16. Sonntag nach Trinitatis 2016 (11. September, Heiliggeistkirche)

Sommerliche Predigtreihe "Personen der Ökumene"

- Philip Schaff: Evangelische Katholizität -

Pfarrerin Dr. Gesine von Kloeden, Landeskirchliche Beauftragte für Mission und Ökumene

Einleitung zur Epistel
Wir hören gleich eine Epistel, die in Philip Schaffs Leben eine besondere Bedeutung hatte. Dafür möchte ich Ihnen zuerst etwas aus seinem Leben erzählen.
Sein biographischer Leitsatz war: „Ich bin von Geburt aus Schweizer, von meiner Bildung Deutscher und freiwillig ein Amerikaner.“ Dieser Mann von Welt, der tatsächlich erst in Amerika Berühmtheit erlangte, wurde 1819 in der Schweiz in der Stadt Chur unter nicht gerade günstigen Bedingungen geboren. Seine Eltern waren arm; der Vater, der noch bei seinen Eltern lebte, leugnete die Vaterschaft. Die Mutter Anna war vor dem Mann, mit dem sie offiziell verheiratet war, nach Chur geflüchtet, wo sie schwanger wurde, ohne in der Stadt registriert zu sein: sie war also innerhalb der Schweiz ein illegaler Flüchtling, lebte ohne gültige Papiere in bitterer Armut. An welchem Tag der kleine Philip geboren wurde, wusste sie später nicht mehr. Er selbst hat seinen Geburtstag als Erwachsener auf den 1. Januar gelegt. Weil es praktisch ist und das Jahr ja auch stimmte, vielleicht auch, weil dies der Geburtstag des großen Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli ist. Da Philips Mutter des Ehebruchs schuldig gesprochen wurde, musste sie Chur verlassen. Philip wurde von einer gewissen Familie Heusser betreut. Meta Heusser war keine andere als die Mutter von Johanna Spyri, der Autorin von „Heidi“. Vielleicht hat Philip Schaff, der später einen dicken Band zur Kirchengeschichte und zur Bibel nach dem anderen geschrieben hat, hier das Schreiben entdeckt, um sein Leben zu bewältigen. Zudem wurde ein Pfarrer auf sein Talent aufmerksam und schickte den Jungen aufs Gymnasium. Dafür gründete er eigens eine Stiftung zur Begabtenförderung, denn ohne die hätte ein Kind wie Philip niemals ein kantonales Gymnasium besuchen dürfen und finanzieren können. Auch hier fiel Philips Begabung auf, aber auch sein schwieriges Sozialverhalten. Mit 12 flog er von der Schule. Aber wieder half ihm seine Begabung: Man schickte ihn auf das schon damals berühmte Internat in Kornthal bei Stuttgart, wo er recht bald das Abitur ablegte. Natürlich geriet er hier unter pietistische Einflüsse und hatte auch, wie es damals nahezu üblich in diesen Kreisen war, ein Bekehrungserlebnis. Er versprach, sein Leben in Gottes Dienst zu stellen und begann ein Theologiestudium in Tübingen, wo er unter anderem die Dialektik Hegels kennenlernte. Hegel - Sie erinnern sich: das war der mit der These, Antithese und Synthese. Dies wird in Schaffs Theologie über die Entwicklung der Kirche eine entscheidende Rolle spielen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Halle, wechselte er nach Berlin, wo er die sog. Vermittlungstheologie entdeckte. Sie vermittelte zwischen Pietismus und Aufklärung, zwischen den Epochen der Kirchengeschichte als Pendelausschläge ein und derselben Bewegung und zwischen Reformierten und Lutheranern, und schließlich auch zwischen dem evangelischen und katholischen Glauben. Und da kam die Hegelsche Dialektik Schaff wieder zugute: Vereinfacht gesagt: für Schaff bildete die einheitliche katholische Kirche eine These. Die Reformation mit ihren vielen Ausprägungen von den frühen Waldensern und Hussiten über das Luthertum und die Schweizer Reformatoren bis hin zu den Täufern stellten für Schaff eine Antithese dar. Er bezeichnet die Reformation später als „legitimate offspring“, also als legitimen „Seitensprung“ (eigentlich „Nachkommen“; „Seitensprung“ ist die deutsche Formulierung, die Schaff selbst benutzt) der katholischen Kirche. Und daraus sollte ein neues Christentum entstehen, in dem die besten Eigenschaften der katholischen Kirche und die besten Errungenschaften der Reformation zu einer Synthese verschmelzen sollten. Und dies, so meinte Schaff, würde in Amerika passieren, wo alle diese Konfessionen aufeinandertreffen: Evangelische Katholizität. So erreichte Schaff nach dem Studium, das er mit Auszeichnungen abschloss, der Ruf als Lehrer nach Amerika. Dort gab es in dem kleinen Ort Mercersburg in Pennsylvania ein Theologisches Seminar, an dem er Lehrer werden sollte. Schaff zögerte nicht. Er hielt eine Abschiedspredigt und wählte dafür genau den Text, den wir heute als Epistel hören:
 

Epistel: Apg. 16,9-10
Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: „Komm herüber nach Mazedonien und hilft uns!“ Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.

Amerika war für Schaff das neue Mazedonien und er sehnte sich danach, an diesem Ort, an dem durch die Einwanderer so viele Konfessionen aus der alten Welt aufeinander stießen, eine ökumenische Theologie zu entwickeln. Dass Amerika gut 150 Jahre später genau heute auf den Tag von den furchtbaren Terroranschlägen heimgesucht wurde, hätte Schaff sich nicht vorstellen können. Aber wir können rückblickend verstehen, dass gerade dieser Kontinent, auf dem für viele Menschen im 19. Jahrhundert die Hoffnungen einer ganz neuen Welt ruhten, für Fundamentalisten ein Ort der Anfechtung werden würde. Je mehr Amerika ein Zukunftsträger wurde und seine Türme am Himmel kratzten, desto mehr konnte es zum Angriffsziel für alle werden, deren Horizont nicht weit genug war und die die neue Welt als Bedrohung erlebten. Wir singen im Gedenken an alle, die am 11.9.2001 in Amerika ihr Leben verloren, das Lied:
Lied: „Da wohnt ein Sehnen…“

Lesung: Evangelium aus Mt 10, 40-42:
Jesus Christus spricht: Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, der wird den Lohn eines Propheten empfangen. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, der wird den Lohn eines Gerechten empfangen. Und wer einem dieser Geringsten auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: Es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.


Liebe Gemeinde,

nie hätte Schaff selbst sich als Prophet oder Gerechter bezeichnet, aber als er nach Amerika kam, wurde er, das ehemalige uneheliche Flüchtlingskind dort endlich aufgenommen und fand eine neue Heimat. Aber dies ist nicht der Grund, warum ich uns dieses Evangelium für heute ausgewählt habe. Sondern es birgt einen Eckpfeiler dessen, was Schaff mit Evangelischer Katholizität meint.

Um es gleich vorwegzunehmen, wie Evangelische Katholizität funktioniert:

  • Evangelisch sind alle Kirchen auf der ganzen Welt, die sich auf das Evangelium von Jesus Christus beziehen, also auch die katholische Kirche ist evangelisch.
  • Und katholisch sind alle Christinnen und Christen, die daran glauben, dass die Liebe Gottes die ganze (griechisch „katholos“) Welt umfasst und auch bis in den letzten Winkel dieser Erde dringen und im tiefsten Elend wirken kann.

Evangelische Katholizität ist die Botschaft von Jesus Christus in der Welt. Das hat Philip Schaff ausbuchstabiert.

Dafür kehren wir in Gedanken zurück nach Mercersburg an das Seminar, an dem Schaff lehrte.
Wie bereits erwähnt hatte Schaff sowohl die Dialektik Hegels im Gepäck als auch die Vermittlungstheologie. Er fing an, in großen Zusammenhängen zu denken: Die Ausbreitung des Christentums von den Anfängen der Apostelgeschichte bis nach Amerika spiegelt für Schaff die Entwicklung des Heiligen Geistes: Zuerst war da nur eine kleine Schar, die das Evangelium von Jesus Christus bewahrte. Aber dann wollte diese Botschaft auf immer neue Weise Ausdruck finden und verkündigt werden. Schaff benutzte dafür das in der Romantik viel strapazierte Bild von der Pflanze: Zuerst war da nur ein kleines Samenkorn. Aber dann fing die Pflanze an, einen Stängel und Blätter zu treiben. Ihre Zweige breiteten sich aus. Schaff, der mehrfach nach Israel und in den Libanon reiste, wählte dafür das Bild der Libanon-Zeder. Wer jemals so eine riesige Zeder gesehen hat, weiß, wie stark sie nicht nur in die Höhe wächst, sondern vor allem in die Breite. Und deshalb trifft sie besonders gut, das, was Schaff mit der Ausbreitung des Christentums sagen wollte.

Vom heutigen Standpunkt aus hat das Bild natürlich auch Schwächen. Es tut so, als gäbe es einen Stamm, von dem aus sich das Christentum ausgebreitet habe. Der Kirche Roms und auch später den reformatorischen Kirchen war irgendwie klar, dass dieser Stamm natürlich das europäische Christentum war, das durch Mission und Ökumene in die Welt getragen wurde. Aber das ist natürlich falsch: Das Christentum kommt nicht aus Europa, sondern aus Kleinasien und Nordafrika, und eine der ersten christlichen Gemeinden entstand in Indien, also weit weg von uns. Philip Schaff, zwar noch ganz dem Gedanken des europäischen Christentums verhaftet, ahnte aber schon mit seinem Bild der Libanon-Zeder, dass die Ausprägung des Christentums sich weit verzweigt, ja sogar den Stamm verschwinden lässt hinter den mächtigen Zweigen. Vielleicht würde er heute noch einen Schritt weitergehen und sagen: Überall auf der Welt hat das Christentum eine Saat gesät. Und aus jedem Samenkorn geht eine eigene Pflanze hervor, die ihre eigenen Blüten treibt, sei es nun in Europa, Amerika oder Asien. Denn Schaffs Bild vom pflanzlichen Organismus orientiert sich nicht nur an der linearen Kirchengeschichte: So als ob sich die Kirche aus dem kleinen Samenkorn immer nur zeitlich weiter entwickelt hat. Sondern Schaff begreift den Organismus der Kirche auch als einen, der sich in die Breite entwickelt. Der sich immer neu ausprägt, der lebendig bleibt, und in dem die unterschiedlichen Konfessionen nicht aus der einen katholischen Kirche hervorgebrochen sind, sondern gleichberechtigt nebeneinander wachsen und blühen dürfen. Und das war seine Idee für die vielen Konfessionen in Amerika. Dass dort aus den Konfessionen ein ganz neues Gebilde entsteht, ein Zusammenleben und Wirken der Konfessionen, wie es im alten Europa mit seinen Verkrustungen nicht mehr möglich war: Die Idee, die Konfessionen miteinander zu versöhnen, hielt Schaff in Europa für undenkbar. Aber Amerika war neu: Die Auswanderer brachten jeder ihre eigene Konfession mit dorthin und gleichberechtigt existierten sie dort nebeneinander. Gleichermaßen evangelisch, am Evangelium orientiert und katholisch: interessiert daran die Botschaft von Gottes Liebe auch in diese neue Welt zu tragen.

Zur Evangelischen Katholizität gehörte für Schaff ein Drittes und das zeichnete ihn gegenüber den übrigen Vermittlungstheologen und der Universitätstheologie in Deutschland aus: Schaff sagte: Die Kirche ist in Amerika ein lebendiger Organismus, der nicht nur eine Idee ist, nicht nur geglaubt wird, sondern die Kirche ist sichtbar. Die Gemeinschaft der Konfessionen bildet nicht eine unsichtbare Einheit, sondern die Kirche Jesu Christi gewinnt in Amerika eine sichtbare Gestalt. Der Leib Christi setzt sich in der Kirche sichtbar fort. Das Bild von der Kirche als sog. Christus prolongatus, fortgesetzter Leib Christ, das später in der Ökumene und auch von Dietrich Bonhoeffer immer wieder aufgenommen wurde, hat Schaff geprägt. Und damit sind wir wieder bei unserem Evangeliumstext: Christus spricht: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf.“ Oder mit anderen biblischen Worten: „Was ihr einem dieser geringsten Brüder getan habt, das habt ihr an mir getan.“ Das Leben in der Nachfolge Jesu, das Leben als fortgesetzter Leib Christi, das ist die Kirche zum Sehen und Wahrnehmen. Eine Kirche, die erkennbar ist an dem, was sie tut. Schaff hat dies buchstäblich in seinen Projekten umgesetzt:
Vor allem war er ja Kirchengeschichtler. Und so gab er als erstes eine mehrbändige Kirchengeschichte heraus. Aber nicht so, dass er die Kirchengeschichte aus protestantischer Sicht geschrieben hätte. Sondern an jedem dieser 13 Bände beteiligte er einen Wissenschaftler aus einer anderen Konfession. Dafür gründete er auch eine Gesellschaft für Kirchengeschichte, die übrigens bis heute existiert und in der Wissenschaftler aller christlichen Konfessionen mitarbeiten.

Dieselbe Idee verband sich mit der Bibelauslegung: Schaff hatte erlebt, wie die jeweiligen Konfessionen sich die Aussagen der Bibel zurechtlegten, um sich zu legitimieren: die katholische Kirche mit ihrer Berufung auf Petrus, die Sekten, die sich in Amerika immer mehr ausprägten mit einer Auswahl von biblischen Versen über die Taufe mit dem Heiligen Geist oder die Erwählung einiger weniger als Braut Christi. Also gründete Philip Schaff ein Komitee zur Herausgabe eines umfassenden Bibelkommentares zum Neuen Testament. Und auch in diesem Komitee fanden sich Vertreter aller Konfessionen und sogar damaliger sog. Sekten, die heute längst als anerkannte Freikirchen gelten.
Und ganz praktische Dinge tat er auch: Während des amerikanischen Bürgerkriegs merkte Schaff, dass die Not es erforderte, die Seminargebäude umzuwidmen. Aus dem Mercersburg Theological Seminary wurde ein Lazarett für verwundete Soldaten. Gleich der Nachbarort von Mercersburg ist das berühmte Gettysburg. Hier fand 1863 eine der großen Schlachten des amerikanischen Bürgerkrieges statt: Nachdem die Nordstaaten unter Robert E. Lee unter den Südstaaten, hinter denen Abraham Lincoln stand, geschlagen wurden, nahm das Mercersburg Seminary tausende Verwundete aus beiden Lagern auf. Schaff selbst stand Lincoln nahe und setzte sich mit mehreren seiner Schriften für die Abschaffung der Sklaverei, die er als Schande vor Gott sah, ein. Das Evangelium, das wir hörten, nahm Schaff wörtlich: „Wer einem dieser Geringsten auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, wahrlich ich sage euch: Es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.“

Kurz nachdem der Lehrbetrieb in Mercersburg wieder aufgenommen wurde, erhielt Schaff einen Ruf nach New York ans Union Seminary. Dort lehrte er nicht nur Kirchengeschichte, sondern übernahm auch den Vorsitz des New York Sabbath Comittees, einer Gesellschaft, die sich für die Feiertagsheiligung einsetzte. Wie sehr wünschen wir gerade heute Amerika, dass es zur Sabbatruhe, überhaupt zu Ruhe und Besonnenheit, gerade im aufgeheizten Wahlkampf, zurückfindet!

Und privat? Schaff heiratete bereits kurz nach seiner Ankunft in Mercersburg Mary Elizabeth Schley, mit der er ausschließlich Englisch sprach. Acht Kinder wurden in der Ehe geboren, aber nur drei überlebten. Die anderen fünf starben: eine Tochter durch Krankheit mit 18 Jahren, ein Sohn, als er mit 12 Jahren von der Leiter fiel, ein anderer erstickte mit drei Jahren, als er sich an einer Nuss verschluckte und zwei starben direkt nach der Geburt. Schaff setzte seinen Kindern ein Denkmal, indem er sich seinen Kummer von der Seele schrieb. Sein Buch „Our children in heaven“ zeugt von unaussprechlichem Leid, aufgehoben in einem tiefen Glauben, der sich aller Beurteilung von außen entzieht.

Ganz am Ende seines Lebens, in seinem Todesjahr 1893 nahm Schaff, teilweise nach einem Schlaganfall gelähmt und des Sprechens nicht mehr fähig, teil am Weltparlament der Religionen in Chicago. Er saß zwischen Buddhisten und Hinduisten, während sein Vortrag „Die Wiedervereinigung der Christenheit“ vorgelesen wurde. Von dem Miteinander nicht nur der christlichen Konfessionen, sondern nunmehr auch der großen Weltreligionen, war er zutiefst bewegt. Seine Idee, die gute Nachricht von der Liebe Gottes in alle Welt zu tragen, erfüllte sich auf ungeahnte und nahezu moderne Weise am Ende auch in diesen persönlichen Begegnungen mit Vertretern anderer Religionen.

Philip Schaff war ein echter Pionier der Ökumene:
Er war evangelisch und katholisch, und sein Glaube nahm über die Ozeane hinweg sichtbare Gestalt an.

Lassen Sie uns dies von ihm lernen und heute mitnehmen:

  • In jedem Menschen, der sich ans Evangelium hält, einen evangelischen Christen zu sehen.
  • In jedem, der daran glaubt, dass Gottes Liebe in der Welt wirken will, ein wahrhaftiges Mitglied der katholischen Kirche zu sehen.
  • Und zusammen dafür einzustehen, dass das Evangelium von Gottes Liebe sichtbar wird in unserer Welt.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.