Broten und zwei Fischen, nach diesem unglaublichen Erlebnis habe ich all diese Menschen mit anderen Augen gesehen. Sie waren aus einer dumpfen Masse zu Brüdern und Schwestern geworden, mit denen ich geteilt hatte. Die von uns Jüngern erwartet haben, dass wir für sie da sind in ihrem Hunger. Und die wir nicht enttäuscht haben.

Wenn ich heute Abendmahl feiere, dann sehe ich in den Menschen, die mit mir feiern, Schwestern und Brüder. Für die ich Verantwortung trage. Ich sehe ihnen ins Gesicht und spüre: Wegschicken gilt nicht. Von der Gemeinschaft am Abendmahlstisch dürfen wir etwas erwarten. Nicht nur von Jesus. Auch von einander. Er will durch uns wirken. Licht bringen, Glanz in unsere Gemeinschaft.

Lied: EG 347,3
Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht;
dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

IV. Martha: Besuch Jesu bei Maria und Martha

Meine Güte, war ich sauer auf Maria! Nein, eigentlich war ich voller Neid, als ich ihr gelöstes, frohes und dadurch unglaublich hübsches Gesicht sah. Meines dagegen war angespannt, gerötet vom Kochen und Backen, verschwitzt und schlecht gelaunt. Am liebsten wäre ich geplatzt. Bin ich ja dann auch irgendwie. Habe Jesus angepflaumt: „Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen?“
Ich hätte mir am liebsten auf die Zunge gebissen, als ich das gesagt hatte. Aber da war es natürlich schon zu spät.
Zu spät? Nein, zu spät ist es nie, solange wir mit Jesus im Gespräch bleiben. „Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil gewählt, das soll nicht von ihr genommen werden.“
Worauf kommt es wirklich an im Leben? Wo stecke ich meine Energie, meine Lebenskraft und –zeit hin, die ich doch nicht unbegrenzt zur Verfügung habe? Bleibt mir denn noch Ruhe und Gelegenheit, mir darüber immer wieder neu klar zu werden? Im Gespräch mit Jesus?

Wenn ich heute Abendmahl feiere, dann genieße ich ganz bewusst dieses kleine Stück Brot, das ich in die Hand gelegt bekomme. Diesen einen Schluck Wein, den mir ein anderer Mensch reicht. Wenn ich das Brot ganz bewusst kaue. Diesen Schluck Wein genieße, dann spüre ich den Segen, der darin liegt. Für dich gegeben. Für dich vergossen. Mehr braucht es nicht. Nur meine Bereitschaft mir durch Jesus diese Gaben schenken zu lassen. Mit entspannter Miene. Froh, erwartungsvoll.

Lied: EG 347,4
Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr;
dein Gnad und alls Vermögen in uns reichlich vermehr.

V. Maria Magdalena: Geschichte vom großen Gastmahl

Wollt ihr noch meine Geschichte hören? Ich mache es kurz. Ich war dabei, als Jesus das Gleichnis vom großen Gastmahl erzählt hat. Von einem Fest, das nicht stattfand, weil alle, die eingeladen waren, etwas Besseres vor hatten. Und das dann doch noch ein Fest wurde, als all die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen an der festlich gedeckten Tafel Platz nahmen.
Mir fiel es nicht schwer, dieses Gleichnis fröhlich zu hören. Schließlich hatte ich es ja selber erlebt. Dass Jesus sich mit mir abgegeben hat, ja, mehr noch, als seine ständige Begleiterin um sich hatte, das war doch genauso ver-rückt, wie dieses Gastmahl, von dem er in dem Gleichnis erzählt.

Wenn ich heute Abendmahl feiere, dann habe ich immer ein bisschen Mitleid. Mit denen, die sich nicht einladen lassen wollen. Die etwas Besseres vor zu haben meinen. Und dann weiß ich, dass wir nicht aufhören dürfen, von Jesus zu erzählen. Und durch unser Leben ausstrahlen, was er in uns wirkt. Mein Leben hat er damals ganz und gar verändert. Keinen Menschen soll es geben, der nicht wenigstens davon gehört hat: Ich bin von ihm eingeladen. Mich will er bei sich haben. Für mich ist er in diese Welt gekommen.

Lied: EG 347,5
Ach bleib mit deinem Schutze bei uns, du starker Held,
daß uns der Feind nicht trutze noch fäll die böse Welt.

 

Dankgebet und Fürbitten

Gesättigt und erfüllt von guten Gesprächen wenden wir uns noch ein Mal an Dich, der du uns all das geschenkt hast. Wir danken dir, dass wir dieses Sakrament haben als die Kraftquelle, die nicht versiegt. Weil du selber die Kraft bist, die wir in ihr erfahren.
Und wir bitten dich für alle Menschen, die sich noch nicht haben einladen lassen. Lass ihnen Menschen begegnen, die nicht aufhören, für dich zu werben. Mit ihren Worten und ihrem Leben.
Lass uns alle einladend sein mit dem was wir sagen und dem, was wir tun. Hilf uns, von der Freude des Abendmahls auszustrahlen.
Und wir bitten dich für alle, die wie du, Jesus, einsam und verzweifelt sind in dieser Nacht. Rühre du ihr Herz an.
Für alle, die sich verraten und verkauft vorkommen. Sei ihr Trost-
Für alle, die mit dem Tode rechnen müssen. Stärke sie mit deiner Kraft.
Für alle, die andere dem Tode ausliefern. Wende ihr Herz.
Du, unser Du, heute, morgen und in Ewigkeit.

Amen.