
Liebe Gemeinde,
während wir hier in der Heiliggeistkirche Gottesdienst feiern, findet auf dem Universitätsplatz der zentrale Gottesdienst der katholischen Gemeinden zur Gründung der Stadtkirche statt. Damit findet die Umstrukturierung der katholischen Gemeinden einen vorläufigen Höhe- und Endpunkt. Heidelberg ist dabei eventuell Vorreiter für andere Städte in Baden oder ganz Deutschland. Nötig waren diese Umstrukturierungen hauptsächlich durch die schmaler werdende Personaldecke, mit der die katholische Kirche deutlich stärker zu kämpfen hat als die evangelische. Aber natürlich spielen auch die kleiner werdenden Gemeinden, die zu großen Kirchen und Gebäude, die geringer werdenden Finanzmittel eine Rolle. Und da sehen wir uns ja evangelischerseits vor die gleichen Herausforderungen gestellt.
Ich bin sehr gespannt, wie diese Stadtkirche funktionieren wird. Ob sie tatsächlich zu einer Entlastung der wenigen Priester führen wird. Und die Gemeinschaft der Katholiken untereinander stärken.
Es kann uns nicht egal sein, wie sich die Zukunft der Katholischen Kirche gestaltet. Nicht nur, weil wir heute den Bittgottesdienst für die Einheit der Kirche feiern. Sondern auch deshalb, weil wir mit den Katholiken in einem Boot sitzen. Dieses schöne alte Bild vom Schiff ist ja immer noch aktuell. Zumindest von Außenstehenden, von Menschen, die weder mit der Einen noch mit der anderen Kirche etwas zu tun haben wollen, wird kaum ein Unterschied gemacht zwischen den Kirchen. Das, was die einen sagen oder tun, fällt auch auf die anderen zurück. Da können wir uns manchmal drüber ärgern und manchmal sehr froh sein. Ändern werden wir das nicht. Wir sind gemeinsam unterwegs. Ob wir wollen oder nicht. Und ich hoffe, wir wollen!
Ja, das hoffe ich von ganzem Herzen, dass wir uns als eine Kirche verstehen. Nicht nur mit den Römisch-katholischen Christen, die hier in Deutschland neben der Evangelischen die größte Gruppe stellen. Sondern auch mit den vielen anderen Konfessionen und Kirchen, die es ja auch noch gibt. Hier in der Altstadt sind das ja Anglikaner, Alt-Katholiken und Freikirchler.
Ich finde diese Vielfalt ja spannend. Aber nur so lange wir uns gleichzeitig auch als solche verstehen, die gemeinsam Kirche Jesu Christi sind. In Vielfalt und Verschiedenheit. Aber mit dem einen Grund und Ziel. Dem einen Haupt. Und nicht gegenseitig abgewertet wird. Gar den rechten Glauben oder das rechte Bild von Kirche abgesprochen wird.
In unserem heutigen Predigttext im 4. Kapitel des Epheserbriefs geht es um eine Vision von Kirche, deren herausragendes Merkmal die Einheit sein soll.
Der Epheserbrief wurde im Namen des Apostels Paulus verfasst, um seine Botschaft zu verstärken. Es handelt sich wahrscheinlich um ein Schreiben an die Gemeinde in Ephesus, möglicherweise sogar um ein Rundschreiben zum Thema Kirche. Und da scheint mir, dass der Verfasser ähnliche Vielfalt vor Augen hatte wie wir heute.
Hören wir Epheser 4 die Verse 1-6:
1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid,
2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe,
3und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:
4 ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung;
5ein Herr, ein Glaube, eine Taufe;
6 ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.
Wir hören, als Christinnen und Christen sind wir dazu berufen "in aller Demut und Sanftmut, in Geduld" zu leben und dass „einer den andern in Liebe" ertragen möge.
Demut, Sanftmut und auch Geduld sind aus der Mode gekommene Begriffe. Sie sind obendrein häufig missbraucht worden. Dennoch verbirgt sich hinter ihnen ein Lebensmuster, das uns Menschen gut steht. Demut lässt sich nämlich übersetzen in erkennen und anerkennen, dass in diesem Leben alles Stückwerk und nichts perfekt ist. Auch mein Lebensentwurf - auch unsere Entwürfe von Kirche. Demut heißt, Grenzen erkennen und Abschied nehmen vom Machbarkeits- und Allmachtswahn und vom Perfektionsterror der uns überall umgibt. Demut heißt, die Endlichkeit anerkennen.
In diesem Sinne könnte uns die Haltung der Demut sogar befreien. Dazu befreien, dass wir als Kirche nicht immer die größten, die bedeutsamsten, die einzigen sein müssen. Gerade in einer Gesellschaft, in der Menschen mit so vielen verschiedenen Glaubensentwürfen nebeneinander leben, stelle ich mir vor, dass eine Kirche der Demut sehr reizvoll sein könnte.
Wie sähe eine Kirche der Demut aus?
Ich möchte dazu Gedanken von Fulbert Steffensky zitieren:
„Die Grundgefahr religiöser Systeme ist, dass sie sich selber nicht endlich denken können. Sie sind immer in der Gefahr, sich selber Gottesprädikate zuzulegen: sie sind die allein seligmachenden, außerhalb von ihnen gibt es kein Heil, sie sind die Wahren, und außerhalb von ihnen ist nur Lüge und Abfall. Ihre Gefahr ist, die Welt zu säubern von den Andersheiten. Der Zwang zur Einstimmigkeit lässt sie nur schwer Fremdheiten denken und dulden. Der Verlust der Endlichkeit ist der Verlust der Geschwisterlichkeit. Nur endliche Wesen sind geschwisterliche Wesen. Sich für einzigartig zu halten, heißt immer, bereit sein zum Eliminieren. Die Anerkennung von Pluralität ist die Grundbedingung menschlicher Existenz, so ungefähr hat es Hannah Arendt formuliert. Ich wünsche mir eine Kirche und religiöse Gruppen von radikaler Deutlichkeit, die ihre eigenen Traditionen, Geschichten und Lieder kennen und nicht verschweigen. Ich wünsche mir einen Glauben, der Gott unendlich sein lässt und der auf seine eigene Unendlichkeit verzichtet. Erst er ist fähig zum Zwiegespräch. ... Ich wünsche uns die Gnade der Endlichkeit. Sie erleichtert uns das Leben. Wir als Einzelne, wir als religiöse Gruppe, wir als Nation sind nicht die Garanten der Welt. Wir sind nicht der Grund des Lebens, das ist Gott, in ihm sind das Leben und die Wahrheit begründet. So können wir Fragment sein, auch als religiöse Gruppe. Welche Lebensleichtigkeit, dass wir nicht alles sein müssen. In uns muss nicht die ganze Wahrheit zu finden sein."
Wenn unsere Kirche in diesem Sinne von einem Geist der Demut geprägt wäre, wäre das nicht klasse? Menschen könnten sich in ihr voller Gelassenheit bewegen und müssten nicht ständig sich selbst und anderen etwas beweisen. Eine Gemeinschaft, die von einer solchen Haltung geprägt ist, ist sanftmütig im Sinne Jesu und verkörpert den biblischen Schalom.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Gelassenheit hat nichts mit Beliebigkeit oder Gleichgültigkeit zu tun. Gelassenheit ist eine Haltung der Mystik. Die mittelalterlichen MystikerInnen sprachen von Gelassenheit und meinten damit die heilsame Befreiung vom eigenen Ich. Die Seele wird leer für die Geburt Gottes in ihr. So, wie wir es gleich in dem schönen Tersteegenlied „Gott ist gegenwärtig“ singen werden.
Konkret heißt das, dass ich frei werde von einer Konsumhaltung, frei von der Sucht, alles nur vom Gelingen her zu beurteilen, frei von allen Gottesbildern. Übertragen auf die Kirche hieße das: Kirche ist Kirche der Gelassenheit. Eine Kirche, die sich nicht von ihrer Bedeutung und von Zahlen her definiert, sondern dadurch, ob sie im Sinne der Mystik immer auch leer werden kann um Platz zu schaffen für die Geburt Gottes in ihr, für das Wehen der Geistkraft, die Gerechtigkeit und Frieden schafft. Wie können wir uns ein solches „Entwerden" (Meister Eckard) oder „Leerwerden" in unserer Kirche vorstellen? Welche festgefahrenen Meinungen, welche festgefahrenen Gottesbilder wären zu entrümpeln?
Wer oder was könnte plötzlich hinein kommen, wofür bisher kein Platz war?
Kirche der Demut!
Demut ist der Mut zum Leben, das sich seinen Begrenzungen und Herausforderungen stellen kann. Die Einsicht in die Begrenztheit des Lebens öffnet uns gleichzeitig die Augen und das Herz dafür, wie sehr alles Leben aufeinander angewiesen ist. Und darin besteht die Würde und die Schönheit des Lebens, dass wir uns einander zu-muten. Und in diesem Sinne bekommt die Rede von der Einheit plötzlich einen Sinn. Mit Steffensky würde ich sagen, es ist schön und erleichternd, sich die Hilfe anderer gefallen zu lassen. Es steckt ein Stück Gewaltfreiheit darin, nicht nur auf sich selber zu setzen sondern sich als Teil eines Ganzen zu sehen. Wenn sich eine Konfession, eine Ortsgemeinde oder ein kirchlicher Arbeitsbereich nur sich selbst gönnt und nicht mehr, dann werten sie die anderen Orte, an denen Gott wirkt, und den anderen Reichtum ab.
Von daher bekommen die Forderungen unseres Textes nach Einheit eine leuchtende Farbe:
„ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung, ein Glaube, ein Gott"
stehen nicht für graue Uniformität, Gleichschaltung und Langeweile, sondern für die EINE Welt, in der wir leben. Sie machen auf ein Lebensmuster aufmerksam, das Vielfalt, Reichtum und Schönheit überhaupt erst ermöglicht: die Einsicht, dass wir als Menschen nicht mehr aber auch nicht weniger als ein Teil des einen umfassenden Lebensgeflechtes sind, das wir nie ganz ermessen und kontrollieren können. Was uns eint, was uns einen kann, ohne uns gleichzuschalten, ist diese EINE Welt, das Band des Friedens, das unsere individuellen Lebensgeschichten von da her wie ein roter Faden durchzieht.
Wenn wir uns als Kirche in diesem Sinne als Einheit verstehen, dann macht es Spaß, in einem Boot zu sitzen! Und so wünsche ich der Katholischen Stadtkirche Heidelberg-Eppelheim gutes Gelingen und Gottes Segen.
Amen.
