
Liebe Gemeinde,
seine Gedanken kreisen immer und immer um den Duft, den Geschmack, die Wärme des dicken Brotstücks. Wie endlos streicht er in Gedanken über die knusprige Kante und genießt die feine Krume. In seinen Hungerträumen schreibt er Speisekarten, Menüfolgen: in allen Kleinigkeiten erfüllen sie ausgefallenste Wünsche, sind vielfältig in Geschmacksnuancen. Wie würde er die Menükarte verzieren, ausschmücken, ...und dann: welche große Überschrift würde er wählen? Festmahl anlässlich ... des 25. Geburtstages? Vielleicht seines 25. Geburtstages? Wenn er ihn erreichen wird? Nein, oder diese Überschrift: In großer Freude laden wir ein zum Hochzeitsessen von.... ja, ...von wem? Wer ist er denn noch? Sein Name? Den Klang seines Namens hört er weit weit entfernt. Immer weiter weg rückt er, wird leiser. Er will ihn nicht verlieren. Er will gerufen werden. Aber hier wird sein Name eingetauscht: in eine Zahl. Eine fünfstellige Zahl: „27956“. Sie ist ihm eingebrannt wie das Gefühl, das alles beherrscht. Es verschlägt ihm die Sprache. Es entfärbt sein Leben. Es verschluckt die Farben in seinem Leben. Dieses Gefühl umfasst ein Wort. Es schlottert an dem Menschen, ragt in sein Leben hinein. Es wirkt sich ganz auf ihn aus, auf sein Denken, nimmt ihm die Worte, die es nicht fassen können; es hält ihn gefangen, droht seinen Blick zu leeren und macht sein Schweigen nur noch für ihn hörbar laut. Ein Wort , genau genommen sind es sechs Buchstaben, schlottert an ihm: es heißt HUNGER! Hunger! Hunger: das sind seine körperlichen Schmerzen, Fantasien, große Schwäche. Hunger: das ist seine Angst. Und dann gehört die Scham dazu; und die Wut, und seine Erniedrigung, und seine Ohnmacht. Hunger, - gewaltiger Hunger, bringt einen Menschen an die Grenzen – und darüber hinaus. Hunger will einen Menschen verschlingen. Macht den Blick leer. Die Sprache ist für solche Grenzerfahrungen zu klein. Wie so oft von Gewalterfahrungen nicht geredet werden kann.
Liebe Gemeinde, die Geschichte dieses Menschen berührt mich sehr. Die Geschichte eines Menschen: von ihm weiß ich keinen Namen. Nah kommt er mir mit seinem leeren Blick und mit seinem stummen Schrei. Hier muss ich mich entscheiden: will ich mich einfühlen, es versuchen? Oder ist das alles doch zu hart, zu schwer, unerträglich. Und ich gehe den kleinen Schritt weiter, zur nächsten Vitrine, zur nächsten Information.
Wir sind zusammen hier: mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden in Neckarelz in der Konzentrationslager-Gedenkstätte. 1944 ist das Lager entstanden. Eine kriegswichtige Fabrik wurde nach Obrigheim am Neckar verlagert. Ziele der Alliierten Bombenangriffe waren verstärkt Industrieanlagen. So wurde das Daimler-Benz-Flugzeugmotorenwerk Genshagen bei Ludwigsfelde (20 km südlich von Berlin) unter die Erde verlegt. Als neuer Standort war die Gipsgrube bei Obrigheim am Neckar ausgewählt. Das Projekt erhielt den Tarnnamen „Goldfisch“. Zwangsarbeiter- , Menschen, nach den NS-Rassekriterien wurden sie als „Menschenmaterial“ für die Produktion in der Rüstungsindustrie schändlichst missbraucht.
Ich frage mich: mit welchem Erschrecken sieht Gott seine Welt an? Wenn „Erd und Abgrund noch so brummen“, wie wir im Lied gesungen haben? Wie tief reicht sein Schmerz um uns? Und trotzdem? Gerade dahin beugt sich Gott, neigt sein Ohr, nimmt wahr, ruft jeden einzelnen Menschen bei seinem Namen. Unvergesslich. Hörbar bis in Ewigkeit. Findet die versteckten Wörter, die zynischen Verbindungen mit dem Wort „Arbeit“. Und nimmt sie auf, auch hier an unserm Altar. Manche Wortverbindungen erschrecken mich. „Arbeitslager“. Am Altar, in der aufgeschlagenen Bibel, finden wir die Worte des Lebens. Sie teilen sich in unser Leben. Sie sind offen, und so verletzlich wie sich Gott uns austeilt, unser Leben teilt. Bis an die Grenze des Todes und tiefer und weiter darüber hinaus.
Gott macht Halt bei uns, bei Jedem und Jeder von uns. Auch hier überschreitet er eine Grenze, und er kommt uns ganz nah. So nah, wie eine Mutter ihrem Kind ist. Wenn sie ihr Kind versorgt: mit allem, was es zum Leben braucht. So nah ist Gott, bei unseren kleinen und größeren Schritten im Glauben und Vertrauen. So sehr brauchen wir ihn, unser Lebensbrot, wenn wir weinen um einen Menschen, wenn wir trauern um alle, die nicht überleben in der Not;
wenn wir erschrecken über Menschen, die anderen ihre Würde nehmen wollen, die andere mit allzu einfachen Antworten blenden.
So sehr brauchen wir Gott, ganz nah; er läuft nicht davon beim ersten Geruch des Schreckens. Wir brauchen Gott, Lebensbrot. In unserem Predigttext steht es: im Johannesevangelium, im 6. Kapitel (55-65):
55 Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. 56 Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm. 57 Wie mich gesandt hat der lebendige Vater und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. 58 Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. 59 Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.
60 Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? 61 Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß? 62 Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war? 63 Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. 64 Aber es sind etliche unter euch, die glauben nicht. Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. 65 Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben.
Da ist er wieder: der Hunger. Hier ist es der Hunger nach dem Leben, nach dem Sinn. Dieser Hunger bleibt. So bleiben wir aufmerksam. In Beziehung zu der Quelle unserer Nahrung. Gott gibt den Kindern Israels in der Wüste Manna für einen Tag. Immer wieder für einen Tag. Nur am Schabbat ruhen sie und bekommen Manna für zwei Tage.
Wach und angewiesen sind wir durch unseren Hunger nach Lebensbrot auf Gottes Wort, auf seine Nähe in Jesus Christus. Wach bleiben wir so. Angewiesen auf den nährenden Christus, gewöhnen wir uns nicht an tägliches Elend. Daran, dass Menschen töten und verletzen. Selbst angewiesen auf Nahrung, fragen wir uns: was brauchen Menschen zum Leben auch von uns?
Jesus verspricht uns, dass wir ewiges Leben haben werden, wenn wir ihn, das Brot des Lebens, zu uns nehmen. Wie können wir uns diese Verbindung von Leben und Brot vorstellen?
Oskar Pastior, ein Freund der Autorin Herta Müller, erzählt: als junger Mann aus Siebenbürgen wird er für fünf lange Jahre in den Lagern Stalins inhaftiert. „Du wirst zurückkehren“, prophezeit ihm seine Großmutter, als ihn die Soldaten abholen. Jeder Tag ist ein Versuch, gegen den Hunger zu überleben, den „Hungerengel“, wie er ihn nennt. Eines Tages tauscht er in einem Dorf ein Stück Kohle für einen Teller Suppe. Eine Frau verköstigt ihn in ihrer Stube. Sie hat auch einen Sohn, - irgendwo in ein Lager verschleppt . Sie hofft: eine mitleidige Seele würde auch ihrem Sohn etwas zu Essen geben. Sie schenkt dem Jungen ein Taschentuch. Ihm läuft von der heißen Suppe die Nase. Es ist aus weißem Leinen mit einem handgestickten Rand. Für den Jungen wird dieses Taschentuch zu einer Kostbarkeit. Das Geschenk verschmilzt für ihn mit der Prophezeiung seiner Großmutter: „Du wirst freikommen.“ Jesus, - das Brot, - das Leben: - eine greifbare Verbindung. Sichtbar, wie das Material des Taschentuchs. Aber: Das Brot allein nützt nichts! So wie auch das Taschentuch für sich nichts nützt. Jesus sagt: „Die Geistkraft macht lebendig, die Materie nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesagt habe, sind Geistkraft und sind Leben.“
Wir hungern nach Leben, nach Hoffnung für diese Welt, für die Menschen, die Opfer von Anschlägen und Attentaten, von Kriegen und sinnlosem Tod geworden sind. Wir hungern nach Hoffnung für unsere Welt. Die Gedanken kreisen immer und immer um den Duft, den Geschmack, die Wärme des Brotstücks. Lebensbrot Christi verbindet uns miteinander: Lebensbrot sehen, schmecken, riechen, erfahren. Was heißt Leben - in Höhen und Tiefen? Christus verspricht: ich bin bei euch, wenn euch schwer ums Herz ist und ganz leicht und hell, ich bin bei euch im Leben und im Sterben, und darüber hinaus. -Euch ganz nah.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen
