Sonntag Okuli 2013 (3. März)

„Ganz bei Trost" - zur ersten Frage des Heidelberger Katechismus
Predigt - mit Zwischenrufen - im ZDF-Fernsehgottesdienst aus der Heiliggeistkirche im Rahmen des 450-jährigen Katechismus-Jubiläums

 
 
 
 

Zwischenruf

Also, bitte entschuldigt! Kaum ist man mal 450 Jahre weg …

Gestatten: Zacharias Ursinus, einst Pfarrer hier in Heidelberg!

Was hat sich die Zeit doch verändert! Eine Pfarrerin oder ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden hier vorne? Damals undenkbar! Und überhaupt! Was macht denn das Kruzefix und das Gestrüpp auf dem Tisch des Herrn? Allein die BIBEL sollte hier liegen, und sonst nichts! Und singen – das konnten wir auch ohne Orgel! Ihr Konfirmanden hättet sicher nicht vom Schönsein und Trinken geredet, sondern wie jeder hierzulande, alle 129 Fragen und Antworten aus meinem Heidelberger Katechismus auswendig gelernt!

Kurfürst Friedrichs III. hatte mich beauftragt, ihn zu verfassen, damit die Leute in Fragen des Glaubens Orientierung haben. Am Anfang steht die wichtigste Frage der Menschen meiner Zeit:
„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“
Ihr müsst wissen – Leid und Tod war unsere täglichen Begleiter.
Und die Antwort?
„Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus eigen bin…“

Mein Katechismus sollte aber auch Glaubensstreit beenden. „Was ist das Abendmahl und wer darf dazu kommen?“ Wegen solcher Fragen hatten sich die Leute damals geprügelt, auch hier in der Heiliggeistkirche! So leidenschaftlich hat man damals geglaubt!

Und wie ist das bei euch heute?
Was sagen die Leute, wenn ihr offen bekennt: „Ja, ich glaube an Gott und an Jesus Christus!“? Habt ihr auch, wie wir, ein Lehrbuch, oder woher holt ihr eure Antworten auf die großen Fragen des Lebens und Glaubens?

Ihr Konfirmanden habt gesagt, dass euch Freundschaft wichtig ist, dass Ihr für einander da sein wollt, so wie eure Familie für euch da ist! Das ist gut so.

Denkt dabei aber auch an die erste Frage meines Katechismus. Darin hat uns Jesus Christus zugesagt, dass er unser Freund ist, dass er jederzeit für uns da ist. Er hat jedem von uns versprochen:

Für Dich bin ich in die Welt gekommen.
Für Dich bin ich gestorben und von den Toten wieder auferstanden!
Nichts und niemand kann mehr Macht über Dich haben!

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde und ihr da draußen, wo immer ihr auch seid:
Diese Gewissheit, dass Jesus Christus unser Freund ist, die möge euch durch euer Leben tragen. - Amen

Predigt - Teil I

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Liebe Gemeinde!

„Wem g’herschen du!“ - Das fragen die Erwachsenen hier manchmal. Für Nichtkurpfälzer: Wem gehörst Du denn? Damit ist nicht nur die Frage nach den Eltern gemeint. Die Frage geht viel weiter: Zu welcher Familie gehörst du, und damit auch gleichzeitig: in welche Geschichte gehörst du hinein? Wer so fragt hat dabei im Hinterkopf: kein Mensch existiert für sich allein. Jeder Mensch ist mit anderen verwoben. In seiner Familie. In dem Ort, an dem er lebt. Oder durch ein Haus, das ihn mit anderen Generationen verbindet.

Aber es gibt auch Beziehungen, die nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. Davon erzählt die Antwort auf die erste Frage des Heidelberger Katechismus. Ursinus hat es eben persönlich gesagt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin.“ Oder wie es in der Neufassung heißt: „dass ich meinem Heiland Jesus Christus gehöre.“

Zwischenruf einer Konfirmandin:

Also, bevor Sie jetzt weiter reden, möchten wir erst mal eine Zwischenfrage stellen:
Warum muss ich denn überhaupt jemandem gehören?

Damals, als der Heidelberger Katechismus geschrieben worden ist, war das ja vielleicht noch so. Da waren die Bauern Leibeigene. Und die Kinder Besitz ihrer Eltern.

Aber heute ist das ja wohl echt anders!

‚Ich bin Jesu Christi eigen.’ - Wie das klingt!
Als wären wir sein Eigentum!

 

Ich kann mir gut vorstellen, dass jetzt viele nicken. Wir Erwachsenen empfinden das ganz ähnlich wie ihr. Wie gut, dass es heute in Europa keine Leibeigenschaft mehr gibt. Niemand kann einen anderen Menschen besitzen. Das ist gültiges Recht. Dafür können wir dankbar sein. Das ist aber nicht überall auf der Welt so. Denken wir nur an die vielen Kinder, die buchstäblich als Arbeitskräfte verkauft werden. Oder an die Frauen, die von ihren Männern als Eigentum betrachtet und behandelt werden.

Ich bin froh, dass ihr, liebe Konfirmanden, hellhörig und sensibel seid für die Art und Weise, wie wir reden. Manchmal wünsche ich mir das auch von anderen. Zum Beispiel wie über den Wechsel eines Fußballspielers zu einer anderen Mannschaft geredet wird. Da werden Spieler auf dem Transfermarkt „verkauft“ – wie kann das denn bitteschön sein?

Trotzdem: Das Bild einer Fußballmannschaft kann uns dabei helfen zu verstehen, was die Verfasser des Heidelberger Katechismus mit dieser Formulierung gemeint haben: Ich bin Jesu Christi eigen.
Einige von euch, liebe Konfirmanden, aber auch von Ihnen sind ja in einer Fußballmannschaft aktiv. Oder in einer anderen Mannschaftssportart. Wer in einem Team spielt weiß: es kann nur erfolgreich sein, wenn alle von „ihrer“ Mannschaft sprechen und alles dafür geben, dass die Mannschaft gewinnt. Deshalb schaut sich der Trainer sehr genau an, wen er da in sein Team aufnimmt. Und natürlich ist es eine absolute Auszeichnung, in eine erfolgreiche Mannschaft aufgenommen zu werden. Was für ein tolles Gefühl: Ich gehöre dazu!

Für die Verfasser des Heidelberger Katechismus war es so ein beglückendes Gefühl, zu wissen: Ich gehöre zu Jesus Christus und damit zur Mannschaft Gottes. Gott hat sich für mich entschieden. Das hat er mir durch Jesus Christus zugesagt. Gott will mich in seiner Mannschaft haben, in seinen Augen bin ich genau richtig für sie. Hier endet dann aber auch der Vergleich. Denn in einer Fußballmannschaft kann ich nicht ewig bleiben. Vielleicht verletze ich mich. Oder ich bin nicht mehr gut genug und andere verdrängen mich von meinem Stammplatz. Für viele Fußballer eine bittere Erfahrung.

Vorhin in der Schriftlesung haben wir gehört, dass uns das bei Gott nicht passieren kann. Gott hat sich für uns entschieden und bleibt bei seiner Entscheidung. Für alle Zeit. Er knüpft sein „Ja“ zu uns nicht an irgendwelche Bedingungen. „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist.“
Diese Zusage ist es, in der die Verfasser des Heidelberger Katechismus Trost und Gewissheit finden: Egal, was auch geschieht, Gott hält zu mir. Ich bin ihm wertvoll und kostbar. So, wie ich bin.

Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, habt danach gefragt, wo wir diese Liebe erfahren. Damit macht ihr genau dasselbe, was dieser Katechismus tut: Fragen stellen. Die Antwort könnt ihr täglich erfahren: In der Liebe und in der Freundschaft, die wir für Menschen empfinden und die wir von Menschen bekommen, ist ganz viel von der Liebe Gottes zu spüren. In euren Familien habt ihr erfahren, dass ihr geliebt seid, einfach weil es euch gibt. Klar, dass es da auch Spannungen und Streit gibt. Aber die stellen doch nicht die Liebe eurer Eltern zu euch in Frage! Durch diese Liebe wisst ihr euch getragen und geborgen. In euren Freundschaften seid ihr für einander da. Ihr beratet euch. Tröstet euch gegenseitig bei Liebeskummer. Verbündet euch gegen blöde Lehrer. Lacht zusammen, bis die Bude wackelt. Wie gut, dass ihr das sagen könnt: „Da sind Menschen, die mich mögen und lieben.“ Wie gut, dass ihr durch diese Menschen Gottes Zuwendung zu Euch erkennt und spürt.

Dafür habt Ihr Worte gefunden. In diesem Rap, den ihr auf unserer letzten Freizeit komponiert habt. Und jetzt hören wir die Uraufführung:

Rap

Was ist dein Trost im Leben und im Sterben?
Gottes Liebe zu spüren hier auf Erden!
Sag mir, wie erfährst du Gottes Liebe?
Schau doch um dich rum, so viel Not, so viel Kriege!
Klar, du hast Recht, aber nicht alles ist schlecht.
Ich hab' Familie, ich hab Freunde, welch ein Glück,
ist nicht das auch von Gottes Liebe ein Stück?

Ein Kind geboren auf Heu und Stroh,
als der Retter macht er die Welt froh.
Er hat gelebt, ist gestorben für dich und mich,
hat Gottes Vergebung nicht behalten für sich.
Er ist auch jetzt noch für uns da, wie eine Mutter,
ganz egal ob hier oder in Kalkutta.

Und weißt du was, ich vertrau auf Gottes Segen,
nicht nur hier und jetzt,
sondern auch nach diesem Leben! ***** Amen.

Predigt - Teil II

Ja, in der Liebe und Freundschaft zwischen uns Menschen lässt sich Gottes Liebe, seine Freundschaft mit uns erkennen. Bei uns hat das nur Bestand, wenn wir bereit sind, einander zu vergeben. So zeigt sich auch Gottes Liebe ganz wesentlich darin, dass er uns die Schuld vergibt, die wir immer wieder und täglich neu auf uns laden. Ein Fußballtrainer wird einen Spieler, der seine Trainingsanweisungen wiederholt missachtet, irgendwann aus seiner Mannschaft werfen. Eigentlich müsste Gott mit uns schon längst dasselbe getan haben. Denn wir schaffen es einfach nicht, so zu leben, wie es gut ist für uns, für unsere Mit- menschen, für die Schöpfung. Wir versuchen es zwar. Die meisten Menschen tun das wirklich. Aber es gelingt uns nicht. Ja, oft nicht mal in unseren Familien und unseren Freundschaften. Selbst da verletzen wir uns gegenseitig, schaden einander, fügen uns Leid zu.

Damit wir trotzdem weiter zu Gott gehören können, ist Jesus in unsere Welt gekommen. Dafür hat er unsere Unfähigkeit, nach Gottes Willen zu leben, auf sich genommen. Er ist am Kreuz gestorben, damit wir befreit werden von der Angst, aus Gottes Liebe herauszufallen.
„Gottes Vergebung behielt er nicht für sich“ – so habt Ihr, liebe Konfirmanden, das gerade in eurem Rap ausgedrückt. Und genau so ist es.
Nichts von dem, was Jesus gegeben war durch Gott, hat er für sich behalten. Alles schenkt er uns. Und wartet nur darauf, dass wir dieses Geschenk annehmen.
Dass wir auf Gottes „Ja“ zu uns mit unserem „Ja“ antworten:
"Ja, ich gehöre zu dir, Gott, hier in diesem Leben. Und auch dann, wenn mein Leben zu Ende gehen wird. Ja, sogar dann noch, wenn sich irgendwann kein Mensch mehr an mich erinnert. Nichts kann mich von deiner Liebe trennen.“

Der Heidelberger Katechismus beginnt mit diesem Satz des Vertrauens. Als ein Vorzeichen für alles, was lang und breit über den Glauben zu sagen ist. Als Ermutigung zum Leben für alle. Besonders für die, die in ihrem Leben nicht viel menschliche Liebe erfahren können. Noch einmal mit Paulus gesagt: keine Herzenskälte oder Bosheit kann stärker sein als Gottes Liebe zu uns.

Wem g’herschen Du? - Ich wünsche Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, uns allen hier in der Heiliggeistkirche und wo auch immer Sie diesen Gottesdienst mitfeiern, dass wir diese Frage froh und zuversichtlich beantworten können:
"Ich gehöre meinem Heiland Jesus Christus. Nichts wird mich von ihm trennen."

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez

Zacharias Ursinus - Pfarrer Michael Landgraf (Leiter des Religionspädagogischen Zentrums in Neustadt)

Konfirmandinnen und Konfirmanden der Altstadtgemeinde