Aus Matthäus 28:
1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.
4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.
5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat;
7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. 8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.
9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.
10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.
Liebe Gemeinde,
ich weiß nicht genau, wie viele Osterpredigten ich schon gehalten habe. 16 oder 17 sind es auf jeden Fall. Keinen Überblick darüber habe ich, wie oft ich schon die Ostergeschichte gelesen oder in der Schule erzählt habe.
Eines aber weiß ich ziemlich gewiss: ich habe einem Satz in der Ostererzählung, wie sie uns Matthäus überliefert, noch nie besondere Beachtung geschenkt. Das aber hat sich in diesem Jahr gewaltig geändert. Es ist der zweite Satz im 28. Kapitel: „Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben.“
Wie kann man einen solchen Satz einfach so ignorieren, frage ich mich heute staunend? Liegt es daran, dass wir hier in Deutschland so gut wie keine eigenen Erdbebenerfahrungen gemacht haben? Oder habe ich diese Bemerkung des Matthäus – unbewusst – gleich ins Reich der Dichtung eingeordnet, weil ja die anderen Evangelisten nichts von einem Erdbeben berichten?
Ich kann es Ihnen nicht sagen.
Bei der Vorbereitung für den Gottesdienst heute, da hat mich dann dieser Satz aber doch getroffen wie der Blitz. Und ich habe mich gefragt: Wie hören unsere Geschwister in Japan in diesem Jahr die Osterbotschaft des Matthäus? Wie die in Chile und in Burma und Thailand?
Noch leben Zigtausende in Notunterkünften. Noch ist der Wiederaufbau in den betroffenen Ländern in weiter Ferne. Und immer noch ist die Erde nicht zur Ruhe gekommen, bleibt die Angst vor weiteren zerstörerischen Beben.
Ich stelle es mir schwer vor, in einer solchen Situation ein fröhliches, unbeschwertes Osterfest zu feiern.
Vielleicht geht es den Menschen in den betroffenen Gebieten viel mehr so, wie den Wächtern am Grab und den Frauen, die frühmorgens gekommen waren. Sie sind erschrocken, fassungslos. Die Wächter fallen gleich mal um, sich tot stellen ist ja eine beliebte Taktik, um Gefahren abzuwenden.
Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sich die Christen in Japan heute, am Ostersonntag, eher verhalten wie die Frauen, von denn Matthäus erzählt. Sie bleiben bei Sinnen und können so hören, was ihnen der Engel zuspricht: Fürchtet euch nicht!
Und ich denke das nicht nur deshalb, weil wir die Japaner in den vergangenen Wochen als ein unglaublich gefasstes und diszipliniertes Volk kennen gelernt haben. Ich denke das vor allem auch deshalb, weil das Osterfest heute zusammenfällt mit dem Gedenktag für eine japanischen Christen, an den sich nicht nur Japaner dankbar erinnern. Auch die anglikanischen Episkopalkirche der Vereinigten Staaten von Amerika verehrt Toyohiko Kagawa als Heiligen.
Kagawa, 1888 geboren, war als junger Mann Christ geworden und hat dafür die Enterbung und Verstoßung aus seiner Familie in Kauf genommen. Sein Leben in der Nachfolge Jesu führte ihn zunächst für 14 Jahre als Pfarrer in die Armenviertel seiner Heimatstadt Kobe. Mit der Armut der Menschen dort und in anderen Teilen Japans wollte er sich aber nicht abfinden. Und so ging er nach Princeton zum Studium der Wirtschaftswissenschaften. Ausgestattet mit diesem Wissen wurde er zum bedeutenden Sozialreformer seines Landes. Und er ging dafür auch schon mal ins Gefängnis, wenn er gemeinsam mit Gewerkschaftlern demonstrierte. Oder später, als er sich als Vertreter Japans öffentlich beim Chinesischen Volk für die Besetzung ihres Landes entschuldigte.
Nach dem verheerenden Erdbeben von 1923, bei dem ¾ der Bevölkerung Tokios obdachlos geworden und über 100 000 Menschen umgekommen waren, wurde er von der Regierung in die Kaiserliche Wirtschaftskommission berufen, damit den Menschen wirksam geholfen werden konnte. 1930 begann er seine Evangelisation als Reich-Gottes-Bewegung, in der Laien gleichzeitig für die Evangelisation und die Organisation von Arbeiter- und Bauerngenossenschaften ausgebildet wurden. Er war es, der ein neues Bodengesetz anregte, das dazu führte, dass 45 % der japanischen Landwirte erstmalig über ein eigenes Stück Land verfügten. Er reiste 1941 mit einer Kommission des Außenministeriums nach Washington, um die drohende Kriegsgefahr abzuwenden.
Toyohiko Kagawa, der über 130 Bücher verfasst hat, wurde sowohl für den Literatur- als auch den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Er war aber vor Allem das: ein tiefgläubiger Mensch, der davon überzeugt war, dass wir als Christen an einen tätigen Gott glauben, der von uns tätige Liebe erwartet.
Heute also, am Ostersonntag, wird dieses Mannes gedacht. Es sind Menschen wie er, die so leben, dass denjenigen, denen der Schrecken in die Glieder gefahren ist, das „Fürchte dich nicht“ des Engels vertrauenswürdig erscheint. Es sind Menschen wie er, die sich nicht damit abfinden, dass die Welt so ist wie sie ist, die die Hoffnung auf Veränderungen wach halten und sie mit ihrer ganzen Lebenskraft, ihrem Wissen und ihren Kompetenzen voranbringen. Es sind Menschen wie er, die glaubwürdig vertreten, dass das letzte Wort in unserem Leben nicht „Tod“ und „Zerstörung“ sind, sondern Gottes: „Du bist mein“.
Wir können nur hoffen, dass auch die Menschen in den anderen Erdbebengebieten jetzt auf solche Menschen wie Toyohiko Kagawa treffen. Die sich ihrer in ihrer Not annehmen und mit ihrer Anwesenheit etwas von der Furcht nehmen.
Und was ist mit uns? Brauchen wir hier in unserem erdbebensicheren Land nicht genau solche Menschen wie Toyohiko Kagawa? Menschen, die mutig und kompromisslos für ihren Glauben eintreten? Und zwar nicht mit polemischer Abgrenzung gegen Andersgläubige und Andersdenkende, sondern durch die überzeugende Tat, die den Glauben an einen den Menschen zugewandten Gott sichtbar und erlebbar machen?
Ja, vielleicht brauchen gerade wir hier in unserem alten christlichen Abendland Menschen wie Toyohiko Kagawa, die uns die Osterbotschaft neu hören lassen. Wir, die wir erleben, wie der christliche Glaube mehr und mehr marginalisiert, an den Rand gedrängt wird, brauchen neu das Vertrauen: „Siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen“. Wir brauchen das Vertrauen, dass wir nicht irgendwo verloren zwischen Säkularisierung und Islamisierung hin und hertrudeln, sondern dass wir auf dem Weg sind, dem Auferstandenen zu begegnen. Er selber geht vor uns her.
Und doch ist es kein Weg, der uns erst irgendwann in ferner Zukunft in die Begegnung mit Jesus führen wird. Die Frauen, die sich aufgemacht haben, um den Jüngern die Botschaft von der Auferstehung zu sagen, wie es der Engel ihnen gesagt hat, die erleben es gleich hautnah: Jesus kommt ihnen entgegen. Er grüßt sie und lässt sich von ihnen berühren. Was der Engel versprochen hat, wird für die Frauen Wirklichkeit. Sie wissen nun aus eigener Erfahrung: Jesus lebt.
Menschen wie Toyohiko Kagawa können für Andere zu Engeln werden, die auf die Wirklichkeit Jesu hinweisen. Sie können mit ihrem Leben zu einem lebendigen „Fürchte dich nicht“ werden. Die Begegnung aber mit dem Auferstandenen selber ersetzen sie nicht.
Was wir brauchen ist, dass wir einander von diesen Begegnungen erzählen. So wie die Frauen den Jüngern von ihrer Begegnung mit dem auferstandenen Jesus erzählt haben.
Wenn wir nicht wollen, dass die christliche Botschaft mehr und mehr zu einer Randerscheinung in unseren Familien, in unserer Stadt und in unserem Land wird, dann müssen wir alle zu solchen Menschen wie Toyohiko Kagawa werden, die mit ihrem Wort und ihrer Tat Christus verkündigen. In der Rhein-Neckarzeitung ist es inzwischen so, dass in der Ausgabe vom Gründonnerstag die Seite, die die Botschaft vom Karfreitag thematisiert, ganz hinten nach dem Fernsehprogramm, eingeklemmt zwischen Sportteil und Todesanzeigen, zu finden ist. Wenn das so ist, dann ist es um so wichtiger, dass wir als diejenigen, die wissen, dass Jesus Christus für uns gestorben und auferstanden ist, erzählen, dass wir diesem Jesus Christus vertrauen. In unseren Familien, in der Schule, am Arbeitsplatz, in einem Leserbrief in der Rhein-Neckar-Zeitung.
Die Botschaft, dass Gottes Liebe stärker ist als alles, was uns bedroht, stärker sogar als der Tod, diese Botschaft hören wir. Besonders an Ostern, aber auch an jedem Sonntagmorgen, wenn wir das ganze Jahr hindurch ein kleines Ostern feiern. „Fürchtet euch nicht“ sagt uns der Engel auch heute Morgen zu. „Fürchtet euch nicht, euch auf den Weg zu machen, Jesus zu begegnen. Er geht vor euch her. Er ist mit euch auf dem Weg. Auf dem Weg zum Leben. Und ihr, ihr könnt von ihm erzählen. So, dass es diejenigen hören, die noch in der Traurigkeit und in der Not sitzen.
Nicht alle werden diese Botschaft hören wollen. Wir werden damit leben müssen, dass Viele sich über uns lustig machen. Damit sind wir in bester Gesellschaft seit 2000 Jahren.
Aber lassen wir uns von Toyohiko Kagawa dazu ermutigen, über diese Anfeindungen und Belächelungen hinweg treu und vertrauensvoll zu unserem Glauben zu stehen. Und mit diesem Glauben Gutes zu tun. Auch denjenigen, die über uns lachen.
Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen. Dort werden sie mich sehen.
Amen.