Sonntag Invokavit 2012 (26. Februar)

Predigt von Pfarrerin Sigrid Zweygart-Pérez

Liebe Gemeinde,

„Hunger auf Verzicht – Fasten liegt wieder voll im Trend – Statt Fleisch liegt jetzt Fisch auf dem Teller“. Das war der Titel des Konstanzer Südkuriers am Aschermittwoch. „Wow“, habe ich gedacht, „das zeugt doch von einem schier unglaublichen Willen zum Verzicht.“ Dazu das Bild des völlig überfischten Speisefisches Scholle. So hatte doch der Aschermittwoch gleich seine amüsante Seite und ich nicht mehr ganz so ein schlechtes Gewissen, weil ich mir bis dato noch nicht wirklich ernsthafte Gedanken gemacht hatte, worauf ich eigentlich in dieser Fastenzeit verzichten möchte. Denn Fisch statt Fleisch, das ist für mich als Vegetarierin nicht wirklich die Herausforderung, nach der ich suche.

Sieben Wochen ohne Facebook! – das ist für den Einen und die Andere eine echte Herausforderung, die sie annehmen möchten. Weil sie spüren, dass da irgendetwas in Schieflage geraten ist. Und weil das ständige Kommunizieren im Netz eben auch seine zeitfressenden und bewegungsfeindlichen Seiten hat.

"Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz" – das ist das offizielle Motto in diesem Jahr der EKD-Aktion „Sieben Wochen ohne“. Und ich fürchte, ich werde mindestens diese Sieben Wochen brauchen, um dahinter zu kommen, was falscher Ehrgeiz eigentlich ist. Wo ist mein tatsächlicher Ehrgeiz gefragt, meine ganze Leidenschaft und all mein Engagement? Und wo überschreite ich Grenzen, die mir selber zuliebe und der Sache wegen besser gewahrt blieben?
Das ist ja in der Tat immer wieder nicht so ganz einfach zu beurteilen.

Aber ist das tatsächlich eine Frage für die Fastenzeit?

Weil auch sieben Wochen – so lange sie einem manchmal vorkommen können – eine begrenzte Zeit sind, möchte ich gleich heute mit Ihnen anfangen, herauszubekommen, ob „Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz“ ein angemessenes Motto für eine Vorbereitung auf das Gedenken des Leidens, des Todes und der Auferstehung Jesu sein kann. Denn darum zu allererst geht es in der Fastenzeit.

Sicher keine zu vernachlässigende Frage ist dabei, wie Jesus Fastenzeiten erlebt hat.

Und so lesen wir bei Matthäus im 4. Kapitel:

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.
Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.
Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«
Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«
8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«
11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Es erstaunt uns wohl alle weiter nicht, dass die 40 Tage, die Jesus in der Wüste fastend verbringt, nur wenig gemeinsam haben mit unserer Luxusversion des Fastens – Fisch statt Fleisch. Auch nicht mit dem Verzicht auf das abendliche Glas Rotwein oder eben auch dem tägliche Zeitverplempern bei ebay oder facebook. Sie waren eine Zeit der Entscheidung für Jesus, der eben nicht als Superretter vom Himmel gefallen war, sondern in diese Welt hineingeboren. Der vom Kind zum Mann geworden war und sich seiner Bestimmung erst bewusst werden musste.

Interessanterweise – und das hilft mir bei unserer Frage nach unserem Fasten heute wirklich weiter – interessanterweise ist es tatsächlich die Frage nach dem persönlichen Ehrgeiz, die ihn in Versuchung führt. Drei Mal, so erzählt der Evangelist Matthäus, drei Mal muss er sich entscheiden zwischen der Verlockung, die Welt aus eigener Kraft, Macht und Fähigkeiten zu retten. Oder der Einsicht, dass auch er sich ganz und gar Gott verdankt und nichts ist ohne ihn.

Wie groß muss die Versuchung gewesen sein, der sich Jesus da ausgesetzt gefühlt hat! Denn ist es nicht in der Tat verlockend, aus Steinen Brot machen zu können? Wenn wir die Bilder aus dem Sudan oder anderen Ländern sehen, in denen Menschen vor Hunger sterben, wenn wir uns jedes Speckröllchens schämen, das sich um unseren Bauch oder unsere Hüften herumgelegt hat, weil wir eben nicht nur mehr als genug haben sondern zu viel des Guten, während andere vom täglichen Brot nur traurig träumen können?

Wer von uns wäre davor gefeit aus lauter Mitleid Steine in Brot verwandeln zu wollen? Denn Steine gibt es ja im Überfluss und wir müssten auf gar nichts verzichten, wenn wir die in ausreichender Form in Brot verwandeln könnten.

Aber da das natürlich sowieso nicht geht, haben wir uns andere Mittel einfallen lassen. Der Teufel ist ja nicht dumm. Er hat uns andere Methoden zur Verfügung gestellt, mit denen wir den Hunger der Welt meinen stillen zu können ohne selber verzichten zu müssen. Eine Methode führt uns die Ausstellung „arte sustenibele“ hier direkt vor Augen.

Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, warum hier im Chorraum eine junge Kuh und ein Stier an der Wand hängen, die bis zu den Knien im Wasser stehen. Zwar weiß ich nicht, ob es der Wissenschaft schon gelungen ist, Kühe mit sechs Zitzen zu züchten, aber sogenannte Turbokühe gibt es schon lange. Die für einen gewaltigen Milchüberschuss bei uns gesorgt, aber meines Wissens noch nicht wirklich etwas zur Beseitigung des Welthungers beigetragen haben. Stattdessen leiden Millionen von Tieren an ihrer Haltung und an der Form ihrer Züchtung, die mit dem Ziel eines maximalen Profits verfolgt werden. Und vergrößern oft noch den Hunger der Menschen in den armen Ländern, wo statt Lebensmittel für die Bevölkerung Futtermittel für die Rinder angepflanzt werden, die auf unserem Tisch enden. Die gnadenlose Ausbeutung der Natur, der Tiere, Böden und Gewässer, wie wir sie betreiben, ich bin sicher, dass sich der Teufel darüber ins Fäustchen lacht und seine Rechnung glänzend aufgehen sieht. Denn wir haben tatsächlich geglaubt, dass sich aus Steinen etwas herstellen lässt, was satt macht.

Auch mit der Ausstellung „sustainable art“ werden wir die Welt nicht retten. Und das ist auch nicht nötig. Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz. Die Welt rettet Gott durch Jesus Christus.

Aber ich bin trotzdem froh, dass uns diese Ausstellung durch die Fasten- und Osterzeit begleiten wird. Weil sie ohne jeden moralischen Zeigefinger, ohne besserwisserische Vorhaltungen Lust darauf macht, über die Möglichkeiten nachzudenken, die uns tatsächlich gegeben sind. Wenn uns da ein Auto vorgeführt wird, dass mit einem Liter Wasserstoff mehrere Tausend Kilometer fährt, wenn wir sehen, wie mit einfachen Brennlinsen die Sonnenkraft effektiv genutzt werden kann, dann lässt uns das ahnen, was alles möglich ist, wenn wir die Bewahrung der Schöpfung als ein Gut für alle Menschen dieser Welt ernst nehmen. Und das mit Spaß, Kreativität und viel Teamgeist.

Viel Spaß werden Sie alle haben, wenn Sie die Ausstellung hier und in der Providenzkirche anschauen, das verspreche ich Ihnen, wenn auch keinen oberflächlichen Spaß.

Es wäre dann ein oberflächlicher Spaß, wenn in der Ausstellung die Not dieser Welt nicht zur Sprache käme. Aber das tut sie, vielleicht manchmal erst beim zweiten Hinsehen, aber so ist es ja auch oft mit der Not. Sie ist gerne kaschiert und verschämt verborgen.

Wie kann Gott das zulassen, dass es so viel Leid und Not gibt auf der Welt? Vielleicht eine der am Meisten bedrängenden Fragen. Vielleicht die listigste Frage, mit der uns der Versucher einflüstern will, dass wir die Sache schon selber in die Hand nehmen sollten. Denn die Engel, die uns Gott schickt, die versagen doch offensichtlich all zu oft.

Jesus wird hier in unserem Predigttext, als der Teufel ihn auffordert, von der Zinne des Tempels hinabzuspringen, nicht das einzige Mal in seinem eher kurzen Leben mit dieser Versuchung konfrontiert. Die Frage, ob mit Gott an unserer Seite nicht das Leben wunderschön und froh und glücklich verlaufen sollte, muss er gegenüber Petrus, der ihn von seinem Weg abhalten will und in seinen letzten Lebensstunden noch ein Mal für sich beantworten. Im Garten Gethsemane, wo er erkennen muss, dass sein Weg mit Gott ein Weg durch Leiden und Tod sein wird.

Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz. Wir können das Leid dieser Welt, die Not von Menschen nicht immer und überall beheben. Aber – und auch dazu animiert uns die Ausstellung – wir können hinsehen. Hinsehen, wo Menschen Zuwendung brauchen. Hinsehen, wo Dinge nicht in Ordnung sind, wo das Zusammenleben von Menschen nicht gelingt und dadurch manche von uns auf der Strecke bleiben. Viel Leid und Not wären nicht möglich, wenn wir mehr hinsehen, weniger wegschauen würden.

Die Ausstellung „arte sustenibile“ führt uns schließlich in verschiedene Länder der sogenannten Dritten Welt. Vielleicht können wir dadurch auch die dritte Versuchung nachvollziehen, der Jesus sich ausgesetzt sah, als ihm der Versucher die Weltherrschaft antrug. Ja, wie viele Menschen sind eben dieser Versuchung erlegen im Laufe der Geschichte. Eine gerechte Weltordnung, die muss doch irgendwie herzustellen sein. Was auch immer damit gemeint ist. In den Augen der Eroberer war es gut für die sogenannten Eingeborenen, wenn sie der europäischen Lebensweise unterworfen wurden. Immer noch besteht Entwicklungshilfe in weiten Teilen darin, bei uns hergestellte Güter in ferne Länder zu bringen. Selbst unser Demokratieverständnis sieht eigentlich nicht vor, dass es Völker gibt, die mit einer anderen Staatsform glücklich werden können.

Wir stehen zwar nicht auf einem hohen Berg, aber die modernen Medien bieten uns doch einen Blick in die Lebenswirklichkeit von Menschen, die uns fremd erscheint. Nicht nur weit weg, sondern auch hier bei uns.

Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz – das könnten auch sieben Wochen werden, in denen wir mehr zuhören als reden. Mehr lernen wollen als belehren.

Sieben Wochen sind nicht allzu lang. Aber es ist Zeit. Zeit, herauszufinden, wo denn die Versuchungen liegen, denen ich mich selber ausgesetzt sehe. Wo mich der Versucher wegbringen will von der heilmachenden und heilschaffenden Botschaft, dass ich mich ganz und gar Gott verdanke. Dass er die Welt erlöst hat und ich sie deshalb nicht mehr zu retten brauche. Dass auch ich zu den Erlösten gehöre und deshalb mit tiefem Vertrauen mein Leben leben kann, das nicht ohne Leid und Not bleiben wird. Und ich im Bewusstsein meiner Erlösung überall dorthin ein wenig Freude tragen kann, wo Menschen darauf warten. Ihnen diese Botschaft weitergeben, dass sie angenommen sind, so wie sie sind. Nicht mehr und nicht weniger. Ohne falschen Ehrgeiz.

Amen.