Predigttext (Matthäus 12,38-42):
Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen. Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordet ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.
Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören: Und siehe, hier ist mehr als Salomo.
Liebe Gemeinde,
kürzlich hat eine Gottesdienstbesucherin geschrieben, dass sie es schön findet, wenn eine Predigt einen aktuellen Bezug zu unserer Lebenswirklichkeit herstellt.
Als ich am Anfang dieser Woche den Predigttext für den heutigen Sonntag gelesen habe, den wir gerade als Lesung gehört haben, da hat mich die Aktualität dieses Textes fast aus den Socken gehauen: „Wir möchten gerne ein Zeichen sehen!“
Na, habe ich mir gedacht, jetzt haben wir es aber, unser Zeichen! Wer bis dahin behauptet hatte, dass unsere Atomkraftwerke absolut sicher seien, der war doch jetzt endlich eines besseren belehrt. Zornig war ich, und sauer auf die, die sich jetzt hinstellten und sagten: Seit Japan ist alles anders und wir müssen ganz neu nachdenken! Als ungeheuerlich habe ich diese Aussage empfunden, haben wir doch schon vor dreißig Jahren gegen Atomkraftwerke demonstriert in der festen Überzeugung, dass es eben keine absolute Sicherheit gibt.
Wie kann jetzt jemand behaupten, dass so eine Katastrophe wie in Japan nicht vorstellbar gewesen sei? Hat es wirklich erst eines so furchtbaren Zeichens bedurft, damit klar wird: Wir beherrschen die Natur nicht und wir beherrschen schon gar nicht solche Kräfte, wie sie durch die Kernspaltung aktiviert werden.
Es wäre eine zornige Predigt geworden, hätte ich sie zu Wochenbeginn geschrieben. Voller selbstgerechter Überzeugung, dass ich ja schon immer auf der richtigen Seite gestanden habe. Fertig mit meinem Urteil über diejenigen, die tatsächlich durch die Katastrophe in ihrem festen Vertrauen in unsere menschengemachte Technik zu tiefst erschüttert worden sind.
Es hat die ganze Woche, es hat bis Freitagabend gedauert, bis leiser Zweifel in mir gewachsen ist. Ist das wirklich meine Aufgabe, in dieser Situation, in der so viel Angst und Unsicherheit eine Rolle spielen, die Selbstsichere zu mimen?
Klar, Jesus scheint dies in unserem Predigttext auch zu tun: „Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen!“ So antwortet er den Pharisäern und Schriftgelehrten auf ihre Bitte um ein Zeichen dafür, dass er, der so wortmächtig redete, auch mit Vollmacht ausgestattet war.
„Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen.“ Er, der doch so viele Zeichen gegeben hat, der sich immer wieder ganz ohne Aufforderung durch sein Handeln legitimiert hat, weigert sich, diese Bitte zu erfüllen. Weil er genau wusste, dass ein Zeichen allein überhaupt keinen Sinn hat. Weil ein Zeichen immer so und auch ganz anders gedeutet werden kann. Dass ein Zeichen nur etwas verändern kann, wenn diejenigen, die es sehen, bereit sind, sich selber in Frage stellen zu lassen.
Doch die Antwort Jesus geht ja noch weiter: „Aber es wird ihm keine Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.“ Und dann erinnert Jesus die Zuhörenden daran, wie das damals gewesen ist mit Jona. Wie er vor Gott geflohen war, weil er seinen Auftrag für inakzeptabel hielt. Wie durch seine Schuld ein ganzes Schiff samt Besatzung in Todesgefahr gekommen ist. Wie Jona eigentlich dem sicheren Tode ausgeliefert war. Und wie er doch von Gott durch den großen Fisch gerettet worden ist. Von diesem Zeichen spricht Jesus. Er erinnert die Zuhörenden an die große Barmherzigkeit Gottes, durch die der abtrünnige Jona wieder zurück ins Leben gebracht worden ist. Und dann andere zur Umkehr zu Gott bewegen kann. Die Leute von Ninive sind schließlich die, die ihre eigene Rettung der Rettung Jonas zu verdanken haben. Barmherzigkeit setzt sich fort. Erfahrene Rettung wird weitergegeben und wird zur Kraft, die Leben neu möglich macht.
Sah ich mich also am Anfang der Woche durch unseren Predigttext noch dazu ermutigt, meine ganze Wut und Fassungslosigkeit in die Predigt zu legen, so hat mich schließlich ein Gespräch mit einem jungen Kollegen zum Nachdenken gebracht. Der enttäuschte Jesus weist auf die Barmherzigkeit Gottes hin und ich setze mich getrost auf die Seite derer, die verdammen? Bin ich damit nicht genauso auf dem falschen Dampfer wie diejenigen, die die Katastrophe tatsächlich als Zeichen deuten, als Zeigefinger Gottes: Seht ihr, ihr bösen Menschen, so geht es, wenn ihr größenwahnsinnig werdet?
Und so war ich gestern mit meinen Gedanken endlich da, wo Jesus selber schon die ganze Zeit gewesen ist. Bei denjenigen, die durch die Naturkatastrophe vor neun Tagen von schrecklichem Leid getroffen sind. Und bei denjenigen, die mit der Angst leben müssen, dass ihre Umwelt und sie selbst durch radioaktive Strahlung auf furchtbare Art vergiftet werden.
Reminiszere – so heißt der Sonntag heute. Reminiszere, das ist ein Wort aus der lateinischen Übersetzung des 25. Psalms und bedeutet „gedenke“. Seit dem vergangenen Jahr ist der Sonntag Reminiszere für die ganze Evangelische Kirche in Deutschland der Sonntag, an dem in besonderer Weise der bedrängten Christen in der Welt gedacht werden soll. Und wir verbinden uns an diesem Sonntag mit den Christen weltweit. Mit denen, die wie wir in Freiheit unseren Glauben leben können. Mit denjenigen, die als Christen von vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen sind. Schließlich mit denen, die um ihr Leben fürchten müssen, weil sie zur christlichen Minderheit gehören. Mit ihnen und mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern, denen wir die Psalmen zu verdanken haben, bitten wir Gott heute rund um den Erdball: Reminiszere! Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit gewesen ist.
Mitten in der Passionszeit, in der wir des Leidens Jesu gedenken, flehen wir Gott darum an, dass er seinerseits sich an seine Barmherzigkeit erinnert. Dass er seine Güte neu zum Wirken bringen möge dort, wo Menschen sich verlassen fühlen müssen von Gott und der Welt.
Und das sind ja erschreckender weise nicht ausschließlich die Menschen in Japan, wo noch über 10 000 Menschen vermisst werden. Wir waren in der vergangenen Woche ja hin und hergerissen zwischen den Bildern aus dem fernen Asien und dem uns sehr viel näheren und doch so fremden Norden Afrikas. In Libyen, im Bahrain, im Jemen, von überall erreichen uns die Schreckensmeldungen. Und dann wissen wir, dass uns von vielen Orten, die momentan nicht im Medienrummel stehen, die Nachrichten nicht mehr erreichen. Und dass dadurch das Elend dort noch größer wird.
Reminiszere! Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit gewesen ist.
Braucht Gott diese Erinnerung? Sollten wir wirklich fürchten müssen, dass er seine eigene Güte und Barmherzigkeit vergisst, wenn wir ihn nicht daran erinnern?
Das kann wohl ernsthaft niemand glauben.
Warum aber dann dieses flehentliche „Reminiszere!“
Weil es unsere Erfahrung ist, dass wir uns von Gottes Barmherzigkeit und seiner Güte ausgeschlossen fühlen. Weil es nicht nur in den großen Katastrophen geschieht, dass Menschen sich von Gott verlassen wähnen.
„Reminiszere! Gedenke!“ Das ist die Bitte eines Menschen, der mehr braucht als das theoretische Wissen, dass sich Gott auf der Seite der Leidenden befindet. Der zernagt ist von den Fragen nach dem „warum?“. Zernagt aber auch von den Gefühlen eigener Schuld und Versagens. Zernagt von Vorwürfen gegen andere, gegen sich selber, gegen Gott.
„Reminiszere! Gedenke!“ Aus diesem flehentlichen Ruf klingt aber auch die Hoffnung, dass es durch die Zuwendung Gottes zu einem neuen Anfang kommen kann. Dass die jetzige Situation zwar unerträglich ist, aber nicht ausweglos. Zwei Verse weiter heißt es im Psalm 25: „Der Herr ist gut und gerecht, darum weist er Sündern den Weg.“ Um einen neuen Weg geht es, den sich Menschen erhoffen. Den sie sich auch als Sünder erhoffen dürfen. Lange schon bevor Jesus durch sein Leben, durch sein Sterben und sein Auferstehen den Weg zu Gott endgültig frei gemacht hat, haben Menschen darauf vertraut, dass sich Gott ihnen in ihrer wie auch immer verkorksten oder verqueren Lebenslage so zuwendet, dass es für sie möglich wird, auf einem neuen Weg zurück ins Leben zu gehen.
Reminiszere! Gedenke! Jesus erinnert die Pharisäer und Schriftgelehrten an das Zeichen des Jona in der Hoffnung, dass auch sie sich wie die Menschen in Ninive auf einen neuen Weg bringen lassen.
Und wir heute hören es als solche, die darum wissen, dass auch wir neue Wege gehen müssen. Die wir erkannt haben, dass wir nicht einfach so weiter machen können wie bisher. Daran, ob wir aufrichtig nach solchen neuen Wegen suchen wird sich entscheiden, ob wir nicht ein böses, abtrünniges Geschlecht sind, das sich durch Zeichen nicht ändern lässt.
Wir alle wissen auch, dass neue Wege nicht immer leicht zu finden und schon gar nicht leicht zu gehen sind. Die Fastenzeit lädt uns aber dazu ein, es doch zu probieren. Der zeitweise Verzicht auf bestimmte liebgewonnene Gewohnheiten oder auch eine einschneidende Veränderung der Lebensweise machen uns deutlich: Wir müssen nicht immer so weitermachen wie bisher. Wir sind nicht dazu verdammt, immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Wir haben das Zeichen des Jona. Die Leute aus Ninive haben es uns vorgemacht und ihren Lebensstil radikal geändert.
In der vergangenen Woche war Lea Fleischmann, Schriftstellerin aus Jerusalem, bei uns zu Gast und hat uns in die jüdische Lebensweise eingeführt. Unter anderem hat sie uns von ihren Erfahrungen mit dem Schabbat erzählt, den sie als deutschstämmige Jüdin erst in Jerusalem kennen und liebengelernt hat. Auch dieser Tag, diese Unterbrechung im üblichen Lebensrythmus, im bewussten Ruhen und Ruhen lassen der Natur ist ein wertvoller Beitrag zu einem Leben im Einklang mit der Schöpfung, die Ruhe braucht. Zeit, sich zu Erholen von allem, was wir ihr abverlangen.
Bei der Frage: was kann denn schon der Einzelne tun, damit die Welt weniger Energie und damit weniger gefährliche Kraftwerke braucht? Kann unser Umgang mit dem Sonntag ein wichtiger Teil der Antwort sein. Nicht umsonst gehört die Heiligung des Feiertags zu den 10 Geboten. Nicht umsonst wird er schon in der Schöpfungsgeschichte erwähnt und geschützt. Der Sonntag bietet uns so wunderbare Möglichkeiten aus dem Alltag mit all seinen Anforderungen herauszutreten und ihn als den Tag zu feiern, der uns bewusst macht, dass wir mehr sind als Arbeitnehmer oder Unternehmer oder Versorgende. Ein Tag ohne die üblichen Pflichten des Wäschewaschens, aber auch ohne unüberlegte Autofahrt. Ein Tag, an dem wir aufatmen und mit uns die Schöpfung.
Reminiszere – erinnern wir uns an die guten Gebote, die uns Gott gegeben hat, damit wir gemeinsam als Teil seiner Schöpfung gut leben können. Heute, aber auch noch in Tausenden von Jahren.
Amen.
